How to Zivilcourage – Wie überwindet man sich und hilft richtig?

geposted am

Arnsdorf (Sachsen) am 21. Mai. Ein psychisch kranker Asylwerber aus dem Irak versucht verzweifelt seine zuvor erworbene Telefonkarte zu aktivieren, kann sich aber aufgrund seiner Behinderung mit niemandem darüber verständigen.

© Lena Gruber

Aus Frustration kehrt der 21-jährige, trotz Ortsverweis der Polizei, noch zwei weitere Male zurück in dem Supermarkt. Als er ihn ein drittes Mal aufsucht, wird er von einer Gruppe Männer verprügelt, aus dem Supermarkt gezerrt und mit Kabelbindern an einen Baum gefesselt. Nach Eintreffen der Polizei wird der Asylwerber wieder zurück in die Klinik gebracht, in der er sich zuvor befunden hat. Die Personalien der Täter werden nicht aufgenommen und weiter ermittelt wird auch nicht.

Viele Schaulustige hatten das „Spektakel“ um den Supermarkt beobachtet. Geholfen hat dem Opfer niemand. Die Frage, die sich nun stellt ist: Hat das an fehlender Zivilcourage gelegen? Wie kann man über seinen eigenen Schatten springen und in brenzligen Situationen richtig reagieren? Polizist K. M. verrät, wie man sich richtig verhält und was bei dem Vorfall in Arnsdorf falsch gelaufen ist.

© Unsplash

Wie reagiert man in so einer Situation, wie in dem genannten Vorfall, als Passant richtig?

K. M.: Es gibt kein Grundrezept für alle Situationen in jeglicher Form. Das muss man sehr individuell nach den Gegebenheiten entscheiden und auch danach richten, was mitunter zur Verfügung steht. Wobei man immer abschätzen muss: „Was will ich?“ und „Was muss ich?“. Sind Menschen gefährdet? Betrifft es nur materielle Dinge, die dann beschädigt werden? Und wie gestaltet sich die Gesamtsituation: Ist eine Waffe im Spiel? Das sind alles Dinge, die ich vor dem Handeln einfach überlegen muss.

 

Was mache ich, wenn ich bei einem Vorfall einschreite und der Täter mir gegenüber aggressiv wird?

K. M.: Wenn ich für mich moralisch vereinbare, dass ich jetzt einschreite, muss ich mir gleichzeitig auch überlegen: „Was mache ich, wenn sich Aggression schlagartig gegen mich richtet?“. Mit dem muss ich einfach rechnen, denn das passiert sehr oft und ich müsste dann schon ein Konzept im Kopf haben. Wenn ich erst mit Nachdenken anfange, wenn ich angegriffen werde, dann bin ich meist in einer Stresssituation, in der mir das kognitive Denken nicht mehr möglich ist.

 

Wie kann ich den Täter beruhigen?

K. M.: Wenn er eine Waffe hätte, wäre es sehr unvernünftig sich einzumischen. Sollte man keine Waffe sehen, dann wäre eine Möglichkeit, dass ich den Täter anspreche und versuche mit beruhigenden Worten zu erfragen, was das Problem ist. Herausfinden, was für eine Situation vorliegt, Verständnis zeigen und eventuell Lösungsansätze geben.

 

Was mache ich, wenn ich bei so einem Vorfall dazustoße und der Täter flüchtet?

K. M.: In erster Linie geht natürlich die erste Hilfe von verletzten Personen vor. Alles weitere, sowie Täterermittlung und Täterverfolgung, ist zweitrangig. Wenn ich den Täter aber sehe, wäre es von Vorteil, wenn ich mir eine Personenbeschreibung merke. Außerdem sind Blaulicht-Organisationen über Direktleitungen miteinander verbunden. Wenn ich also die Rettung für das Opfer rufe, wird automatisch von deren Leitstelle die Polizei verständigt.

 

Angeblich ging von dem Opfer im Supermarkt zuvor „aggressives“ Verhalten aus, war die Reaktion der selbsternannten „Bürgerwehr“ angemessen?

K. M.: Absolut nicht. Es war keine Situation vorhanden, die eine derartige Selbstjustiz rechtfertigt. Es gab keinen Grund einfach diese Maßnahmen, die dann letztendlich der Polizei in einem Rechtsstaat vorbehalten sind, selbst in die Hand zu nehmen.

 

War es in Ordnung das die Polizei in dem Fall nicht mehr weiter gegen die „Bürgerwehr“ ermittelt hat?

K. M.: Nein, das hätte auf gar keinen Fall so sein dürfen. Es besteht Verdacht auf gerichtlich strafbare Handlungen und das hätte Ermittlungen nach sich ziehen müssen. Unter anderem wegen Körperverletzung und Freiheitsentziehung.

 

Wie verhalte ich mich, wenn ich sehe, dass „falsches Verhalten“ von der Polizei ausgeht?

K. M.: Das kommt wieder ganz stark auf die Situation an. In erster Linie kann man sich gleich vor Ort soweit bemerkbar machen, dass die Polizisten sehen, dass sie beobachtet werden. Das führt meistens dazu, dass man ablässt von gewalttätigen Übergriffen. Vielleicht ein Foto oder einen kurzen Film mit dem Handy als Beweis machen. Strafbar macht man sich in Österreich nur dann, wenn man Bilder und Videos in der Öffentlichkeit verbreitet, ohne Zustimmung der darauf handelnden Personen. Außerdem sollte eine Beschwerde gegen Beamtengewalt nicht an eine im Ort ansässige Polizeidienststelle weitergegeben werden. Da wäre einfach die Gefahr, dass das Ganze von dort beeinflusst wird.

 

 

Quelle: Spiegel Online, https://www.spiegel.de/politik/deutschland/arnsdorf-die-buergerwehr-show-a-1095578.html

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das:

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen