Europa brennt

geposted am

Auf der Seine spiegeln sich die Farben der Glut. Paris 2019. Große Rauchschwaden steigen aus Notre Dame empor. Die ganze Welt steht für einen Augenblick still. Europa brennt. Genauso wie vor 81 Jahren – in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannte Europa schon einmal, nur mit dem Unterschied, dass das Feuer willentlich mitten aus unserer Gesellschaft gelegt worden ist. Die Reichspogromnacht war eines der traurigen Taten unter dem NS-Regime gegen die jüdische Bevölkerung. Alleine in Österreich forderte der Holocaust 65.000 Opfer.

Wien, November 2019. Zum Gedenktag der Novemberpogrome legte unser Bundespräsident Alexander van der Bellen einen Kranz beim Shoamahnmal am Judenplatz nieder. Jedes Jahr wird an das dunkelste Kapitel der europäischen Geschichte erinnert, um nicht zu vergessen. Nicht zu vergessen, welches Leid, Unrecht und Unmenschlichkeit Juden wiederfahren ist. Richtet man seinen Blick in die Gesellschaft, muss man leider feststellen, dass dies bei einem Teil der Gesellschaft nicht angekommen ist. Antisemitismus wächst, Demokratie rebelliert – aber manchmal vergebens.

© Daniel Shaked

 

Jüdische Gemeinde in Wien

Einen Einblick zu den Entwicklungen der jüdischen Gemeinde in Wien kann uns der derzeitige Generalsekretär Benjamin Nägele liefern, der mit gerade einmal 35 Jahren die IKG (israelischen Kultusgemeinde) leitet. Im Folgenden wird er ein paar Fragen beantworten:

Wie würden Sie die jüdische Gemeinde in Wien beschreiben?

Wir sind eine Einheitsgemeinde, was leider eine Rarität geworden ist. Wir decken das komplette politische und religiöse Spektrum ab von säkular bis sehr religiös, von politisch links bis rechts haben wir alles vertreten. Wir waren 200.000 vor dem Krieg und sind dann auf 2000 dezimiert worden, mittlerweile gibt es wieder 8000 Mitglieder alleine in Wien. Wir haben eine einmalige Infrastruktur: 4 Schulen und Kindergärten, ca. 23 Synagogen und Gebetshäuser in Wien, 4 koschere Restaurants und Supermärkte. Es ist Normalität, wenn man einen orthodoxen Juden in der Stadt sieht, was sehr schön ist – das ist leider nicht in allen deutschsprachigen Städten der Fall.

  • Was verbinden Sie mit dem Shoamahnmal am Judenplatz?

Das ist ein unglaublich wichtiges und schönes Denkmal. Ich finde, dass dies auch historisch eines der wichtigsten Plätze für das Judentum in Wien ist. Generell sind Denkmäler ein wichtiger Bestandteil der demokratischen Gesellschaft.

  • Dem Forum gegen Antisemitismus zufolge hat sich dieser binnen der letzten Jahre verdoppelt, inwiefern macht sich das im echten Leben bemerkbar?

Wir haben Schulen und Synagogen, die alle bewacht werden müssen. Dort stehen Polizei und Sicherheitskräfte vor der Tür: Diese Vorkehrungen sind leider notwendig, um jüdisches Leben sicher zu machen:

Wir hatten 1981 einen Anschlag genau hier vor der Synagoge in Wien mit 2 Toten und 21 Verletzten. Seitdem wurden zum Glück auch die Sicherheitsvorkehrungen sehr hochgeschraubt. Aber nichtsdestotrotz; der Terroranschlag in Halle hat uns gezeigt, dass Anschläge weiterhin möglich sind. Es ist leider jüdischer Alltag, dass man mit dieser Gefahr und dem Risiko leben muss.

  • Wie schätzen Sie die aktuelle politische Lage in Österreich ein und wie trägt diese zu Antisemitismus bei?

Koalitionsverhandlungen. Die FPÖ ist natürlich nach wie vor eine große Problematik; ein rechtspopulistisches Narrativ und eine Tendenz, die wir in ganz Europa sehen. Mit der FPÖ haben wir eine Partei, die ein Drittel schlagende Burschenschafter sowie viele Rechtspopulisten hat und die teilweise wirklich überzeugte rechtsradikale Tendenzen in sich trägt und auch immer wieder antisemitisches und neonazistisches Gedankengut propagiert. Es ist schon problematisch genug, dass dies in der Gesellschaft stattfindet, aber durch eine Partei wie die FPÖ gibt es eine Bagatellisierung und eine Normalisierung von Antisemitismus auf allerhöchster Ebene, eine Legimitierung. Wenn demokratisch gewählte Vertreter im Nationalrat antisemitische oder rechtspopulistische Aussagen tätigen, sehen sich auch manche Bevölkerungsgruppen in ihrer Denkweise bestätigt.

© Maria Beinborn
  • Was kann man selbst tun, um Antisemitismus zu bekämpfen bzw. vorzubeugen?

Ich glaube, der Schlüssel ist ein offenes und tolerantes Verständnis und Interesse an anderen Religionen, so auch dem Judentum.

Und natürlich Zivilcourage: dass man aufsteht und widerspricht, wenn man irgendeinen Quatsch hört – sei es im Familienkreis, im Freundeskreis, in der Uni, beim Arbeitsplatz oder beim Tisch nebenan im Restaurant. Wenn man einfach sagt, dass man das nicht in Ordnung findet und so etwas inakzeptabel ist. Man sollte immer für Werte, an die man glaubt, einstehen.

Von: Maria Beinborn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das:

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen