Die Russlanddeutsche – Zwischen zwei Nationalitäten

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Mit 8 Jahren wurde sie von älteren Mitschülern „Faschistin“ oder „Hitler“ genannt, obwohl sie noch nie einen Fuß nach Deutschland gesetzt hat. Helena wuchs mit Deutschen Wurzeln und einem Deutschen Nachnamen in Russland auf. Als sie letztendlich nach Deutschland zog war sie aber auch nicht einfach die Deutsche, sie hat ja einen Akzent. 

Wie ist es in ihrer Situation zu leben und was für Erfahrungen musste sie wegen der Doppelnationalität schon machen? Helena erzählte uns alles.

Die Großeltern von Helena, die ursprünglich Deutsche waren, lebten mit 8 Kindern zwischen Polen und Weißrussland, entschieden dann aber nach Chemnitz zu ziehen. 1943 wurde der Großvater vermisst gemeldet. Helenas Großmutter hatte Hoffnung ihn in ihrer Heimat zu finden und machte sich so mit ihren Kindern auf den Weg. 

Der Zug, der sie eigentlich in die Heimatstadt fahren sollte, hielt jedoch nicht an, weshalb sie mit ihren Kindern gezwungener Weise weiterfahren musste.

Sie wurden in das kalte Sibirien gebracht.

Dort wurde Helena dann auch geboren, mit einem deutschen Nachnamen. Helenas Mutter, ihre Schwester und ihr Bruder lebten arm und schliefen alle in einem Zimmer, von dem Vater keine Spur. Sie sprach zu dem Zeitpunkt noch kein einziges Wort Deutsch, trotzdem verfolgte ihr deutscher Nachname sie. Mit 8 Jahren kam Helena wegen einer schweren Erkrankung in das lokale Krankenhaus. Zusammen mit ihrer Mutter und der Ärztin füllte sie das Eingangsformular aus. Helena bat beide nicht ihren echten Namen zu nehmen, sondern sie „Petuchova“ zu nennen, um von Krankenschwestern oder anderen Patienten nicht anders behandelt zu werden.

© Marianne Hildebrandt

Schon in so jungem Alter viel Helena auf, dass sie wegen ihrer Nationalität anders behandelt wird und probierte irgendwie sich anzupassen. 

Helena und ihre Schwester gingen in ein staatliches Internat, in dem es eher chaotisch zu ging. Immer wenn sie zu ihrer älteren Schwester kam, wurde sie von ihren Mitschülern „kleine Faschistin“ oder sogar „Hitler“ genannt und machten sich über sie lustig.

Mit 16 Jahren wurde Helena dann vor die Wahl gestellt, entweder die deutsche oder die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen, und so entschloss sie sich für die Deutsche.

© Tatjana Hildebrandt

1993 stellte sie dann den Antrag um nach Deutschland zu kommen und konnte so mit 25 Jahren zu ihrer Tante nach Mecklenburg-Vorpommern ziehen.

Sie fing sofort an die Sprache intensiv zu lernen und sich so gut wie möglich zu integrieren.

Gerade in Deutschland erlebte Helena Xenophobie dann so richtig. Sie ist zwar Deutsche und auch in Deutschland, hat jedoch den Akzent, den viele irritiert.

© Markus Hess

Nach einigen Jahren und zahlreichen Jobs bewarb sich Helena für eine Stelle in der Apotheke. Die Chefin kam persönlich zu ihr und teilte ihr mit, dass die Stelle leider schon vergeben ist. Sie erwähnte jedoch wie gut russische Frauen ihre Arbeit machen und wie fleißig sie ja sind und fragte Helena dann, ob sie nicht bei ihr zu Hause putzen möchte. Helena lehnte die Stelle dankend ab. Für sie sind viele Deutsche zu unwissend. Sie können nicht nachvollziehen, wieso sie deutsch ist aber in Russland geboren wurde und  erwähnen auch, wie russisch sie ja eigentlich ausschaut. Viele dachten sie wäre nur eine eingeheiratete Russin. Kam es einmal zu Streitereien oder Diskussionen mit Fremden und die Gegenseite fand keine Argumente mehr, wurde ihr oft zugerufen, sie solle doch erstmal Deutsch lernen. Nach 25 Jahren in Deutschland merkt Helena jedoch jetzt, dass sie, weil sie so lange kein Russisch mehr sprach, viele Wörter nicht mehr weiß und auch einen leichten Akzent im Russischen bekommen hat. 

© Charlotte Heß

Helena hat viel über ihre Vergangenheit nachgedacht, über ihre Zeit in Russland verglichen mit der Zeit in Deutschland. Im Endeffekt fühlt sie sich in Deutschland am wohlsten und in ihren Augen ist sie keineswegs eine Russin sondern voll und ganz die Deutsche. 

 

Von Charlotte Hess

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