Zwischen Hass und Toleranz

geposted am

Mitten im Raum – keine andere Frau in Sicht, plötzlich Streit. Es wird laut, atet doch jetzt nicht aus oder? Soll ich gehen oder soll ich bleiben? Ich entscheide mich weiter zu beobachten, brauche doch noch mehr Infos. Zwischen Hass und Toleranz stehe ich nun zu Recherchezwecken in einem Wiener Shishalokal mit türkischem Hintergrund. Sowohl der Besitzer sowie alle Angestellten sind türkischstämmig, unter ihnen keine einzige Frau – ach ja abgesehen von mir.

Der Weg ist das Ziel
Selbst besuche ich Inlokale in denen orientalische Wasserpfeifen angeboten werden regelmäßig, weshalb ich mich gefragt habe, wie sich die politische Lage in der Türkei eigentlich auf unsere Wiener auswirkt. Vor allem an Orten wo viele verschiedene Meinungen und Kulturen aufeinander treffen. Mein absoluter Favorit in Sachen Shisha, ist ein ganz spezielles Lokal im 15. Wiener Gemeindebezirk – „Efendis“. Der Besitzer selbst ein 24-jähriger Mann dessen Eltern (Vater Türke, Mutter Österreicherin) beide tatkräftig im Betrieb mithelfen.  So viel zu den Eckdaten. Nach den ersten paar Gesprächen mit Papa Ahmet und Sohn Roman wird mir relativ schnell klar, dass sie die eigene Meinung und politische Einstellung (Pro oder Anti Erdogan) absolut von Geschäftlichem trennen. Vor allem der Umgang mit den Gästen – woher auch immer sie kommen oder wohin sie auch gehen – sei ihnen besonders wichtig. Beide beteuern mir, dass ihre politische Einstellung fehl am Platz sei, wenn es um die Arbeit geht. Da Vertrauen zwar gut ist, Kontrolle aber bekanntlich besser, überzeuge ich mich doch mal selbst davon. Ein junges Pärchen an einem der Hochtische, sichtlich amüsiert. Nachdem ich mich kurz vorstelle frage ich, ob sie denn öfter hier her kommen bzw. was ihr Beweggrund sei. Beide sagen mir die tolle, gemütliche Atmosphäre und der zuvorkommende Service wären der Grund für regelmäßige Besuche. „Habt ihr denn das Gefühl, dass ihr hier weniger willkommen seid als beispielsweise ein Türke?“ frage ich und erhalte vehementes Kopfschütteln. Nach dem ich noch einige andere Gäste diskret nach Meinungen und Empfindungen befrage spricht mich ein junger Mann an und erzählt mir, dass er selbst Kurde sei und das „Efendis“ eines der einzigen türkischen Lokale in Wien ist in welches er ohne Bedenken gehen kann, ohne Stress zu bekommen.  Natürlich steigt meine Neugier – lange Rede kurzer Sinn, ich befinde mich die Straße runter in einer völlig anderen Welt als die mir bis jetzt bekannte.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Der Aha-Moment 
Wie vorher bereits angeschnitten, befinde ich mich jetzt an einem völlig anderen Ort – zwar dasselbe Angebot, doch trotzdem nicht zu vergleichen. Zunächst fällt auf, dass meine Anwesenheit absolut unerwünscht ist, da auch sonst kein weibliches Wesen in Sicht ist. Meine neue Bekanntschaft allerdings lenkt die Blicke so sehr auf sich, dass ich vermutlich auch nackt nicht besonders aufgefallen wäre. Die ersten bösen Blicke sind zu spüren und lange dauert es auch nicht bis Beschimpfungen wie Atemluft durch den Raum wandern. „Was suchst du hier? Willst du Stress? Verpissen sollst du dich du ehrenloser Hund!“, sowohl Ausdrucksweise als auch Umgangsform sind mir fremd. Schnell bemerke ich, dass es um den jungen Mann geht, den Kurden den ich vor einer halben Stunde durch meine Recherche kennengelernt habe. Als dann ein älterer Herr aufspringt (nachdem er bisher nur an seinen Zehen herumgewerkelt hat), wird mir allmählich Angst und Bange, so dass ich meinen neu gewonnen Freund bitte zu gehen. Er erklärt mir im Nachhinein, dass die Familie welches dieses Lokal gehört weiß woher er kommt und somit auch, dass er vermutlich ein Gegner Erdogans ist. Was ich mich trotzdem frage, ist woher diese Feindlichkeit kommt, wenn ich doch ein Lokal zu führen habe? „Weißt du ich habe sehr viel Respekt vor allen Menschen die ihre Religion oder andere Werte leben, aber es gibt leider auch genug die andere nicht respektieren wenn sie nicht gleich sind“. Nach und nach verstehe ich wie groß die Spannungen zwischen Pro und Anti wirklich sind. „Fühlst du dich denn persönlich angegriffen oder gar ausgegrenzt, weil es dir offenbar nicht möglich ist hinzugehen WO AUCH IMMER du möchtest?“, mein Kumpel antwortet mit einem halbherzigen Lächeln und erklärt mir, dass es genug tolle Orte und Lokale in Wien gibt, die völlig frei von Vorurteilen sind, in denen sich zu entspannen an oberster Stelle steht. Das lässt mich doch wieder aufatmen ..

Zurück an den Schreibtisch
Nachdem ich also mit eigenen Augen gesehen habe, dass es sehrwohl Lokalitäten in unserem schönen Wien gibt, welche auf Grund von politischer oder religiöser Einstellung von bestimmten Menschen gar nicht erst betreten werden dürfen, frage ich mich umso mehr, wie viele Menschen es gibt die so einen Vorfall persönlich nehmen bzw. wie oft so etwas in einem Streit ausartet. Da wir alle täglich in Zeitungen von Auseinandersetzungen vor oder in Wiener Lokalen lesen, bei denen Menschen verletzt werden, kann ich nur hoffen, dass solche Lokale doch etwas spezielles bleiben und Wien im Großen und Ganzen den Menschen weiterhin die Möglichkeit bietet Spaß zu haben und sich zu entfalten – egal in welche Richtung. Nun sitze ich also hier an meinem Laptop und versuche mich zurückzuversetzen in den Momente als ich sowohl Toleranz als auch Hass live miterleben durfte. Mir fällt wieder ein wie viele positive Rückmeldungen ich in meinem Lieblingslokal bekommen habe, ich erinnere mich wie wohl ich mich selbst bei jedem Besuch fühle und frage mich gleichzeitig, ob es mir gelingt mit meinem kleinen Beitrag den Menschen Offenheit und Toleranz näher zu bringen und auch ein Stück weit zu erklären? Diese Frage bleibt wohl ungeklärt doch die Hoffnung stirbt zuletzt.

Um zum Kern der Gesichte zurückzufinden und nicht zu sehr in Gedanken zu schwelgen, ein kurzes Fazit meiner abenteuerlichen Recherche:  Gerade in der momentanen Situation der Türkei, kurz nach den Wahlen, ist die Lage sehr angespannt was auch hier zu Lande zu spüren ist. Ich habe verschiedene Meinungen gehört und war Zeugin eines Paradebeispiels an Intoleranz. Was mich zu dem Schluss führt, dass Wien eine bunte, wunderschöne und gleichzeitig kontroverse Stadt ist. Sie beherbergt vorwiegend Menschen bei denen Respekt und Verständnis anderen gegenüber an erster Stelle steht, doch genauso Menschen die außer ihrer eigenen Meinung keine andere zulassen. Nachdem ich selbst als selbsternannte „Newcomer Journalisten“ absolut neutral bin, bilde ich mir über deren Einstellung keine Meinung, stelle nur fest, dass es sehr einfach ist etwas gutes zur Weiterentwicklung unseres schönes Städtchens beizutragen – sei es nur ein kleiner Beitrag wie der meine.

Mitten im Raum – niemand anderer in Sicht plötzlich ein dunkler, großer Fleck. Es wird leise, kommt doch jetzt nicht auf mich zu oder? Soll ich gehen oder soll ich bleiben? Ich entscheide mich weiter zu beobachten, brauche doch noch mehr Infos. Vor einem sehr geräumigen und einladenden großen Bett stehe ich nun und sinke langsam und geschafft hinein, denn meine Arbeit ist fürs erste getan.

Rechtschreibung: B. Kirchweger
Layout: Jessica Seitz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

%d Bloggern gefällt das: