Zurück in die Hauptschule ?

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Niemals hätte ich gedacht, dass ich in meine alte Schule zurückkehren würde, um dort die nächste Generation für ihre Zukunft zu motivieren. Der Ehrgeiz steckte immer schon in mir, aber meine Aussichten auf eine höhere Ausbildung waren nicht allzu vielversprechend. Schon in der Volksschule meinten meine Lehrer ich wäre etwas schwächer in der Schule als die anderen, und dass ich sogar eine Klasse wiederholen müsste. Obwohl der Fall nicht eingetreten ist, ließ mein Abschlusszeugnis zu wünschen übrig, so dass ich in eine Hauptschule kam.

Neue Schule – keine Erwartungen
© Veronica Fodo

Für meine Eltern war es keine Enttäuschung, dass ich es nicht in ein Gymnasium geschafft habe. Sie akzeptierten mich eben als schwache Schülerin. Für mich war es unvorstellbar, meine Eltern nach Unterstützung bei meinen Hausaufgaben zu fragen und jemand anderen der mir dabei helfen könnte gab es nicht. Ich musste schon früh alleine in der Schule klar kommen.  Als Familie, die Anfang der 90-er Jahre nach Österreich immigrierte, haben sich meine Eltern nicht viel von meiner Schulausbildung erwartetSie waren froh, dass ich die deutsche Sprache gut genug beherrschte, um ihnen beim übersetzten von amtlichen Dokumenten oder in Alltagssituationen zu helfen. Doch niemals hätten sie sich erträumt, dass ich eines Tages die erste aus der Familie bin, die es geschafft hat, studieren zu gehen.

Während der Hauptschulzeit dachte ich nicht allzu viel über meine Zukunft nach, denn ich wusste, dass meine Möglichkeiten beschränkt waren. Nicht nur die Noten sprachen dafür, sondern auch meine Umgebung prägte mich. Fast alle meine KlassenkollegenInnen  von damals wollten arbeiten gehen, um Geld zu verdienen. Eine weitere Schule zu besuchen war für wenige eine Option. Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir immer dieser eine Moment ein, als ich zu meiner damaligen Lehrerin sagte, dass ich eines Tages die Matura machen möchte. Nach der Aussage warf sie mir einen ziemlich kritischen Blick zu und meinte:“ Das wird aber sehr schwierig werden!“

Damals realisierte ich, dass es schwer ist, es mit einem Hauptschulabschluss weit zu bringen. Matura und Studium schienen so unerreichbar, dass nicht einmal die Lehrer und meine Eltern an mich glaubten. Aus heutiger Sicht ist mir klar geworden wie unfair es eigentlich ist, über die Zukunft eines jungen Menschen zu urteilen aufgrund des Schultypen. Doch damals ließ ich mich von der Meinung überzeugen und hackte erstmals das Thema weitere Bildung ab.

Zeit für eine Entscheidung 

In der Abschlussklasse der Hauptschule war es dann soweit, eine Entscheidung musste getroffen werden. Wie geht es jetzt weiter? Das war die Frage, die meine damalige Klasse und ich uns gestellt haben. Wenn ich jetzt zurückblicke weiß ich, dass solch eine Entscheidung für Jugendliche in dem Alter sehr schwer ist, und dass man eigentlich kaum mit 14-15 Jahren weiß, was man die nächsten Jahre machen möchte. Mir persönlich fiel es schwer, schon so viel Verantwortung zu tragen um zu entscheiden, was die Richtige Option wäre. Es fehlte an Information und auch Motivation. Am Ende des Schuljahres war ich froh, dass ich in Mathe noch einen Vierer bekommen habe und wollte mir eigentlich nicht noch den Kopf über die Zukunft zerbrechen. Insgeheim hatte ich meine Ziele, wie ich sie erreichen sollte wusste ich, aber noch nicht.

Acht Jahre später 
©Veronica Fodo

Da stand ich nun 8 Jahre später vor meiner alten Hauptschule, immer noch unwissend was meine Zukunft bringt. Gewiss, aber mit der Zuversicht, dass mir nichts im Weg steht, meine Ziele zu erreichen. Mutig, aber mit ein wenig Bauchkribbeln,  ging ich auf das Schulhaus zu. Ich wusste noch nicht, was mich drinnen erwartete. Sofort fiel mir auf, dass sich das Gebäude von außen kaum verändert hat, bloß die Fenster wurden erneuert. Ich atmete tief ein und beschloss,  das alte Gebäude zu betreten, welches mir einst sehr familiär war.

Ein starker Geruch von Staub fiel mir in die Nase und bevor ich Aufblicken konnte, überkam mich ein Deja Vu. Erinnerungen wie  meine Freunde von damals  und die lustigen Momente, die wir erlebt haben, aber auch die Frustrationen aus dem Mathematikunterricht kamen mir in den Sinn. Das nostalgische Lächeln blieb nicht lange auf meinem Gesicht, denn ich realisierte, dass ich gerade eine Baustelle betreten hatte. Das ganze Gebäude stand unter Renovierung und ich konnte meinen Augen nicht trauen. Von außen sah das Gebäude zwar aus wie damals, doch innen konnte ich nichts wiedererkennen.

© Veronica Fodo

Ich wusste genau, dass ich  das Schulhaus wahrscheinlich nicht betreten durfte, doch weit und breit waren keine Arbeiter zu sehen. Ich konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen nach zu sehen, wie meine alte Klasse von damals jetzt aussah. Leider stellte ich fest, dass es die Hauptschule, die ich kannte, nicht mehr gab. Alles war weg, die selbst gemalten Bilder an den Wänden, die Tafeln aus den Klassenzimmern und alle Tische und Sessel. Ein befremdliches Gefühl und Traurigkeit überkamen mich als ich das Gebäude wieder verließ.

Neue Generation mit Zuversicht

Ein paar Minuten später befand ich mich mitten im Geschehen im neuen Gebäude der Schule, dass sich bloß ein paar Meter vom Alten entfernt befand. Eine Abschlussklasse voller junger, gespannter SchülerInnen saß vor mir. Gespannt blickte ich in ihre neugierigen Augen und versuchte mir in der kurzen Zeit ihre Gesichter einzuprägen. Vor nicht allzu langer Zeit war ich selber einer von ihnen, und wusste genau wie sie sich im Moment fühlten.  Zurückblickend hätte ich mir auch jemanden gewünscht, der einmal in der selben Situation war und aus seinen eigenen Erfahrungen mir ein wenig Zuversicht und Motivation für meine Zukunft gibt. Ich sprach davon, dass es nicht immer leicht ist seine Ziele zu erreichen, doch wenn man daran glaubt und hart dafür arbeitet, kann jeder sein Ziel erreichen.

 

© Veronica Fodo

Es fiel mir leicht mich gleich in der Anwesenheit der jungen SchülerInnen wohl zu fühlen. Auf Anhieb vertrauten mir die SchülerInnen der Klasse ihre persönlichen Ängste und Unsicherheiten an. Geschichten aus der Zeit in der ich noch Schülerin war wurden erzählt, und ein paar ehemalige Lehrer kamen auch vorbei, um bei dem Gespräch zu lauschen. Die Stimmung im neuen Klassenzimmer war gelassen, die SchülerInnen fragten mich nach meinen ehemaligen Lieblingsfächern und testeten sogar mein Gedächtnis, indem sie mir Fragen über den aktuellen Stoff stellten. Wir hatten viel zu lachen, doch die Realität brachte uns dazu wieder ernst zu werden, als das Thema Bildung und Zukunft aufkam.

Viele waren sich noch nicht sicher, wie es nach dem Abschluss für sie weiter geht. Andererseits waren viele der SchülerInnen auch selbstbewusst und wussten genau wie sie ihren weiteren Weg einschlagen. Im Vergleich zu meiner Klasse von damals ist eine deutliche Steigerung an dem Interesse der SchülerInnen, eine höhere Schule zu besuchen, zu erkennen. Dieses Ergebnis spricht nicht allgemein für alle Hauptschulklassen, aber es freut mich, dass in meiner Umgebung diese Veränderung aufgetreten ist. Ich sah es als meine Pflicht ihnen mitzuteilen, dass es nicht leicht ist einen neuen Weg zu gehen,  und etwas Neues zu starten. Doch wie  man so schön sagt „neue Erfahrungen bringen auch neue Herausforderungen mit sich“.

Es war eine tolle Erfahrung, meine ehemalige Hauptschule zu besuchen und die Möglichkeit persönlich mit SchülerInnen über ihre Zukunft zu sprechen und ihnen meine Erfahrungen und Tipps für ihren weiteren Weg zu geben. Hoffentlich konnte ich sie ermutigen und motivieren, ihre Ziele zu erreichen und ihnen zeigen, dass die Noten von damals eigentlich nicht aussagen, zu was sie fähig sind.

Text: Veronica Fodo

 

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