Dance it out loud

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Arme anspannen, Bauch einziehen, Füße auswärtsdrehen und dabei die Choreografie nicht vergessen, genauso wenig wie das mitzählen, damit man seinen Einsatz nicht verpasst – und dabei darf ein halbwegs entspanntes und freundliches Gesicht nicht fehlen. Uns ist allen, spätestens nach dem Hollywoodfilm Black Swan von Darren Aronofsky mit Natalie Portman in der Hauptrolle, klar, dass Ballett ein unfassbar anstrengender Leistungssport ist, der nicht nur extreme Disziplin und physisches Können, sondern auch psychische Stabilität abverlangt. Doch was passiert, wenn ich euch verrate, dass es auch eine ähnliche Tanzrichtung gibt, die ungefähr gleich viel Multitasking wie das klassische Ballett abverlangt? Die Rede ist vom zeitgenössischen Tanz. 

Auf die Frage, ob es denn auch noch andere Tänzer bzw. Tänzerinnen abgesehen von BalletttänzerInnen gibt, antworten die meisten Menschen, die mit der Tanzsphäre nichts am Hut haben mit „Hip Hop- , Standard-, Charakter-, und Tangotänzer/ -tänzerinnen“. Im Anschluss an diese Aufzählung folgt ein nachdenkliches „Hmmmm..“ und dann ein kurzes, knappes „Ich glaub das war’s“. Doch ich will mit diesem Blogpost für etwas Aufklärung sorgen und euch über die Welt des zeitgenössischen Tanzes berichten.

Es ist allgemein bekannt, dass jegliche Kunst momentan, oder besser gesagt bereits seit einigen Jahren (manche mehr manche weniger), einer Modernisierung unterliegt – so auch die Kunstrichtung „Tanz“. Mit diesem Voranschreiten entwickelte sich im Laufe der Zeit der zeitgenössische Tanz.

Die wenigstens Menschen wissen, dass es in Mitten von Wien eine der besten Ausbildungsstätten für zeitgenössische Tänzer und Tänzerinnen gibt – Die Rede ist von der Privatuniversität für Musik und Kunst. Mitten im ersten Wiener Bezirk befindet sich diese und bildet jährlich neue Tänzer und Tänzerinnen aus, die sich auf den harten, internationalen Konkurrenzkampf vorbereitet werden um schlussendlich mit einer erfolgreichen Tänzerkarriere durchzustarten. Das Besondere an dieser Universität ist, dass die Tänzer und Tänzerinnen einerseits einen Bachelor of Arts erhalten und andererseits, ihnen die Möglichkeit geboten wird mit diesem bereits in der neunten Schulstufe zu beginnen. Somit haben die Absolventen und Absolventinnen bereits zwischen 18 und 20 Jahren sowohl ihre Matura als auch einen Bachelor.

Doch diejenigen, die jetzt glauben, dass diese Tanzausbildung locker flockig zu schaffen ist, muss ich an dieser Stelle enttäuschen. So wie man den Alltag aus diversen im Internet kursierenden Dokus über klassische Ballettschulen in Russland kennt, genauso straff und anstrengend geht es auch in der Privatuniversität Wien zu – doch einer der wichtigsten Unterschied hierbei ist, dass vermehrt auf das psychische Wohlbefinden, sprich auf den Druck in der Ausbildung, der Studenten und Studentinnen geachtet wird.

 

Nun mal Klartext

Da vermutlich die meisten unter euch sich unter diesem modernen Tanz nichts vorstellen können, folgt nun (der Versuch) einer Erklärung. Meiner Meinung nach gelingt dies am Besten indem man einen Vergleich zwischen  klassischen Tanz und modernem zieht: Wenn man sich klassisches Ballett anschaut, so kommt es oft vor, dass man sich fragt „Wie macht der das?“, denn jede Bewegung scheint schwerelos und super easy zu sein, noch dazu hat man bei manchen Bewegungen das Gefühl, dass die TänzerInnen von der Schwerkraft nicht betroffen sind und die Superkraft haben, in der Luft hängen zu bleiben. Hingegen liegt der Akzent bei zeitgenössischem Tanz die Schwere des Körpers zu präsentieren, diesen dabei auch natürlich zu bewegen und nicht zu verrecken. Hinzu kommt, dass die scheinbar nicht vorhandene Atmung im klassischen Ballett, im zeitgenössischen Tanz gezielt als Mittel eingesetzt wird. Ein weiterer Wichtiger Unterschied ist, dass die Musik oftmals „ignoriert“ wird und die Akteure komplett gegen den Rhythmus tanzen. Des Weiteren spielt die Schönheit eine nicht allzu große Rolle, vielmehr wird versucht den Zuseher zu „schockieren“ und oftmals zum nachdenken anzuregen. Auch die Sprache wird als ein weiteres Mittel eingesetzt, so kommt es bei einer zeitgenössischen Performance öfters zu Mono- bzw. Dialogen.

© Armin Bardel

Bei all diesen Unterschieden fragt man sich, wie es zu so einer drastischen Veränderung des klassischen Tanzes kam und wer die Persönlichkeiten waren, die dazu verhalfen den zeitgenössischen Tanz zu dem zu machen was er Heute ist. Anführend waren weibliche Persönlichkeiten wie Isadora Duncan oder auch Martha Graham, die beispielsweise für die Sichtbarkeit der Atmung verantwortlich isr. Nach diesen zwei Pionierinnen folgten weitere große Tänzerpersönlichkeiten wie Mary Wigman, Rudolf von Laban, Kurt Joos, Pina Bausch, Susanne Linke und einige mehr. Jeder von ihnen hat seinen eigenen zeitgenössischen Tanz gehabt und jeder von ihnen hat etwas Neues zur Formung dieses beigetragen, trotzdem werde ich euch nicht lange mit Details und Besonderheiten quälen. Was aber dennoch erwähnenswert ist, dass in der Liste dieser Pioniere vermehrt Frauennamen vorkommen. Genau aus diesem Grund glaube ich, dass zeitgenössischer Tanz Hand in Hand mit Frauenemanzipation und Feminismus geht.

 Die Besonderheiten

Denn nur in dieser Tanzrichtung werden beispielsweise Männer von Frauen gehoben bzw. Frauen von Frauen / Männer von Männern. Doch auch der Mann wird im zeitgenössischen Tanz anders behandelt, als beispielsweise in den großen klassischen Werken: Er dient nicht mehr nur als „Träger“ und „Stütze“ der weiblichen Tänzer, sondern hat den gleichen Stellenwert wie Tänzerinnen.

Wie bereits zuvor mehrmals erwähnt treffen alle diese Regeln, oder besser gesagt das Brechen dieser durch das klassische Ballett verankerte Regeln, zum Nachdenken des Zusehers an. Vor allem in den letzten Jahren werden zeitgenössische Werke auf großen Theaterbühnen wie dem Bolshoi Theater, Opera Garnier de Paris, Royal Opera oder auch der Wiener Staatsoper gezeigt. Doch das Schöne an zeitgenössischem Tanz ist, dass er offen ist für Neues, somit auch andere Bühnen, neue Partner und Kollaborationen.

©Michael Gruber

Beispielsweise gibt es ein sehr interessantes Zusammentreffen von Kunst und zeitgenössischem Tanz zur Zeit im Kunsthistorischen Museum Wien, wo an den ‚Ganymed fe male‚ Ausstellungen rund um die Frau gezeigt werden, was sie bewegt, inspiriert und berührt.  Jedoch treffen an diesem besonderen Abend nicht nur Tanz und Kunst aufeinander, sondern auch Musik und Performance Künstler. Dabei wird das KHM in mehrere Stationen geteilt, welche Namen wie „Ich“, „ich bin auch Blicken gemacht“ oder „Frau Jesus“ tragen, in dem Abteil „Passage – Der Selbstmord der Kleopatra“ werden junge Studenten und Studentinnen der Wiener Privatuniversität für Musik und Kunst, dabei sein und ihr Können wieder unter Beweis stellen. Somit ist dieser Abend perfekt dafür geeignet in die Welt des neuen zeitgenössischen Tanzes, der Emanzipation und des Feminismus hinein zu schnuppern.

Weitere Infos:

Text: Anastasia Tolstunova
Fotos: Wolfgang Simlinger ; Armin Bardel ; Michael Gruber

Musik und Kunst Privatuniversität Wien (http://www.muk.ac.at)

Ganymed Fe Male (https://www.khm.at/ganymedfemale/) – weitere Vorstellungen finden an folgenden Daten statt: 20.5 ; 27.5 ; 31.5 ; Einlass ab 18:15 – Tickets gibt es hier.

 

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