Wie lebenswert ist Wien wirklich?

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Martin überlegt. Plötzlich fängt er an zu grinsen, jetzt hat er es.
„In den Ersten kannst net gehen, der ist von Asiaten belagert“, sagt er lachend. Schießt dann aber noch schnell hinterher „ich darf das sagen, ich bin selbst Vietnamese!“

Was bedeutet das eigentlich, dieses „lebenswert“?

Jedes Jahr werden weltweit 140 Städte, darunter Sydney, Tokio, Algier und Daka, in den verschiedensten Kategorien miteinander verglichen. Angefangen bei Infrastruktur über Bildung, Gesundheitsvorsorge, Stabilität bis hin zu Kultur werden sie auf die Waagschale gelegt.
Aber bedeutet lebenswert nicht mehr? Mehr als haufenweise Kriterien, welche von irgendwelchen Menschen in Anzügen in irgendwelchen hohen Häusern festgelegt werden. Müssten nicht die Menschen, die in dieser Stadt leben, die diese Stadt kennen, mit all ihren Ecken, Kanten, kleinen Gassen und Plätzen, befragt werden?

Gehen wir der Sache auf den Grund

Um einen Anfang zu machen habe ich versucht an der Oberfläche zu kratzen. Habe einen waschechten Wiener, eine zugezogene Tirolerin und um fair zu bleiben einen Grazer, der Wien selbstverständlich nicht nur vom Hörensagen kennt gefragt, was Wien denn nun so lebenswert macht. Oder auch nicht.
Woran es denn nun liegt, dass die Wiener von diesem Titel eher weniger als mehr überzeugt sind, oder ob das doch alles nur das typisch österreichische „MIMIMI“ ist.

Martin, 23 – der Wiener, Student (Architektur)

Überraschenderweise ist gerade der, der Wien wohl am besten kennt und gleichzeitig schon gefühlt viermal um die Welt geflogen ist der Meinung „Ja – Wien ist wirklich die lebenswerteste Stadt der Welt!“. Die Mietpreise sind hoch, aber Dank des Mietschutzgesetzes in einem Rahmen, der einen nicht dazu zwingt, seine Ernährung auf Nudeln und Fertigpesto zu beschränken. Und das, während man auf 10 Quadratmetern mehr haust als wohnt, wie es in anderen heiß begehrten Städten wie Amsterdam und Berlin nicht ungewöhnlich ist. Auch alltäglichere Dinge wie das Gefühl von Sicherheit, für das vermutlich jeder von uns spätestens nachts schon mal dankbar war, die unzählige Auswahl von internationalen Restaurants und die unvergleichbare Schönheit der Stadt, lassen weder uns noch Martin kalt.

Okay, aber jetzt mal ehrlich.

Nach all den Schwärmereien über Wien wollte ich dann doch mal wissen wo der Schuh denn drückt. Wien ist großartig, ich weiß. Aber an irgendwas muss es doch liegen, dass ich, als dass Thema Wien als lebenswerteste Stadt mal wieder aufgekommen ist, schon oft den Satz „Versteh ich nicht.“ aufgeschnappt habe.
Für die Modeaffinen, wozu Martin durchaus zählt, ist die Auswahl an Modemarken nicht genug. Wenn man erstmal in der Weltgeschichte unterwegs war, stellt man früher oder später fest „Warte mal, die Marke gibt es nicht nur online?“. Da stellt sich die Frage, wie populär Wien denn noch werden muss, um auch Marken wie Sandro, Zadig&Voltaire und The Kooples den Einzug in Kaufhäuser wie Steffi & Co zu gewähren. Und wenn man dann noch in Kopenhagen oder Amsterdam war, den Städten, die beinahe in Rädern versinken, ist es auch verständlich, dass man an der Radwegkultur in Wien etwas auszusetzen hat.

Da der Fokus in der Zukunft, auch in Wien, aber immer mehr auf Nachhaltigkeit geht, kann ich mir gut vorstellen dass sich da in den nächsten Jahren noch einiges tun wird, um die Menschen von den Autos, auf die Sattel zu bewegen.

Martins Alternativvorschläge statt Wien, als lebenswerteste Stadt
SINGAPUR, MONTREAL, STOCKHOLM

Laura, 21 – die Tirolerin, Make-Up Artist & Hairstylistin 

Den Titel nachvollziehen? Ja.
Dass es nicht andere Städte gibt, die den Titel mit Sicherheit auch verdient hätten? Nein.

Dass es an Mietpreisen, Infrastruktur, Freizeitangebot, lauen Sommerabenden am Donaukanal, der Wiener Kaffeehauskultur und den Sehenswürdigkeiten in Wien nicht auszusetzen gibt, darüber sind wir uns alle einig.

Laut Laura gibt es aber mehr als nur ein, zwei Dinge an Wien zu bemängeln. Ob der altbekannte Wiener Grant schon auf sie abgefärbt hat oder sie einfach kritisch ist, sei dahingestellt. Damit wären wir auch schon beim ersten Punkt – der Unfreundlichkeit. In keiner anderen Stadt wird man bei der Frage nach dem Weg in erster Linie angeschaut als hätte man gerade etwas unglaublich Dummes gesagt oder es werden einem Beleidigungen an den Kopf geworfen, einfach nur weil man der alten Dame in der Bim freundlicherweise den Sitzplatz angeboten hat. Andere nennen es den Wiener Charme, aber Laura ist mit der Meinung „das ist einfach nur unverschämt“ ganz bestimmt nicht alleine.

Aber zurück zu den Supermärkten. Gerade als Person die arbeitet und tagsüber zwar Lust, aber keine Zeit hat einzukaufen ist es völlig unverständlich warum es nicht möglich ist, Supermärkte bis 22 Uhr zu öffnen. Natürlich, die Gesetze machen einen Strich durch die Rechnung aber wenn es in anderen Städten möglich ist, wieso nicht auch in Wien? Der einzige Ausweg sollte hier nicht sein in kleinen Supermärkten den Weißwein für den abendlichen Spritzwein zum gefühlt doppelten Preis kaufen zu müssen.

Und natürlich – Die nicht vorhandenen Berge in Wien setzen einer Tirolerin zu. Dass man daran nichts ändern kann hat Laura mittlerweile auch eingesehen. Aber das bedeutet nicht, dass man sich deswegen mit diesem Wind abfinden muss. „Unterirdisch“ beschreibt Laura einen Winter in Wien und da kann nicht nur ich als Grazerin ganz laut rufen „Warum nehmen wir nicht Wien und schieben es zwischen die Berge?“

Lauras Alternativvorschläge statt Wien, als lebenswerteste Stadt
HONG KONG, LOS ANGELES, KARLSRUHE, KONSTANZ am BODENSEE

Lukas, 25 – der Grazer, Student (Architektur)

 Ein Thema worauf ich die ganze Zeit gewartet habe, weil das gerade mich als frische Studentin sehr betrifft sind dann doch nochmal die öffentlichen Verkehrsmittel. Weder Lukas noch mir kann jemand erzählen, dass es nicht nervig ist, wenn man unter der Woche Freunde besucht und ständig auf die Uhr schauen muss, ob es nicht schon zwölf ist und der Dauerlauf zur U-Bahn langsam starten sollte. Gerade von einer Metropole wie Wien sollte erwartet werden können, dass die U-Bahn die ganze Nacht fährt. In anderen Städten fahren die sogar ohne Fahrer. Erneut die Frage – wieso geht das nicht auch in Wien?
Lukas, der normalerweise gerne mit dem Auto unterwegs ist, könnte mir jetzt stundenlang über die katastrophale Parksituation in Wien berichten aber ich vermute das kann jeder, der es mit dem Auto schon mal über die Stadtgrenze gewagt hat. Um alle zu verschonen, fang ich von der Autobahn erst gar nicht an, da sind Lukas und ich schon einmal unabsichtlich auf der anderen Donauseite gelandet, dabei wollten wir doch einfach nur vom IKEA in den Dritten.
Und dass Lukas, der ursprünglich aus einem 56-Einwohner-Dorf in Oberösterreich kommt, Wien als lebenswerteste Stadt zu groß ist, dürfte nicht wirklich eine Überraschung sein.
Und wir, wir genießen es inzwischen einfach, dass uns am Wochenende in der Jogginghose im Supermarkt weder jemand erkennt noch anspricht.

Alternativvorschläge statt Wien, als lebenswerteste Stadt
KOPENHAGEN, MAILAND

Und jetzt, ziehen wir alle weg?

Niemals! Denn wie viele Ecken und Kanten Wien auch haben mag, wie grantig die Menschen uns in der Bim anschauen, durch wie viele Asiatenmengen wir uns am Stephansplatz kämpfen müssen und auf wie vielen durchgelegenen Sofas wir schlafen weil die U-Bahn nicht mehr fährt. Für diese Stadt nehm ich das gerne in Kauf, denn letztes Endes ist Wien urleiwand!

Noch immer nicht überzeugt?

Hier ein paar Lieblingsplätze & Geheimtipps meiner Befragten, um sich neu zu verlieben!

Cafes:
Jonas Reindl
Le Marche
Siebenstern
Sneak In
Berfin
Joseph Brot

Bars:
Matiki
Die Parfümerie
If Dogs Run Free
Ganz Wien
Backbone

Museen:
MAK
Museumsquartier

Restaurants:
Shanghaitan
Rochus
Freiraum

Sonstiges:
Aux Gazelles
Tiergarten Schönbrunn
Rochusmarkt

Parks:
Praterpark
Stadtpark

Clubs:
Horst
VIEiPEE
Celeste
Grelle Forelle

 

 

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