(Über)lebenswert – Obdachlose in Wien

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(Über)lebenswert – Wohnungslos in Wien

©Anton Mattmüller

Wer zum ersten Mal Wien besucht, der kann seinen Blick nur schwerlich von einem der unzähligen Prachtbauten lösen, ohne direkt am Nächsten kleben zu bleiben. Pompöse Paläste, endlose Parks, die blaue Donau. Herrlich. Und der gut vorbereitete TripAdvisor-Tourist weiß seine Mitreisenden natürlich auch mit Anekdoten und Fakten über das urige Wien zu begeistern. Eitrige, Grant und Fiaker. Toll. Und während die restliche Reisegruppe nach jeder Info hypnotisch „Aahs!“ und „Oohs!“ abspult, fällt irgendwann endlich der unvermeidbare Satz: „Wien ist übrigens die lebenswerteste Stadt der Welt! („Aah!“) Ja, der Nahverkehr hier ist vorbildlich! („Ooh!“) Und erst der Wohnungsbau – Vorbild für ganz Europa! („Achso!“)“
Wenn man dann das letzte Stück Käsekrainer kauend nach einem Mülleim.. – äh Mistkübel – Ausschau hält und dabei darüber nachdenkt, wie toll es die Wiener doch haben, macht sich auf einmal ein flaues Gefühl breit. Die Eitrige kann’s nicht sein, am Spritzer liegt’s bestimmt auch nicht. Nein, das flaue Gefühl wird durch etwas verursacht, was überhaupt nicht zum gerade noch Gelernten passt. Ein paar Meter neben dem Mistkübel sitzt ein Mann auf dem Boden. Die Kleidung zerschlissen, hinter einem Spendenbecher kauernd.
Wie passt das zusammen? Wien, dieser wahrgewordene Traum von einer Stadt, wohlhabend und wunderschön? Hier soll es Menschen geben, die auf der Straße leben?

„Sandler“ war einmal – immer mehr Frauen und Jugendliche leben auf der Straße

Obdachlosigkeit ist traurig gewohnte Realität und gehört zum Stadtbild von Metropolen wie die U- oder S-Bahn. Von den meisten Menschen mittlerweile gar nicht mehr und wenn doch, zumeist als störend, wahrgenommen. Auch in Wien gibt es das Problem – und nicht nur das, die Situation wird auch immer alarmierender. In den letzten zehn Jahren ist die Wohnungslosigkeit in Österreich um 30% gestiegen, bis Ende November diesen Jahres wandten sich fast 10.000 Menschen an Erstanlaufstellen der Caritas in Wien – schon mehr als im gesamten Jahr 2017. Und der Winter steht erst noch vor der Tür.
Die Gründe hierfür sind vielfältig. Hohe Lebenshaltungskosten, steigende Mieten, Migration. Hatte man vor ein paar Jahren noch den klassischen, älteren „Sandler“ im Kopf, wenn man über Wohnungslose sprach, so hat sich das Bild heute gewandelt. Mehr als ein Drittel der Betroffenen sind heuer unter 30, ebenso hoch ist der Frauenanteil geworden. Hinzu kommen immer mehr Obdachlose, die unter psychischen Krankheiten leiden. Parallel dazu diskutiert die Politik über eine Kürzung der Mindestsicherung.

Tee oder Kanalwasser – Kontraste in der Gruft

Während der Tourist seine Serviette erfolgreich im Mistkübel auf der Mariahilfer Straße versenkt hat, befindet sich in der Barnabitengasse, nur ein paar Meter entfernt, die Gruft – Wiens bekanntestes Obdachlosenzentrum. Es ist Anfang Dezember und die Caritas hat zur Pressekonferenz geladen, um auf die Situation aufmerksam zu machen und für Spenden zu werben. Im wohligwarmen Gewölbe sammeln sich Pressevertreter*innen, ausgerüstet mit Tee, der von Sozialarbeiter*innen des Kältebusses verteilt wurde. Es werden Zahlen vorgetragen und ein Jingle gespielt, der das Winterpaket, bestehend aus einem Schlafsack und einer warmen Mahlzeit, bewerben soll. Doch die Gemütlichkeit täuscht. Zahlen und Daten klingen zwar krass, verschleiern die unangenehmen Einzelschicksale dahinter dennoch sehr gut. Spätestens aber als die Geschichte eines Wohnungslosen erzählt wird, der zum Überleben aus dem Donaukanal trinken muss, bleibt einem der Tee im Halse stecken.

Zwischen Angst und Hoffnung – Perspektiven einer Betroffenen

Doch es gibt auch positive Nachrichten. Wohnungslose, die nach 40 einsamen Jahren auf der Straße die Hilfe der Streetworker annehmen. Oder Violetta, die nach ihrer Scheidung die Miete nicht mehr bezahlen konnte, wohnungslos wurde und trotzdem einen ansteckenden Optimismus versprüht. Ich habe Violetta ein paar Fragen zu ihrer Situation gestellt:
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Wie fühlt sich das an, von einem Tag auf den anderen auf
der Straße zu stehen, hattest du Angst?

Violetta, 45                              ©Anton Mattmüller

Nein, ich hatte keine Angst. Ich habe die erste Nacht im Hauptbahnhof geschlafen und dann muss man sich erstmal fangen, dass man überhaupt irgendwo hingeht. Man hat das ja nie gekannt und überhaupt keinen Zugang dazu gehabt.

Was war das schwierigste an der neuen Situation?

Meine Tochter und ich waren komplett auf uns alleine gestellt. Sie hat sich geniert in einer Unterkunft zu leben und hat zu mir gesagt, dass sie zu ihrer Oma ziehen will, was sie dann auch gemacht hat.

Mittlerweile gibt es einen immer größer werdenden Anteil an weiblichen Obdachlosen, wie ist das Leben auf der Straße als Frau?

Furchtbar. Frauen haben es viel schwerer als Männer. Man hat viel mehr Angst, vor allem wenn man alleine ist. Deswegen ist man froh, dass es Tageszentren wie die Gruft gibt, in denen man behütet ist und schlafen kann. Natürlich sucht man sich auch immer Leute, mit denen man sich zusammentun kann, die einen beschützen. Dadurch habe ich viele Freunde gefunden.

Wie sieht dein weiterer Weg jetzt aus und was wünscht du dir für die Zukunft?

Wichtig ist es, im Moment Geld zu sparen und die Schulden zurückzuzahlen. Ich habe sehr viele Bewerbungen verschickt und war auch bei Vorstellungsgesprächen. Nebenbei habe ich die Möglichkeit, in der Gruft zu arbeiten und mir ein bisschen was dazu zu verdienen. Wir möchten eine kleine Wohnung. Schauen wir mal.
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„Und dieser Person wird geholfen, aus!“ – Wohnungslosenhilfe in Zeiten der sozialen Kälte 

Neben Violetta habe ich mich auch mit Gerald unterhalten. Gerald ist 34, arbeitet seit 9 Jahren als Sozialarbeiter im Wohnungslosenbereich, davon die letzten 2 Jahre in der Gruft.
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Gerald, 34                               ©Anton Mattmüller

Wie sieht dein beruflicher Alltag aus? 

Als Sozialarbeiter bin ich vor allem in der Beratung tätig. Zu mir kommen Leute, die wohnungslos geworden sind oder schon seit einigen Jahren wohnungslos sind. Manchmal sind es Menschen, die über kein Einkommen verfügen, weil es eine Hürde für sie darstellt, einen Antrag auszufüllen. Einen Großteil meiner Arbeit macht der Versuch aus, diese Dinge mit ihnen geregelt zu bekommen. Dass sie Bezüge bekommen, wieder Geld haben und dass sie einen Schlafplatz und mittelfristig einen Wohnplatz haben, der auch tatsächlich wieder ihr Wohnplatz ist.

Welche Aufgaben übernehmt ihr noch in der Gruft?

Neben der Arbeit in der Einrichtung sind wir noch als Street Worker unterwegs und besuchen Menschen, die auf der Straße leben und aus irgendwelchen Gründen die Hilfsstrukturen in Wien nicht annehmen können. Menschen, die nicht in einer Notunterkunft schlafen möchten. Teilweise, weil sie Angst davor haben beklaut zu werden, teilweise, weil sie nervös werden bei zu vielen Menschen, aber auch aus ganz anderen Gründen. Die suchen wir auf und statten sie aus, sofern sie das möchten. Wir versuchen eine Beziehung aufzubauen und manchmal gelingt es uns auch ihnen dabei zu helfen, es in eine geregelte Situation zurückzuschaffen.

Wien ist als die angeblich lebenswerteste Stadt der Welt bekannt. Gilt das auch für Obdachlose, die hier leben?

Ich glaube tatsächlich, dass Wien im europäischen und weltweiten Vergleich einen hohen Standard im Wohnungslosenbereich hat. Man kann natürlich immer mehr machen, aber im internationalen Vergleich ist Wien noch sehr gut aufgestellt. Auch wenn es erschreckend ist, dass sich so viele Leute hier die Mieten nicht leisten können.

Stößt du manchmal an deine psychischen Grenzen und wie kommst du mit dem ganzen Leid klar, das du tagtäglich mitbekommst?

Man gewöhnt sich über die Jahre daran. Man legt sich auch ein bisschen einen Panzer zu, um nicht alles auf sich einprasseln zu lassen. Man versucht sich zu schützen und lernt natürlich auch seine Grenzen anders zu ziehen. Gerade wenn Leute psychisch krank und/oder aggressiv sind, dann muss man sagen „bis hier her und nicht weiter!“. Es gibt natürlich auch Dinge, die sehr, sehr fordernd sind. Es sterben Menschen, die man kennengelernt hat. Da gibt es dann natürlich auch einen Trauerprozess.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Im Mindestsicherungsbereich keine Einsparungen, viel mehr brauchen wir eine Erhöhung von Sozialgeldern. Selbst mit der jetzigen Mindestsicherung ist es schwierig genug auf dem privaten Wohnungsmarkt, wenn mehr als 70% der Mindestsicherung für die Miete gebraucht werden. Da erhoffe ich mir Regelungen am Wohnungsmarkt. Und mir persönlich ist es ein Anliegen, dass diese Spaltung von guten und schlechten Menschen, von guten und schlechten Ausländern, ein Ende nimmt. Wer arm ist, ist arm. Ganz egal welche Hautfarbe die Person hat oder welcher Nationalität, welchem Geschlecht er oder sie angehört. Und dieser Person wird geholfen, aus! Das sind universelle Menschenrechte. Und ich glaube, kein armer Österreicher, keine arme Österreicherin hat irgendetwas davon, wenn einem bzw. einer Asylbewerber*in 300€ Mindestsicherung weggenommen werden. Die landen dann nicht in der Tasche von jemand anderem, sondern eine Person hat dann tatsächlich existenziell darunter zu leiden.
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Kleidung oder Kältetelefon – Helfen kann jede*r

Auch wenn in Wien viel getan wird, jedes Einzelschicksal erzählt seine eigene harte Geschichte und Hilfe kann es nie genug geben. Wer selbst etwas tun will, kann das auf verschiedenste Arten machen. Die Nummer des Kältetelefons sollte sich jede*r in sein/ihr Handy einspeichern, schon das kann Leben retten. Auch Spenden werden dringend benötigt, egal ob warme Kleidung oder ein Gruft-Winterpaket. Denn während für die meisten von uns ein Dach über dem Kopf und ein warmes Bett selbstverständlich sind, ist der tägliche Überlebenskampf für Andere bittere Realität. Oder um es mit anderen Worten zu sagen: „Härter als mein Schlafplatz ist nur der Winter“.

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Der Kältebus vor der Gruft           ©Anton Mattmüller

Caritas Kältetelefon (0-24 Uhr) – 01/480 45 53

Caritas Spendekonto
IBAN: AT163100000404050050
BIC: RZBAATWW
BLZ 31000 Kennwort: Gruft Winterpaket

Online-Spenden & mehr Infos: unter www.gruft.at

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Anton Mattmüller

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