#StraightOuttaMeidling

By katharina hochwarter / On

© Elisa Leclerc

Die Häuserfassaden bröckeln, die braungraue Farbe blättert ab. Die Schriften, die die Häuser zieren, werben für Angebote, die bereits längst verfallen sind. Jenseits des Gürtels, fern von Stephansdom, Donaukanal und Mariahilferstraße, erstreckt sich ein Wien, für das Stadtführer keine Worte finden, das weder von Touristen, noch von Wienern heimgesucht wird. Zu verlottert, zu verwahrlost – so lautet auch der Ruf, der dem 12. Gemeindebezirk vorauseilt. Von vielen belächelt hat sich dabei jedoch rund um den Bahnhof des ehemaligen Arbeiterbezirks ein ganz eigener, kleiner Mikrokosmos entwickelt: Meidling 1120. Warum sich ein Besuch vielleicht doch lohnt.

Das Alt-Wiener Schnapsmuseum– keine Schnapsidee

Der erste Bezirk mag mit Klimt und Kokoschka locken, der Zwölfte dafür mit Spirituosen und Schnaps. Seit 1990 besuchen jährlich etwa 25.000 Gäste das Alt-Wiener Schnapsmuseum  in der Wilhelmstraße 19-21, welches neben einer umfangreichen Führung durch das Museum besonders mit der Verkostung von Wiener Likörspezialitäten begeistert.

1902 als Destillerie von Betty und Friedrich Fischer in Betrieb genommen, lockt das heutige Museum, dessen Geschichte auch im 21. Jahrhundert noch eng verbunden mit der Familie Fischer ist, jedoch nicht nur Trinkfreudige und Geschichtsinteressierte an: auch Filmregisseure fanden bereits Gefallen an der Kulisse des Museums, die sich aus hölzernen Rollschreibtischen, einer historischen Registrierkassa sowie einer Destillationsanlage aus Zeiten der industriellen Revolution zusammensetzt. Ein bisschen Hollywood steckt wohl auch in Meidling, und so konnte das ungewöhnliche Museum bereits einige mitunter genauso ungewöhnliche Gäste zu einem Besuch verleiten, deren Fotos in einem der Flure des Hauses prangen. Eines davon zeigt das lächelnde Gesicht Justin Timberlakes.
Wer das Schnapsmuseum besuchen möchte, muss sich jedoch voranmelden oder bis zur langen Nacht der Museen warten, bei der das Haus in der Wilhelmstraße 19-21 die Pforten von 18.00 bis 01.00 Uhr in der Früh offen hat. Die Mindestteilnehmerzahl für eine private Führung liegt bei 10 Personen, es gibt jedoch auch die Möglichkeit, sich einer bereits gebuchten Gruppe anzuschließen. Wer von Alkohol übrigens nicht genug hat, kann, nur ein Haus weiter, den „Beer store“ Vienna besuchen, wo ein internationales Spezialbier Sortiment mit starkem Fokus auf die österreichische Kleinbrauer Szene wartet.

Damla/Nalin – der Alleskönner

Obsttörtchen, Tiramisu oder doch lieber Döner? Damla/Nalin, ein Lokal, das sich in der Wilhelmstraße 53  befindet, setzt auf Vielfalt, und so werden Gebäcktheke und Kebab-Restaurant kombiniert, eine Mischung, die auf den ersten Blick ausgefallen erscheinen mag, bei der aber für jeden Geschmack etwas dabei ist. Neben den verschiedenen Sorten an Brot, Keksen, Kuchen und allem anderen, was in der Welt des Gebäcks Platz findet (die Auswahl ist riesig!), bietet Damla, der Backshop, jedoch auch ein türkisches Frühstücksbuffet an. Abends gibt es alkoholfreie Cocktails, und wer an Sonn- oder Feiertagen vergessen hat, den Kühlschrank aufzufüllen, wird im Minisupermarkt im Damla fündig.

Gleich nebenan bietet sich bei Nalin, dem dazugehörigen Fast-Food Restaurant,  eine Kebabkarte an, die für Wiener Verhältnisse doch eher unüblich ist: So gibt es zu jedem Döner Pommes ins Fladenbrot dazu, und wer einen extra großen Hunger verspürt, kann auf den „Big Döner“ zurückgreifen, Kebab für zwei sozusagen. Neben Döner gibt es jedoch auch noch Burger, Nudeln und Schnitzel – alles, was das vom Heißhunger geplagte Herz begehrt.

Café Nahid – einfach mal die Seele baumeln lassen

Schnaps, Kuchen und Fastfood – Die Reise durch Meidling ist gezeichnet von ungesunder Schmackhaftigkeit, doch 1120 kann auch anders. Mitten auf der Meidlinger Hauptstraße 32 findet sich ein kleines Café, das zum gemütlichen Kaffeetrinken, lesen, kreativ sein und entspannen einlädt, ein Café, dem es gelingt, ein bisschen Josefstadt-Feeling nach Meidling mitzubringen. Kein Wunder, denn den Betreibern des Cafe Nahids gehören übrigens auch das Kreisky, das Bukowski und das Kafka – hippe Lokale in Mariahilf und Neubau, die zahlreiche Nachtschwärmer und Kaffeeliebhaber anlocken.

Das Nahid mag dabei vielleicht aufgrund seines fernen Standortes herausstechen, bezüglich der Atmosphäre steht es den Kaffeehausgeschwistern im 6. und 7. Bezirk jedoch in nichts nach: an den Wänden hängen, bunt zusammengewürfelt, farbenfrohe Bilder und Plakate, Glasflaschen dienen als Vasen für Rosen, die Bedienungen sind jung, aufmerksam und freundlich, und wer doch plötzlich vom kleinen Hunger aufgesucht wird, darf sich an der feinen Auswahl der Speisen bedienen: Panini und Antipasti. Hin und wieder gibt es kleinere Veranstaltungen und Konzerte, und an Samstagen darf man sich für 14 € durch das gesamte Bier-Sortiment trinken. Wohlfühlatmosphäre garantiert!

Claire’s – Sri Lanka, wie es is(s)t

Claire’s ist nicht nur die Kette eines Ramsch-Schmuckproduzenten, sondern auch der Name eines sri-lankischen Restaurants in der Krichbaumgasse 27, das mit Authentizität und frisch-zubereitetem Essen lockt.

Die Wände sind mit farbenfrohen Motiven aus Sri-Lanka bemalt, für heiße Sommertage gibt es jedoch auch einen Schanigarten. Am Wichtigsten ist aber natürlich das Essen: Mittags besteht die Möglichkeit, sich sein Curry nach Wunsch selbst zu gestalten, Hauptzutat, Geschmacksrichtung, Hauptbeilage und Extrabeilage inklusive. Dabei stehen auch eher ungewöhnliche Essensvariationen zur Auswahl, wie beispielsweise die tropische Jackfrucht oder Linsenpalatschinken als Beilage. Perfekt also, um Neues auszuprobieren, passend dazu gibt es als Vorspeise eine Currysuppe.

© Elisa Leclerc

Die Karte ist dabei natürlich auch veganer- und vegetarierfreundlich, und wem das letztendlich doch alles ein bisschen zu scharf ist, darf sich an der Auswahl der verschiedenen, erfrischenden Lassi-Sorten erfreuen. Abends gibt es eine weitaus größere Auswahl, wobei man den Schärfegrad selbst bestimmen darf – am empfehlenswertesten ist dabei wohl das Kottu, ein traditionelles, sri-lankisches Streetfood, das aus Teigfladen, Gemüse und/oder Fleisch/Fisch besteht.  Wem die Reise nach Sri-Lanka also zu teuer sein sollte, den sollte es zumindest nach Meidling ins Claire’s für einen kulinarischen Kurzurlaub verschlagen!

Meidlinger Markt – klein aber oho!

Der Geruch von sonnengereiftem Obst liegt in der Luft, die Männer werben mit der Frische ihrer Marillen, Kirschen und Paprika, daneben verkaufen Frauen ihr Porzellanbesteck und den Silberschmuck – Märkte versprühen ihren ganz eigenen Charme, und wer nicht im Trubel des Nasch- oder Brunnenmarkts versinken möchte, dem sei der, mit nur 50 Ständen doch sehr kleine, aber trotzdem sehr feine Meidlinger Markt ans Herz gelegt.

© Elisa Leclerc

Der Markt befindet sich Nähe U-Bahn Station Niederhofstraße und bietet dort ein reiches Sortiment an Obst und Gemüse, Feinkost, Fleisch, Fisch und Gebäck an. Daneben gibt es auch einige Cafés und Restaurants, wobei Tradition und Innovation Hand in Hand gehen. Am erwähnenswertesten sind dabei wohl „Anna vom Markt“, wo österreichische und französische Delikatessen angeboten werden, oder der „MarctStandl“, ein hip-eingerichteter Bioladen der auf die Philosophie der chinesischen 5-Elemente Küche vertraut. Die Zutaten für die Tagesteller, die zu Mittag angeboten werden, stammen direkt aus dem Laden und sind besonders Veganern und Vegetariern sehr zu empfehlen. Die eigens kreierte Spezialität des „Marctstandl“, die man auf jeden Fall kosten sollte, ist der „Marcuma“, ein fünf-Elemente Likör, der sich aus Kurkuma, Ingwer, Apfel, Zitrone und Wasser zusammensetzt – mit Mate und Minze gemischt der perfekte Sommercocktail!Im „Purple Eat“ werden die Gerichte von Schutzsuchenden und Ehrenamtlichen zubereitet, wobei der Erlös an „Purple Sheep“ weitergeleitet wird, ein Verein zur Förderung und Einhaltung der Rechte von Asylbewerber*innen. Das „Market111“ ist spezialisiert auf glutenfreies Gebäck und Mehlspeisen und bietet daneben auch verschiedene Frühstücksvariationen an, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Im „Milchbart“ hingegen können die Besucher und Besucherinnen selbst entscheiden, was gekocht wird: Wöchentlich wird auf der Facebook-Seite darüber entschieden, was am Freitag serviert werden soll – von traditionell bis ausgefallen.

Letztendlich mag Meidling auf den ersten Blick schäbig und unspektakulär wirken, aber letztendlich sollte man ein Buch auch nicht nach seinem Umschlag beurteilen: Erst beim genaueren Hinschauen fällt auf, dass es dem zwölften mühelos gelingt, verschiedene Kulturen zusammenzubringen, verschiedene Momentaufnahmen an Gefühlen und Lebenseinstellungen zu vereinen, dass letztendlich nur Meidling wunderschön und gleichzeitig herabgekommen sein kann.

Text und Fotos: Elisa Leclerc

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