Stadt, Land oder Wien?

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„Es grünt so grün die Wienerstadt“ 

Wien-Ende-Schild im 23. Bezirk © Elena Harrer

Nimmt man sich die Zeit und denkt über unsere Bundeshauptstadt Wien nach, kommt einem sehr wahrscheinlich viel mehr in den Sinn, als nur der Begriff „Stadt“. Auch mir als Linzerin wurde schnell klar, dass Wien um einiges mehr zu bieten hat, als man glauben mag.
Doch um das überhaupt feststellen zu können, reicht es nicht, durch den 1. oder den 2. Bezirk zu spazieren und sich dann für 20 Minuten mit der Straßenbahn noch ein wenig weiter kutschieren zu lassen. Um die vielen Facetten von Wien kennenzulernen, braucht es schon etwas mehr.

Grenzerkundung

Meine Aufgabe ist es nun, herauszufinden, wo die Stadt wirklich aufhört. Wien ist doch schließlich das kleinste Bundesland von Österreich, also kann das wohl nicht so schwer sein. Oder? So leicht ist es dann doch nicht.

Einen guten Anfang stellt die geografische Grenze dar, also entscheide ich mich für einen Ausflug zum nördlichen Rande Wiens. Nach 20 Minuten Fahrt mit der Straßenbahn, bin ich noch immer in einem eher vorstädtischen Bereich und muss bei der Haltestelle „Neuwaldegg“ in einen Bus umsteigen. Verwöhnt von den wienerischen Wartezeiten bin ich entsetzt, als ich feststellen muss, dass sich der nächste Bus erst in circa 30 Minuten blicken lässt. Also mache ich mich zu Fuß auf den Weg und spaziere mehr als eine halbe Stunde im Regen in Richtung Grenze Wien.
Meine Erkenntnis: selbst, wenn man schon das Gefühl hat, der dichte urbane Bereich beginne sich langsam zu lichten und die „Stadt“ mit ihrer engen Architektur müsse sich jeden Moment verflüchtigen, dauert es doch noch eine ganze Weile, bis es denn wirklich so weit ist.

Nach einer weiteren Busfahrt steige ich bei der Haltestelle „Höhenstraße/Röhrerwiese“ aus und bin endlich da, an der Grenze zu Niederösterreich. Ein paar Blicke reichen um festzustellen, ich sehe – naja, nichts.
Nicht, weil es an diesem Tag etwas neblig war, nein, aber neben Wäldern, Wiese und Matsch gibt es nicht viel mehr Spannenderes zu entdecken.
Aber gut, was habe ich auch erwartet – eine schwarz gestrichelte Linie mit einem Leuchtschild darüber, auf dem das Wort „Grenze“ in deutlichen Lettern prangt? Wenn man also nicht zufällig über ein Wien-Ende-Schild stolpert, bemerkt man wahrscheinlich überhaupt nicht, dass man gerade das Bundesland wechselt.
Enttäuscht war ich von diesem Tag allerdings nicht. Es ist erstaunlich, wie vergleichbar schnell es in Wien geht, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ins Grüne UND an die Grenze zu kommen – und ist man einmal dort, lohnt es sich, den Weg auf sich genommen zu haben.

Spazierweg am nördlichen Rande von Wien © Elena Harrer
 Natur mitten in der Stadt

Vielen WienerInnen ist wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass die Hälfte der Stadtfläche aus Grünland besteht. Wenn man dem Tumult der Stadt etwas entfliehen möchte, macht man sich auf zum Rande der Stadt und spaziert im Wienerwald oder zwischen Weinbergen und Feldern. Viele dieser Flächen werden für den landschaftlichen Anbau verwendet. Das bedeutet jedoch auch, dass die meisten Bauern gewitzte Wege und Methoden kennen, um die Tierwelt von diesem Anbau fernzuhalten.
Nun kommt der besonders interessante Teil: Genau aus diesem Grund flüchten viele Tiere in die städtische Umgebung und gerade deshalb gibt es teilweise mehr Wildtiere im Stadtraum von Wien, als am Rande in der Natur.
Kaum vorstellbar, oder?
Wien könnte man auch als „Turmfalken-Stadt“ bezeichnen und über den Winter kann man unzählige Krähen sehen – und vor allem hören!

Krähen bei ihrer winterlichen Wanderung
© Elena Harrer

In der Nacht schleichen sich um die 4000 Füchse durch die Gassen, Biber knabbern an Bäumen, Dachse und Eichhörnchen huschen umher. Wien beherbergt die größte Anzahl an Feldhamstern in ganz Europa!
Ein weiteres Fazit: Wien ist ein spannender, biologischer Lebensraum, kann also um einiges mehr, als nur „Stadt“ sein.

Das Projekt „Wiener Wildnis“ richtet den Fokus besonders auf diese „Stadtnatur“, welche leider viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Mit diesem Projekt möchte das Projekt-Team vor allem Begeisterung über die Vielseitigkeit von Fauna und Flora mitten in Wien mitteilen. „Wiener Wildnis“ gab mir den Ansporn, nun mit offenen Augen durch Wien zu gehen und nicht immer nur „Stadt“ zu sehen.

Es grünt so grün die Wienerstadt

Wien beinhaltet also so viel mehr, als nur große Gebäude und Shopping-Straßen. Es werden nicht nur städtische, sondern vor allem ländliche Seiten unserer Bundeshauptstadt sichtbar, die durch ihre Vielseitigkeit das gesamte Flair unseres schönen Österreichs präsentieren.
Man sollte immer im Hinterkopf haben, dass 20 Minuten meistens nicht ausreichen, um die ländlichen Facetten genießen zu können – kommt natürlich auch auf den Ausgangspunkt an.
Und wenn man dann einmal etwas mehr Zeit investieren möchte, um nicht nur Stadt und Land, sondern ganz einfach Wien erkunden zu können, sollte man aufpassen, dass man nicht versehentlich nach Niederösterreich spaziert.

Wiener Weinberg an der Bellevuestraße © Elena Harrer
Infos zu meinen kleinen Wanderungen

Falls ihr nun Lust habt, euch selbst ein Bild von meinen beschriebenen Umgebungen zu machen, zeige ich euch kurz, wie ich überall hingekommen bin:

  1. Weinberge an der Bellevuestraße:
    Um diese wunderschöne Aussicht genießen zu können, muss man in den 19. Bezirk. Mein Ausgangspunkt war immer mein Studentenheim in der Pfeilgasse. Von dort bin ich mit der Tram 2 in Richtung Dornbach zu der Haltestelle „Wilhelminenstraße“ gefahren und in den Bus 10 A umgestiegen. Mit diesem müsst ihr dann Richtung Heiligenstadt fahren, bei „Silbergasse“ aussteigen und dann mit dem Bus 39 A weiter Richtung Neustift. Die Ausstiegshaltestelle heißt „Bellevuestraße“ und diese könnt ihr dann auch hinaufspazieren – etwas anstrengend, dafür hat man die ganze Zeit eine wunderschöne Aussicht. Oben angekommen gibt es nicht nur ein Wien-Ende-Schild, sondern auch ein Restaurant!
  2.  Städtische Grenze im 23. Bezirk:
    Ich kann euch zwar keine Garantie geben, dass auch ihr eine Krähenwanderung beobachten könnt, aber sich einfach nur den Bezirk anzusehen, lohnt sich auf jeden Fall. Diesmal ist der Weg etwas einfacher, mit der U6 in Richtung „Siebenhirten“ und bei der Endstation aussteigen. Um an die Grenze zu kommen muss man zwar ca. 10 Minuten durch eine Häusersiedlung spazieren, doch in der Schellenseegasse lichtet sich diese kurz und man kommt an einem kleinen See vorbei.
  3. Spazieren im Walde:
    Diese Wanderung kann ich besonders empfehlen (vielleicht aber eher bei schönem Wetter und nicht so wie ich bei Regen und Nebel). Diesmal müsst ihr wieder in den 19. Bezirk, aber viel weiter hinauf. Mit dem Bus 13A fährt ihr Richtung „Skodagasse“ und steigt auch direkt dort um in die Tram 43 Richtung „Neuwaldegg“. Bei der Endstation steigt ihr aus und solltet mit etwas längeren Wartezeiten rechnen – entweder ihr erwischt den Bus zufällig, oder ihr müsst (so wie ich) 30 Minuten warten. In diesem Fall empfehle ich euch schon mal los zu spazieren und bei einer späteren Station in den Bus 43A zusteigen. Die Höhenstraße führt neben Wald und Feldern hoch hinaus. Grundsätzlich könnt ihr euch aussuchen, bei welcher Station ihr aussteigt. Wollt ihr jedoch zum Grenzschild, empfiehlt sich die Station „Höhenstraße/Röhrerwiese“.

 

Natürlich müsst ihr euch nicht nach meinen Erfahrungen richten. Mein Tipp: In Zukunft mit offenen Augen durch Wien spazieren und so viel wie möglich erkunden. Ihr werdet sehen, es lohnt sich!

 

 

Text & Bild: Elena Harrer
Hier kommt ihr zum Projekt: „Wiener Wildnis“

 

 

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