Spieglein, Spieglein an der Wand…

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Ich denke, die meisten haben sich schon oft nach dem Sinn des Lebens oder besser gesagt dem Sinn in ihrem Leben gefragt. Was möchte ich erreichen? Was sind meine Ziele? Diese Frage ist nicht immer leicht zu beantworten. Man muss neue Dinge ausprobieren, sich selbst kennen lernen, über sich hinauswachsen, Entscheidungen treffen und sich schlussendlich so akzeptieren wie man ist. Bestimmt geht es einigen so, dass nicht jeder Weg den man eingeschlagen hat der richtige war, manchen bereut man und mancher bleibt unvergesslich.

Neue Dinge ausprobieren
23. September 2016, ein Tag wie jeder andere. Ich saß am Abend gemütlich zu Hause vor dem Fernseher als plötzlich eine Nachricht auf meinem Handy aufschien.

Hallo Eva – hast nicht Lust bei unseren Castings für die Miss OÖ dabei zu sein?

18.11 Sugarfree Regau
25.11 Sugarfree Ried

Das sind die zwei Castingtermine.

Verwirrt überflog ich die Nachricht mehrere Male, da ich meinen Augen nicht trauen konnte. Ich modelte zwar schon seit ein paar Jahren, dennoch hatte ich noch nie über einen Missen-Wettbewerb nachgedacht, da ja das Modeln nur ein Hobby von mir war. Euphorisch rief ich nach meinen Eltern, denen ich diese Nachricht sofort überbringen wollte. Jedoch legte sich meine Hochstimmung kurz darauf, da diese nicht begeistert waren, dass ich an so einer Miss-Wahl teilnehmen wollte. Ich hatte  das Gefühl als wäre ich ihnen nicht hübsch genug, um bei so einer Wahl mitzumachen. Ohne es meine Eltern wissen zu lassen, sagte ich zu. Damals wollte ich meinen Eltern beweisen, dass ich meinen eigenen Weg gehen und eigene Entscheidungen treffen kann. Mein größter Wunsch war jedoch, sie beide stolz zu machen.

18. November 2016
Nachdem ich meinen Eltern meine Entscheidung gebeichtet hatte, waren sie zwar noch immer nicht überzeugt, aber entschieden sich trotzdem zum Casting zu kommen. Bereits am späten Nachmittag begannen die Proben und ich lernte die anderen 14 hübschen Mädchen kennen. Die Zeit verging rasend schnell und bis 20 Uhr waren wir perfekt gestylt, da sich die Top Visagisten und Modedesigner persönlich um uns kümmerten. Mein Herz pochte unglaublich stark und ich konnte mich beinahe nicht auf den hohen Schuhen halten als ich die Bühne betrat und den Catwalk entlanglief. In meinem Kopf ratterte es: „lachen, lachen, lachen!“. Dieser Vorgang wiederholte sich zwei Mal, wobei wir immer wieder von einer ausgewählten Jury benotet wurden. Die besten Drei kamen anschließend ins Finale und ich war auch dabei. Meine Gefühle zu diesem Zeitpunkt kann ich nicht beschreiben. Ich war fassungslos und konnte es nicht glauben, dass ich zur großen Miss Wahl ins Casino nach Linz eingeladen wurde. Die Leute im Sugarfree waren begeistert, jeder wollte Fotos von uns machen und auch meine Eltern waren unglaublich stolz auf mich. Im Herzen fühlte ich mich wie ein kleiner Star und die zahlreichen Fotos und Berichte über mich in den Zeitungen bestärkten mich in diesem Glauben.

Foto: meinberzirk

Über sich hinauswachsen
In den darauffolgenden Monaten wurden wir Mädchen auf die große Miss Oberösterreich Wahl vorbereitet. Ständige Termine wie Fotoshootings und Modeschauen brachten meinen Alltag ziemlich durcheinander, da ich ja auch noch berufstätig war. Das Missen-Magazin Shooting war jedoch eines der schönsten Erlebnisse, welches ich sammeln durfte. Wir wurden zu Heli Mayr in Studio eingeladen, gestylt, fotografiert und Catwalk-ready gemacht. Für mich war das komplettes Neuland, aber auch eine einzigartige Erfahrung. Zuvor hätte ich vermutlich nicht geglaubt, dass Bilder durch einfache Tricks so verändert werden können. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich zum ersten Mal ein unwohles Gefühl an dieser Miss Wahl teilzunehmen. Ich spürte einen starken Druck auf mir und ein beklemmendes Gefühl in mir, da andere etwas in mir sahen, dass ich selber nicht sehen konnte.

19 März 2017
Der große Tag war gekommen. Das beklemmende Gefühl in meiner Brust hatte ich mittlerweile verdrängt, da ich mir immer wieder einredete, dass das der richtige Weg für mich sei. Die Tage zuvor wurden zum Proben der Choreografien genutzt, sodass nichts mehr schiefgehen konnte. Gegen Nachmittag wurden wir zur Anprobe geschickt, wo wir die schönsten Ballkleider probieren durften. Weiter ging es wie mittlerweile schon gewohnt zum Make-up und dann zum Haare stylen. Von Stunde zu Stunde stieg meine Nervosität an und ich freute mich darauf meinen Eltern endlich beweisen zu können, dass ich auch alleine etwas erreichen kann. Um 21 Uhr wurde die Show eröffnet, wobei ich mich an die Einzelheiten gar nicht mehr richtig erinnern konnte. Erst als die letzten fünf Finalistinnen genannt wurden, setzte meine Erinnerung wieder ein. Ich konnte es nicht glauben, dass ich es ins große Finale geschafft hatte und die Jury durch mein Aussehen und meine Persönlichkeit überzeugen konnte.
An den Walk der letzten fünf kann ich mich komischerweise noch ganz genau erinnern. „Wie schön du bist“, so lautete der Titel, der live performt wurde und zu dem wir den Entscheidungs-Walk laufen mussten. Gleich nach dieser letzten Performance zog sich die Jury zurück, um ihre Entscheidung zu treffen. Und genau in dieser Zeit fühlte ich mich wiederrum unwohl, in dem was ich machte, ich spürte, dass irgendwas nicht stimmte und dass diese Person, die da vorne stand, nicht ich war.Ich glaubte schon damals an Schicksal und vertraute darauf, dass die Entscheidung so ausgehen würde, wie es am besten für mich sei.

Als die Entscheidung bekannt gegeben wurde, pochte mein Herz wie wild und ich konnte es nicht glauben, dass ich es bis unter die letzten zwei Mädchen geschafft hatte. Wir nahmen uns an der Hand und warteten auf die große Verkündung. Ich sah die strahlenden Augen meiner Eltern und wusste, dass sie genau in diesem Moment unglaublich stolz auf mich waren.

Ich wurde Zweite und von nun an trug ich den Titel Vize Miss Oberösterreich 2017. Gefolgt von Interviews und Fototerminen durfte ich meine Eltern erst nach einer Stunde in die Arme schließen und spürte ihre Begeisterung. Mein Leben fühlte sich in diesem Moment an wie ein Traum, ich war nicht mehr ich selbst.

Entscheidungen treffen
Die Tage und Wochen nach dieser Wahl werde ich nie vergessen, da sie mich zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin.
Ich fühlte mich gefangen in einer Welt, in der ich nicht sein wollte, hatte das Gefühl, dass sich meine Persönlichkeit und mein Charakter veränderten, und konnte nicht aus dieser ausbrechen. Keine Sekunde länger wollte ich  ein Abbild von einem Schönheitsideal sein, ständig top-gestylt herumlaufen, auf meine Figur achten und immer und überall präsent zu sein.

Foto: meinbezirk

Das schlimmste für mich war jedoch, dass diese Wahl nicht das Ende war, zahlreiche Veranstaltungen und öffentliche Termine, bei denen wir immer präsent sein mussten, dominierten mein Leben. Dazu kam, dass die Erst und Zweitplatzierte jedes Bundeslandes zu einem Missen-Camp in die Therme Geinberg eingeladen wurden, um sich dort auf die Miss Austria Wahl vorzubereiten. Der Druck und die hohen Erwartungen der Medien machten die Situation noch unerträglicher. Schon Tage vor dem Start dieses Missen- Camps lag ich am Boden zerstört in meinem Bett weinte, weinte und weinte. In meiner Verzweiflung suchte ich Rat bei meinem Freund, der einzige Mensch, mit dem ich in dieser schwierigen Situation mein Leid teilen konnte. Er sagte zu mir, dass er stolz auf mich sei, dass ich so weit gekommen bin, aber auch er habe gemerkt, dass ich nicht mehr glücklich war und, dass ich auf dem besten Weg bin mich so zu verändern wie ich niemals sein wollte. Seine Worte, welche mir damals schlussendlich die Augen geöffnet hatten, waren: „Eva, ich liebe dich so wie du bist, ich bin unglaublich stolz auf dich, und für mich bist du auch ohne Miss Wahl das schönste Mädchen auf dieser Welt. Egal ob du dich für oder gegen diese Wahl entscheidest, ich stehe hinter dir, doch ich habe Angst, dass du dich mehr und mehr veränderst und wir uns irgendwann verlieren!“

Am nächsten Tag fuhr ich in die Therme Geinberg, um dort an dem Camp teilzunehmen. Zahlreiche Zeitungen und das Fernsehen waren vor Ort. Unter Tränen führte ich meine letzten Interviews, da ich die Worte meines Freundes nicht vergessen konnten. Als ich dann noch erfuhr, dass wir ein Fotoshooting in Unterwäsche machen müssen, brachte ich die Bombe zum Platzen. Ich offenbarte, dass ich mich nicht halbnackt vor der Kamera zeigen und fotografieren lassen möchte und, dass diese Fotos öffentlich gemacht werden. Sie sagten mir nur, dass das zum Job dazu gehört und wenn ich nicht blank ziehe, müsse ich nach Hause fahren.

Ohne mit der Wimper zu zucken, packte ich meine Sachen, stieg ins Auto und fuhr los. Ein riesiger Stein fiel mir vom Herzen, ich fühlte mich so frei und erlöst wie schon lange nicht mehr. Als nächstes informierte ich meinen Freund und meine Familie die meine Entscheidung akzeptierten und sehr stolz auf mich waren, da ich zum ersten Mal im Leben gelernt habe NEIN zu sagen.

Sich so akzeptieren wie man ist
Es dauerte ein paar Tage bis der Sturm der Medien vorüberflog und sich die Fake-News über mich in den Zeitungen gelegt hatten. Viele schrieben darüber, dass ich dem Druck nicht Stand gehalten habe, was mich anfangs ziemlich verletzt hat.

Leider war dieser Weg für mich nicht der Richtige. Doch manchmal muss man Dinge ausprobieren, um herauszufinden was man wirklich will. Die wichtigste Erkenntnis für mich dabei war, dass ich endlich gelernt habe, meine eigene Meinung zu sagen und nicht mehr nach der Pfeife anderer tanzen muss. Ich habe begriffen mich so zu lieben wie ich bin und, dass ich mich nicht verbiegen muss, um anderen zu gefallen oder stolz zu machen. Ich kann mich unglaublich glücklich schätzen einen Partner zu haben, der mich unterstützt und auch in für mich aussichtlosen Situationen auf den richtigen Weg leitet.

Text: Eva Schatz

Fotos: meinbezrik, Heli Mayr, CITYFOTO

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