Dichterschlacht mit Pokébällen

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Der weiß-rote Pokéball fliegt durch die Luft, knapp über Mistys Kopf hinweg, und landet in Ashs Schoß.
Zugegeben, das gerade Geschilderte ist nur teilweise wahr, die Charaktere von Pokémon sind selbstverständlich nicht mit mir hier anwesend, im Gewölbekeller der NachBar.
Stattdessen sind um mich herum knapp 40 Leute, auf Stühle und Sofas verteilt, die versuchen die insgesamt sechs in die Menge geworfenen Plastik-Pokébälle aufzufangen und ihnen primär  auszuweichen.
Was mache ich hier eigentlich? Ich bin nichtmal wirklich vorbereitet und werde mich blamieren, denke ich  mir und hoffe inständig, dass mein Name nicht als erster aus einer der Kugeln vorgelesen wird – auf diese Weise wird die Reihenfolge der Slammer bestimmt. Ich bin die vierte von sechs, die diesen Abend antreten wird, solide, wie ich finde und versuche meine Aufregung bestmöglichst zu unterdrücken, während ich den ersten zwei Wettstreitern, meinen Konkurrenten, meine Aufmerksamkeit schenke.

© Stefan Lotter

Nurnoch eine vor mir, dann geht’s ans Eingemachte. Ich bin innerlich unruhig und angespannt, mein Mund ist wie ausgetrocknet, und mein Blick wandert auf den Tisch vor mir, auf dem mein leeres Colaglas steht. Während Kandidatin Nummer drei auf die Bühne gebeten wird, stehle ich mich doch nochmal aus dem Raum – ich hätte vorhin nicht die ganze Cola so schnell trinken sollen, fällt  mir ein und ich eile die Treppe hoch. Noch bevor der vorangegangene Auftritt zu Ende ist, bin ich zurück und warte im hinteren Bereich des Raumes, blicke vor zur Bühne, auf der ich gleich stehen werde und atme tief durch. Die Zeit erscheint für mich, als würde sie elendig langsam vergehen, ich streife meine schwitzigen Hände an meiner Hose ab – jetzt gibt es kein Zurück mehr, ich werde angekündigt.

Ich befinde mich bei meinem ersten Poetry-Slam, an dem ich selbst teilnehme, anstatt bloß der Dichtkunst lauschend, dem Publikum beizuwohnen oder als ein ausgewähltes Jurymitglied mitzuwerten.
Der Poetry-Slam, zu deutsch Dichterwettstreit oder auch Dichterschlacht, wurde 1986 von Marc Kelly Smith in Chicago ins Leben gerufen und fand seitdem weltweit Anklang. Teilnehmer treten dabei in einem poetischen Wettstreit gegeneinander an, um vom Publikum und dessen Jury zum Gewinner gekürt zu werden. Bewertet wird nicht nur der Inhalt des Textes, sondern auch die Vortragsweise. Es stehen einem in der Regel fünf Minuten pro Auftritt zu und man darf sein Textblatt mit sich nehmen, wobei es zu jedem Slam und auch regional verschiedene Vorgaben, je nachdem wo und wie er stattfindet, gibt. Vor allem die Wiener Poetry-Slam-Szene hat im deutschsprachigen Raum sehr viel zu bieten, so finden monatlich circa drei verschiedene Slams in der Stadt statt.

Zuvor hatte ich bereits bei zwei anderen Poetry-Slam Veranstaltungen zugehört und auch einen Schreibkurs im Theatherhaus Dschungel Wien besucht, bei welchem unter anderem Improvisationsübungen gemacht wurden.
Ich habe mich für meinen Auftritt in der NachBar auf die offene Liste schreiben lassen, von welcher drei zuvor  ausgeloste Kandidaten – mich eingeschlossen – gegen drei weitere, geladene Poeten, antreten, um vielleicht den Wanderpokal und Titel des NachBar des Monats zu erhalten. Insgesamt sind wir also sechs Teilnehmer für den Abend, wobei der Gewinner des letzten Monats zusätzlich die Rolle des Opferlammes übernimmt, das heißt sich als Erster dem Publikum zu stellen und dieses zu Beifall zu animieren.

Bei einem Poetry-Slam ist das Publikum von gleicher Bedeutung und Wichtigkeit wie die einzelnen Vortragenden, schließlich entscheidet es darüber, wer letztendlich den Wettbewerb für sich entscheiden kann. Unter ihm werden wahllos Zuschauer gewählt, die jeweils ein Jury-Mitglied bilden und zehn Karten mit den einzelnen Zahlen eins bis zehn ausgehändigt bekommen. Nach jeder Runde kann so jedes Jurymitglied eine Karte in die Höhe halten, mit den Wertungen „eine(r) null für ein Gedicht, das nie hätte geschrieben werden dürfen, eine(r) zehn für ein Gedicht, das einen kollektiven Orgasmus im Publikum auslöst“, wie der Poesie-Aktivist Bob Holman festlegte. Die höchste und niedrigste Bewertung wird jeweils gestrichen und das Ergebnis aus den restlichen Punkten zusammengezählt, um parteiische Bewertungen zu vermeiden.
Heute ist also endlich mein großer Auftritt, es ist soweit, ich bin an der Reihe. Meine Aufregung ist jetzt auf dem Höhepunkt, ich merke meine weichen Knie, die Beine die zu zittern scheinen und sobald ich ins Mikrofon spreche, kann ich meine bebende Stimme um mich hallen hören.  Meine Ohren werden heiß und ich spüre wie mein Blut mir in den Kopf schießt.

Als ich auf der Bühne stehe, spüre ich 40 Augenpaare, ihren Blick auf mich geheftet, und ich blicke 40 Gesichtern entgegen, ohne wirklich eines anzuschauen. Und anstatt genau vor meinem Gesicht, schwebt das Mikrofon, trotz hoher Schuhe, weit über mir. Ich lache darüber und mir wird gleich zur Hilfe geeilt und dann, nach diesem gelösten anfänglichem Problem, kann ich loslegen.

© Stefan Lotter

Drei Texte habe ich insgesamt vorbereitet, wobei ich in der ersten Runde gleich zwei wegen ihrer Kürze vortrage. Mein erster Text behandelt ein oft gewähltes Thema – die Liebe, um genauer zu sein eine verflossene Liebe von mir. Anschließend im zweiten Text geht es um meine Wut darüber, als Halbdeutschen, Halbfilipina mit Fremdenfeindlichkeit konfrontiert zu werden, sei es in Deutschland, Hongkong, oder in Österreich: „Ich bin wahlweise jetzt in Wien, und sage ich bin Bayerin, denn so wird die Tatsache deutsch zu sein, hier erfahrungsgemäß eher verziehn“, bevor ich weitersprechen kann werden meine Worte von tosendem Applaus unterbrochen. Ich bin geladen mit Adrenalin und mit Stolz erfüllt, mein Herz schlägt schnell in meiner Brust und ich bringe auch Text Nummer zwei hinter mich.
Ich gehe von der kleinen Bühne und gebe mich mit meinem Ergebnis von 28 Punkten, bei vier zählenden Wertungen, mehr als zufrieden. Die zweite Runde beschreibt bereits die Halbfinalrunde, in die drei der angetretenen Poeten mit der höchsten Punktzahl vorrücken dürfen, sowie eine weitere Person, für die sich abermals das Publikum, diesmal per Zettelwahl, in einer Pause entscheidet. Im Finale werden dann die zwei besten des Halbfinales gegeneinander antreten und der schlussendliche Gewinner mittels Applaus, und wie dieser ausfällt, ermittelt.
In der Unterbrechung kommen einzeln verschiedene der Zuhörer auf mich zu und sprechen mir Komplimente für meine Performance aus, ich solle unbedingt dran bleiben und dass ich Potential hätte. Strahlend danke ich ihnen und fühle mich bestätigt.

© Tabitha Göbel

Ich nutze die Zeit noch dazu, kurz an die frische Luft zu gehen und als ich wieder komme, läuft eine der Veranstalter auf mich zu, „Du bist weiter, es wurde für dich gestimmt“, sagt sie mir mit einem Lächeln. Ich schaue verdutzt, frage ungläubig nach und lächle mindestens genauso breit zurück, bis sie sagt: „Also, du machst jetzt weiter, gleich als Erste dann“. „Jetzt gleich?“, ich stolpere in den Kellerraum zurück und ziehe eines meiner zuvor mehrmals in den Händen zerknitterten Blockblätter aus meiner Tasche.

Mein dritter und letzter Text ist dran, Applaus überschwemmt mich wieder, während ich auf die Bühne steige. Das Mikrofon schwebt wieder in einer Höhe, irgendwo über meinem Kopf und diesmal stelle ich es mir eigenständig passend ein. „Tief durchatmen, bist ja jetzt schon ein alter Hase“, spreche ich mir ironisch selbst in Gedanken gut zu. Im nächsten Moment richte ich mein gesprochenes Wort ein weiteres, aber bestimmt nicht zum letzten Mal, an die erwartungsvoll wartende Menge.

 

Text: Tabitha Göbel

Fotos: Stefan Lotter, Tabitha Göbel

  • weiter Infos unter:
  • http://poetryslam.at/
  • http://www.dschungelwien.at/pages/poetry-slam
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