Na, heute schon gelächelt?

geposted am

Zuerst erschien ein Blick der Verwirrung im Gesicht des Gegenübers. Zur selben Zeit pochte in meiner Brust mein Herz vor Nervosität, als ich vor einer wildfremden Person stand mit einem Zettel in der Hand, und weiteren tief vergraben in den Taschen meiner Winterjacke.

„Can I give this to you?“ fragte ich auf Englisch, da ich bereits bemerkt hatte, dass die junge Erwachsene, Touristin in Wien war.

Sie nickte zaghaft und nahm mir das neonfarbene Zettelchen ab das ich ihr entgegenhielt. Alles an ihrer Körpersprache deutete immer noch auf Verwirrung hin, doch dann las sie meine Notiz.

Und jetzt lächelte sie.

Sie bedankte sich mehrmals während ich ihr Lächeln erwiderte.

„You too.“ sagte sie dann und deutete auf das bunte Papier, das sie immer noch in der Hand hielt.

Da es kurz vor Weihnachten war, hatte ich mit schwarzer Tinte liebe Weihnachts- und Neujahrswünsche auf den Post It Zettel geschrieben und für sie die englische Version davon aus meiner Jackentasche gezogen.

Ich nickte freudig und dann verabschiedeten wir uns voneinander. Wir gingen in entgegengesetzte  Richtungen. Während ich den Wiener Volksgarten verließ, schaute sie sich noch weiter um. Wir beide wussten, dass wir uns nie wieder begegnen würden, doch trotzdem hatte ich sie für einen kurzen Augenblick zum Lächeln bringen können.

Und genau das war meine Mission.

Genug vom tristen, grauen Alltag

Als es hieß, wir müssen in einem Blogeintrag über etwas mit Mehrwert für Young Viesions schreiben, einem Blog bei dem es eigentlich um das Positive geht, was jedoch immer wieder vergessen wird, wusste ich sofort, dass ich auf irgendeine Weise Leute glücklich machen wollte. Denn zu gut kenne ich die Alltagsroutine und den Schulstress, die müden Gesichter in der U-Bahn, Montag morgens, und die Hektik, die heutzutage überall zu herrschen scheint. Zu oft hört man nur Schlechtes in den Nachrichten und zu häufig nehmen wir Menschen das Negative mehr als alles andere wahr.

Stay positive!
© Isabelle Grasser

Mit diesem Wissen im Hinterkopf erschuf ich die Idee, das Motto #postitpositivity. Aus dieser Idee wurde bald ein Plan und schließlich eine Mini-Kampagne, nur von mir geleitet, doch gerichtet an ganz Wien.

Ich schrieb auf klebende Notizzettel positive Nachrichten, um diese dann an öffentlichen Plätzen und Touristenmagneten in Wien anzubringen. Außerdem wollte ich zusätzlich auch direkt Menschen ansprechen, um ihnen die Notiz persönlich zu überreichen. Denn der Vorteil hierbei ist natürlich, dass man beim Gegenüber sofort eine Reaktion erzielt.

Um die Möglichkeit der Rückmeldung auch bei den angebrachten Zettelchen zu haben, erstellte ich also schnell die Emailadresse postitpositivity@gmx.at, und bat auf der Rückseite die Finder immer darum, mich wissen zu lassen, dass meine Nachricht angekommen ist.

Am Anfang war der Zweifel

In der Theorie klingt das natürlich alles schön und gut, doch als es dann ernst wurde, ich mein Projekt aktiv startete und hinaus auf die Straßen Wiens trat, machten sich doch Zweifel in mir breit.

Würde sich überhaupt jemand die Mühe machen, mir eine Email zu schreiben? Immerhin muss man dafür an das Smartphone oder den Computer, extra die Adresse eintippen und eine Nachricht an eine fremde Person schicken. Ich selbst schiebe ja schon wichtige Emails auf, auch wenn diese dringend sind.Würde sich generell jemand die Zeit nehmen, um den Zettel zu bemerken und zu lesen? Was wäre, wenn sich niemand angesprochen fühlt und alle Nachrichten ignoriert, oder links liegengelassen werden?

© Erin Thomas

Aber nicht nur das, auch die direkt übergebenen post it notes hatten das Potenzial zu scheitern. Denn was wäre, wenn alle Wiener zu gestresst oder zu beschäftigt sind für meine Notiz? Gibt es so etwas wie keine Zeit mehr für Positivität? Ich selbst lehne ja auch die meisten Werbungen und Broschüren ab, die mir auf der Straße in die Hände gedrückt werden.

Das waren meine Ängste und Befürchtungen, die ich hatte, als es galt meinen Plan in die Tat umzusetzen.

Mit einer kleinen Kampagne hinaus in die Großstadt

Den ersten Zettel klebte ich in den einzigen Lift meines Studentenheimes, direkt auf den Spiegel, da wo ihn jeder sehen konnte. Auf dem pinken Stück Papier wünschte ich dem Leser einen schönen Tag, erklärte, dass dies ein Studentenprojekt sei und hinterließ die Emailadresse.

Als ich den Aufzug am nächsten Tag wieder benutzte, war das Zettelchen weg. Obwohl ich, um ehrlich zu sein, wenig Hoffnung hatte, checkte ich sofort meinen Posteingang und siehe da, eine neue Nachricht.

Erster Versuch, erster Treffer.

Diese Tatsache, diese Rückmeldung, beflügelte mich. Es fühlte sich an, wie ein kleiner Triumph. Ich konnte für geschlagene zehn Minuten nicht aufhören zu lächeln. Dieses Projekt hatte so schnell bereits bei einer Person  funktioniert und allein dies war schon ein Erfolg in meinen Augen. Obwohl ich auch noch eine Notiz auf eine Zimmertür meines Studentenheims klebte, konnte ich nicht einfach in meinen eigenen vier Wänden bleiben. Deshalb machte ich mich auf den Weg mitten in die Großstadt, ausgerüstet mit Positivität.

© Isabelle Grasser

Im Volksgarten nahm ich zum ersten Mal meinen Mut zusammen und übergab die erste Nachricht persönlich. Danach verlor ich immer mehr meine Hemmungen, streifte durch die Innenstadt Wiens, teilte Notizzettel an Fremde aus und wurde meistens belohnt mit einem Lächeln. Sogar der Stephansdom bekam ein neonfarbenes Accessoire.

Ich schmückte U-Bahnen und Parkbänke, musste dabei aber auch zusehen, wie wegen Regen oder Schnee meine schwarze Tinte zerfloss. Auf einem Tisch im Starbucks Café auf der Landstraße hinterließ ich eine Nachricht für den Nächsten, im Zug von Linz nach Wien wünschte ich eine gute Fahrt, uvm. Dabei war ich immer darauf bedacht, manchmal Deutsch und manchmal Englisch zu schreiben, um sozusagen meine Zielgruppe zu erweitern.

Doch noch Zeit für Positivität?

Natürlich kam nicht immer eine Antwort, es gab sogar einige Blindgänger. Doch auch wenn es keine Rückmeldung gab, ist die Wahrscheinlichkeit trotzdem hoch, dass meine Nachricht zumindest gelesen wurde. Je geschlossener der Kreis, desto höher auch die Antwortquote fiel mir deutlich auf.

Während das Hinterlassen in U-Bahnen kein einziges Mal funktionierte, waren Cafés oder mein Studentenheim Volltreffer.  Die Emails, die ich zurückbekam, waren immer freundlich. Manch einer wollte wissen, was ich denn eigentlich machte, andere bedankten sich und wünschten mir viel Glück.

Ich merkte, wie mich jede einzelne Rückmeldung glücklich machte, dass dieses Projekt nicht nur andere Leute zum Lächeln brachte, sondern auch mich. Natürlich war es aufwendig, kostete Überwindung und barg ein kleines Risiko schief zu gehen, doch ich bin froh dies gemacht zu haben. Immerhin hatte ich dem Alltag etwas Buntes und Positives gegeben und davon können wir bestimmt alle viel mehr gebrauchen. Deswegen möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass noch nicht alle meine Notizzettel aufgebraucht sind.

Catch me somewhere in vienna #postitpositivity

Isabelle Grasser

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

%d Bloggern gefällt das: