Mein Partner mit der kalten Schnauze

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Das Gebell ist groß, als ich den Gang hinunterlaufe bis zur letzten Tür. Leine, Halsband und Lieblings-Leckerli sind griffbereit und wir öffnen das Gitter des Zwingers. Hündin Greta erwartet uns bereits mit treuherzigem Blick und wild wedelndem Schwanz. Der Besuch von Hundepate Sepp ist ihr die liebste Zeit des Tages. Endlich raus an die frische Jänner-Luft, mal was anderes sehen als die eigenen vier Wände, und vor allem: Streicheleinheiten!

Die liebenswerte 8-jährige Hundedame ist eine der „Langzeitinsassen“ im Tierschutzhaus des Wiener Tierschutzvereins. Über ein Jahr müssen diese Vierbeiner auf eine erfolgreiche Vermittlung und das Hundeglück im neuen Zuhause warten. Doch ein kleines Glück hat Greta schon hier gefunden. Hundefreund Sepp, der sich alle paar Monate mit dem Tierrettungsmobil auf den Weg nach Ungarn macht, um dort Hunde – so auch Greta – in letzter Minute aus den Tötungsstationen nach Wien zu retten, hat sein Herz an den schwarzen Wildfang verloren.

Tierische Freunde: Greta und Sepp © Yelena Schröder

„Wir haben schon seit Jahren zwei Hunde aus Ungarn zu Hause; für einen dritten ist da leider kein Platz mehr. Aber ich besuche sie jeden Tag für mehrere Stunden. Sie hat auch noch eine weitere liebe Patin – ich denke, es geht ihr hier wirklich ganz gut.“

Hunde-Sehnsucht …

So wie Sepp geht es wohl einigen Hundeliebhabern im urbanen Alltagsleben. Interesse und Liebe für Hunde sind da – oft scheitert der Traum vom eigenen Haustier letztendlich an Zeit- und Platzmangel. Als ich 2016 zum Studium nach Wien gezogen bin, war es für mich – von klein auf mit einem Labradormischling aufgewachsen und für nichts auf der Welt einfacher zu begeistern als für ein niedliches Welpenfoto – zunächst einmal eine enorme Umstellung, so vollkommen hundelos zu leben. Fortan wurde also jeder Vierbeiner, der mir begegnete, zum potentiellen Schmuse-Opfer. Das linderte die Sehnsucht nach den eigenen Hunden in der fernen Heimat zumindest ein wenig…

Das Betreuungspaten-Projekt
© Yelena Schröder

Für ebensolche Hundefanatiker hat sich der WTV schon vor längerer Zeit ein tolles Konzept ausgedacht. Im September 2003 wurde das Betreuungspaten-Projekt – das erste seiner Art in Wien – ins Leben gerufen. Die damalige Chefin war anfangs noch skeptisch. Sie  gab ihre Zustimmung nur, weil sie glaubte, es „ginge sich ja eh nicht aus“, genügend Interessierte zu finden, die mit den Hunden Gassi gehen wollen…

Falsch gedacht! Innerhalb weniger Wochen waren die ersten 50 Hundepaten und -patinnen am Start. Seitdem erfährt  das Projekt stetigen Zulauf und hält sich  bei durchschnittlich 160 bis 180 PatInnen (aktuell sogar 187), die auf insgesamt 190 Hunde und Hündinnen verteilt werden.

Zugegebenermaßen schrecken die Grundvoraussetzungen für eine Hundepatenschaft einige Interessierte ab: mindestens 2-3 Mal pro Woche  zwei Stunden mit dem Patenhund verbringen plus eine Versicherungsgebühr von 30€ pro Monat.  Bei meinem Treffen mit Tiertrainerin und Verhaltensbiologin Gudrun Braun, die seit 2004 für das Patenprogramm zuständig ist, erfahre ich, dass etwa 40% der anfänglichen Interessenten bereits nach dem genaueren Lesen der Info-Broschüre wieder Abstand von der Idee nehmen. Schade, aber auch verständlich, bedenkt man die nicht ganz so zentrale Lage des Tierschutzhauses in Vösendorf und die zumeist überfüllten Terminkalender eines jeden Menschen. Umso bemerkenswerter, wie erfolgreich das Projekt seit nun bald 15 Jahren verläuft und wie viele Menschen ein derart riesiges Herz für Hunde beweisen.

Die wichtigsten Skills, die man als Pate/Patin mitbringen sollte, sind körperliche Fitness und vor allem auch Geduld. Ein Großteil der Patenhunde ist groß, stark und lebhaft und den regelmäßigen Umgang mit Menschen nicht gewöhnt. Oft sind sie auch  zurückhaltend oder ängstlich aufgrund negativer vergangener Erfahrungen.

Falsche Vorstellungen
King freut sich auf seinen Paten © Yelena Schröder

Lachend erzählt Frau Braun, dass viele angehende PatInnen eine völlig verklärte Vorstellung von der Patenschaft haben. Sie denken, sie könnten den Hund locker an die Leine nehmen und mit ihm einen „gechillten“ Spaziergang machen, nebenbei noch ´ne Tschick rauchen und am Handy telefonieren. Wenn sie dann merken, dass es mit Hunden aus dem Tierschutz doch erst mal nicht ganz so „gechillt“ ist wie mit Nachbars Waldi, ist die Enttäuschung oft groß. Ganz im Gegenteil stellt die Patenschaft eine ernstzunehmende Herausforderung mit oft auch frustrierendem Lernprozess dar. Beide Parteien – Zwei- wie Vierbeiner – müssen sich mit  Geduld und Zeit aufeinander einlassen und aneinander gewöhnen, damit das Projekt glückt.

Das Tierschutzhaus in Vösendorf  © Yelena Schröder
Hundepate werden

Interessiert man sich also ernsthaft für eine Patenschaft im WTV, ist es von Vorteil, sich zuvor wirklich ganz genau zu überlegen, welche Erwartungen man persönlich an dieses Projekt stellt. Und  ob man den Anforderungen der Mitgliedschaft und den Anforderungen des Hundes gerecht werden kann und will. Fühlt man sich der Challenge aber gewachsen, profitieren sehr bald Hund und Mensch von der besonderen Verbindung: die oft scheuen Tiere bauen durch den regelmäßigen und intensiven Kontakt mit den PatInnen Vertrauen auf, werden sozialisiert und haben in der Folge eine weitaus höhere Chance zur erfolgreichen Vergabe in ein fixes Zuhause.

Und dann kann’s auch schon losgehen: nach der Kontaktaufnahme über Frau Braun werden  erste Termine im Tierschutzhaus vereinbart. Gemeinsam mit den HundetrainerInnen wird ein passender vierbeiniger Schützling ausgesucht und eine Einschulung im Umgang mit dem Hund absolviert. Ab diesem Zeitpunkt können die PatInnen ihren Patenhund – von Dienstag bis Sonntag zwischen 12 und 17 Uhr – selbständig aus seinem Zwinger holen und mit ihm auf den eigens dafür angelegten Auslaufgehegen auf dem Gelände des Wiener Tierschutzvereins und im nahegelegenen Erholungsgebiet des Wienerbergs spazieren gehen.

Der Alltag als Hundepate/Hundepatin
Quality Time mit Benji  © Yelena Schröder

In einem dieser eingezäunten Auslauf-Areale treffe ich auf Gisela und ihren niedlichen Patenhund Benji. Benji ist ein ruheloses und wuseliges kleines Wesen.  Fremden gegenüber ist er anfangs oft ängstlich und schüchtern. Gisela lässt mich zum Glück trotzdem in die Patenhundezone hinein und Benji ist auch gar nicht so scheu wie erwartet. (Bloß meiner Kamera begegnet er mit einigem Misstrauen und schaut mich skeptisch, aber doch neugierig an). Gisela erzählt mir von ihrem Alltag als Hundepatin. Seit Herbst letzten Jahres ist sie dabei, Benji ist bereits ihr dritter Patenhund. Die anderen beiden haben schon neue BesitzerInnen gefunden. Das Patenprogramm hat sicher seinen Teil dazu beigetragen und hilft den Tierheimhunden über die einsame Zeit bis zur Vergabe hinweg. Geduldig und liebevoll beschäftigt sich Gisela mit ihrem „Patenkind“, lässt ihn Leckerli suchen, schmust und spielt mit ihm und lässt ihm dabei viel Zeit und Raum.

Es geht nicht vordergründig darum, ihm ‚Sitz‘ oder ‚Platz‘ oder ‚Gib Pfote’ beizubringen. Klar finden die Leute, die zur Hundevergabe kommen, das super, wenn er schon ein paar Kommandos drauf hat. Aber mir geht es vor allem um den Kontakt und die Nähe zum Hund, um Vertrauen. Und das gibt mir dann auch ganz viel, wenn ich das Gefühl habe, er kommt bei mir ein wenig zur Ruhe.“

© Yelena Schröder
Ein Herz für Tiere

Nach ein paar Stunden Freilauf bringen wir Benji wieder zurück ins Hundehaus zu den anderen Hunden. Gisela sitzt noch eine Weile mit ihm in seinem Hundezimmer und richtet seine Kissen, Decken und Körbchen zurecht. „Damit er sie dann wieder schön durcheinander wühlen kann, wenn ich weg bin.“ Ein bisschen zerreißt es mir das Herz, als ich vorbei an den Hundezwingern zum Ausgang gehe. Vorbei an den treuen Augen, dem Bellen und Winseln, dem erwartungsfrohen Schwanzwedeln.  Hinter jeder Tür ein einzigartiger, wundervoller Hund, mit dem es das Leben bisher nicht gut gemeint hat, und der nur darauf wartet, abgeholt zu werden  von einem liebenden Menschen. Sofort vermisse ich unsere Hunde zu Hause in Deutschland wieder schrecklich.

Auf dem Heimweg in der Bahn schaue ich mir in meinem  Smartphone-Fotoalbum Bilder von unseren tierischen Lieblingen an. Die verrückte Sasha, als Welpe bei uns aufgewachsen und niemals Böses kennengelernt, und die zarte Cava, ein Straßenhund aus dem Tierschutz aus Spanien, die immer noch nicht gut allein bleiben kann – und bin traurig und gleichzeitig dankbar dafür, dass es so viele Menschen mit einem Herz für Tiere gibt, die einen winzigen Teil dazu beitragen, dass all diese Hunde ein wenig mehr Freude in ihrem Hundedasein haben.

 

Nur die Harten werden Paten  © Yelena Schröder

Text & Bild: Yelena Schröder

 

 

Mehr Infos unter: 

 

 

 

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