Mahlzeit = Mehl(wurm)zeit

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Meine Essgabel, der frische Salat, die knusprigen Mehlwürmer und ich.
Ich portioniere mir den ersten Bissen so, dass ich gleichzeitig in ein Avokadostück, eine Kichererbse, einen Feta-Würfel und einen knusprigen Neuling beiße. Geschafft. Ich kaue und kaue, es knackt und knistert zwischen meinen Zähnen. Dann schlucke ich alles hinunter. Okay, halb so schlimm. Vielleicht auch deshalb, weil ich mir einfach eine knackige Nuss vorgestellt habe. Gemäß dem Motto „Wenn schon, denn schon“ suche ich einen einzelnen Mehlwurm aus der Salatschüssel und spieße ihn auf meine Gabel. Einmal noch tief ein- und ausatmen, dann schiebe ich mir den knusprigen Wurm mit den Zähnen von der Gabel in meinen Mund. Es knistert wieder, diesmal entfaltet sich der ganze Geschmack. Zuerst nussig, dann rauchig, eine leicht speckige Note entwickelt sich schließlich auch noch. Geschafft. Und ich muss sagen, gar nicht mal schlecht!

Ja es stimmt, einem saftigen Steak, einem frischen Hühnerstreifensalat oder dem klassischen Wiener Schnitzel wird es schwer sein, die Show zu stehlen und aus der Liste unserer Top 10 Lieblingsessen zu streichen. Allerdings steht unserer Welt bald ein Problem im Weg, das diesen Speisen möglicherweise nicht mehr erlauben wird, weiterhin regelmäßig auf unseren Tellern zu landen: Das Problem einer Dissonanz.
Dadurch, dass die Weltbevölkerung stetig ansteigt, die Größe unserer möglichen Ressourcen jedoch abfällt, wird es in Zukunft zu wenig für zu viele geben. Die diplomierte Wiener Studentin Katharina Unger ist eine der wenigen, die das Problem erkannt haben. Also hat sie einen Insektenbrutkasten entwickelt, mit dem wir ohne viel Aufwand zu Hause unser eigenes Protein herstellen können: Würmer.

Nicht ohne Grund finden wir an fast jeder Ecke Bücher über die verschiedensten veganen Ernährungsstile. Auch die Social Media Kanäle sind voll von veggies und vegans. Die Kugeln für eine fleischlose Ernährung wurden bereits ins Rollen gebracht und werden sich vermutlich schwer stoppen lassen. Denn abgesehen von dem wohl schwerwiegendsten Problem der fehlenden Ressourcen kommt Fleisch immer stärker in den Verruf: Voll von Pestiziden und Antibiotika, ein Herz für Tiere und der hohe Preis von Qualitätsfleisch sind häufig genannte Gründe für weniger oder keinen Fleischkonsum. Auch ich selbst greife seit meiner Studentenzeit und dem Umzug nach Wien kaum noch zu Fleisch. Für mich und meine Studentengeldbörse ist das Thema Insektenessen deshalb doppelt interessant. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, drei Gerichte mit Mehlwürmern zu kosten und zu testen: Kichererbsen-Avokado-Salat mit gebratenen Mehlwürmern, Quinoa-Mehlwurmbällchen und Bananen-Mehlwurmmehl-Muffins. Drei von Kathis Mehlwürmer-Lieblingsrezepten, die sie mir zur Verfügung gestellt hat.

Ich bestelle mir also bei Livinfarms eine Kostprobe mit 50 Gramm Mehlwürmern und nehme sie freudig an der Haustüre entgegen. Lange zuvor habe ich überlegt, ob ich die ersten Würmer gemäß dem Motto „Augen zu und durch“ probieren, oder mich doch besser mit den kleinen Kriechtierchen anfreunden sollte. Okay, anfreunden ist vielleicht etwas zu viel verlangt, aber ich entscheide mich schließlich trotzdem dazu, meine neuen Proteinlieferanten vorab zu begutachten und kennenzulernen.

Oft bilde ich mir ein, als würden sich die Würmer in der raschelnden Dose noch bewegen, das schreckt mich etwas ab. Aber dank der liebevoll verpackten Kostprobendose sehen die Mehlwürmer sehr harmlos und ansprechend aus. Ich fische mir einen Mehlwurm aus der Dose und begutachte ihn auf meiner Hand. Eigentlich verläuft meine erste Begegnung ziemlich reibungslos. Es ist zwar ungewohnt, in der Küche eine Dose Würmer zu beobachten und zu wissen, dass diese bald auf den eigenen Teller kommen, aber dadurch, dass ich weder Fühler noch Beinchen erkenne, finde ich das Vertrautwerden halb so schlimm.

Nach meinem Kichererbsen-Avokadosalat Mittagessen kommt schließlich das Quinoa-Mehlwurmrezept zum Einsatz. Ich bereite alles nach Kathis Rezept vor. Da die Mehlwürmer in der Dose bereits geröstet sind, werfe ich sie nur ganz kurz in etwas Öl in die Pfanne, um sie warm zu essen. Der Quinoa ist ebenso fertig gekocht. Spontan entscheide ich mich, doch einen einfachen Quinoa-Mehlwurmsalat zu machen. Ich werfe also Quinoa, Mehlwürmer, Paprikastückchen, Koreander und Gurkenstückchen in eine Schüssel und rühre alles um. Da wird mir erneut etwas mulmig. Es ist und bleibt ungewohnt, Insekten im Essen zu sehen und nicht rauszufischen, sondern gewollt zu verspeisen. Nichts desto trotz: Olivenöl, Zitronensaft, Salz und Pfeffer dazu und auf den Tisch mit der Schüssel. Zum Glück bekomme ich gerade eben Unterstützung von meinem Mitbewohner Niklas, der lange in meine ungewohnte Salatschüssel blickt und sich dann mit einem „na viel Glück“ zu mir setzt. Okay, ganz so viel Unterstützung ist er dann doch nicht. Wieder portioniere ich den ersten Bissen so, dass ich von allen Zutaten inklusive dem Insekt etwas auf der Gabel habe. Es knackt und knistert erneut, wahrend ich in den großen Augen meines Mitbewohners starkes Mitgefühl und großen Ekel sehe. Dann schlucke ich alles hinunter. „Möchtest du auch etwas?“, frage ich den verstaunten Niklas, der immer noch meinen Salat studiert. Er verneint mit Kopfschütteln. Hm, dass er nichts kosten will, liegt bestimmt an der Riesenpizza, die er zuvor gegessen hat…

Am nächsten Morgen kommt das letzte Rezept zum Einsatz. Es ist Sonntag und in meiner WG wird für ein großes gemeinsames Brunch vorbereitet. Ich habe meinen Mitbewohnern bereits mitgeteilt, dass ich etwas backen werde. Sie wussten natürlich gleich, dass ich ein Gericht mit den Mehlwürmern im Sinn habe. Wie auch bei meinen letzten Zubereitungen meiner Mehlwürmergerichte werde ich auch heute wieder mit schiefen Blicken beobachtet, während ich mir meine Zutaten zurecht lege. Das nötige Mehlwürmermehl für die Muffins habe ich bereits am Tag zuvor zubereitet, indem ich die gerösteten Mehlwürmer zermahlt habe. Das Zerstampfen der Mehlwürmer war für mich der schwierigste Part, da das Knacksen und Knistern unter dem Mörser sowohl akustisch als auch gefühlt sehr grausig war. Ich mische also alle Zutaten zu einer Masse, fülle den Teig in die Muffinformen und schiebe diese in den Ofen. Währenddessen wird unser kleiner Küchentisch mit den typischen Wiener Kaisersemmerln, Avokados, bunten Aufstrichen und verschiedensten Marmeladen zugestellt.

Da mir die Muffins nach dem Backen zu „normal“ aussehen, röste ich noch ein paar Mehlwürmer in Kokosöl, mische sie mit Kokosflocken und Honig und dekoriere diese Mischung als Topping auf den Muffins. Perfekt. Inzwischen fühle ich mich schon wie ein Mehlwürmer-Kochprofi, der Jamie Oliver unter den Insektenkochkünstlern quasi. Beim Anblick merke jedoch wieder, dass so ein Wurmgericht doch etwas ungewohnt ist. Vor allem in aller Früh. Ich drücke mir ein Stück plus Mehlwurmdeko auf die Gabel  und kaue das noch warme Muffinstück. Beim Kosten bemerke ich einen komischen Eigengeschmack. Hm, nicht so meins. Meine Mitbewohner werden trotzdem neugierig und greifen schließlich ebenso zu einem kleinen Insektenmuffinstück und beißen zu. Alle drei verziehen beim Abbeißen die Gesichter, dann macht sich ein Lachen und Grinsen breit. Dann aber: alle drei verwunderte Blicke, da es ihnen augenscheinlich schmeckt. Das hätten sie wohl nicht erwartet. Wir stellen schließlich fest, dass mir der Eigengeschmack einer warmen Banane leider einfach nicht zusagt, aber dank der Meinung meiner drei Mitverköster können sich die Mehlwürmermuffins positives Feedback einheimsen. Geschafft.

Wie funktioniert das Ganze nun?

Alles begann 2013 mit einer Idee und einer Diplomarbeit auf der Universität Wien für Angewandte Kunst. Katharina Unger wollte sich ursprünglich dem Thema „Massentierhaltung“ widmen. Als sie allerdings verstand, dass – egal was sie dazu innovativ erfindet – zu diesem System beitragen würde und dies nicht wollte, traf sie auf Insekten. Aus diesem Gedanken entstand nach langer Anstrengung und einigen Arbeitsstunden schließlich ihr Diplomprojekt FARM432, ein Gerät, das aus Fliegenpuppen essbare Larven produziert. Vereinfacht gesagt, sieht der Kreislauf der Maschine so aus:

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FARM432 : Katharina Unger © livin farms

In die oberste Box des FARM432 werden Fliegenpuppe gesetzt, aus denen die Fliegen schlüpfen. Diese fliegen dann in den Glaskörper und paaren sich. Ihre Eier legen sie in den kraterartigen Boden. Die aus den Eiern geschlüpften Larven fallen in den zweiten Zylinder, wo sie mit Bioabfall gefüttert werden müssen. Nach etwa zwei Wochen klettern sie die Rampe hinauf und fallen dann in den letzten Behälter. Dort kann man einen Teil entnehmen und zubereiten, den Rest setzt man erneut in den ersten Behälter, von wo der Kreislauf erneut beginnt.

Eine Wahnsinns-Sache mit viel Hirnschmalz dahinter!

„Eigentlich ist das beste daran, dass man erleben kann, wie eine total verrückte Idee Realität wird.“ (Katharina Unger)

Nach der Veröffentlichung vom FARM432 war Kathis Feedback supergroß. Sie ging nach Amerika, Hawaii, Afrika und schliesslich Asien und hat viele Menschen mit ihrer Idee inspiriert und begeistert. Als bald der erste Auftrag im Februar 2015 von Malaysien einging, begann ein neuer Abschnitt. Ein neues Redesign des FARM432 wurde entwickelt und durch Crowdfunding und einer Kickstarter Kampagne finanziert. Livinfarms war geboren.

Was ist Livinfarms?

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Erklärung des Livinfarm Hive © livin farms

Der Unterschied zu Kathis Prototyp FARM432 und dem jetzigen Livinfarms-Projekt liegt vor allem in der ausschließlichen Nutzung von Mehlwürmen statt Larven. Außerdem wurde der Hive natürlich verbessert und idealisiert. Die Idee ist ähnlich: Zum Kauf eines Hives erhält man ein Starterkit, welches lebendige Mehlwürmer beinhaltet. Diese legt man in die oberste Lade mit ein paar Gemüsestücken und Haferflocken. Nach einigen Tagen entwickeln sich diese Würmer zu Käfern. Diese paaren sich und werfen dann Baby-Mehlwürmer. Sobald dies geschieht, werden diese erneut mit Gemüse und Hafer gefüttert. Wöchentlich stürzen die wachsenden Mehlwürmer in die nächste Lade, bis sie bei der sechsten und letzten Lade angelangt und somit erntbar sind. Der ganze Prozess dauert in etwa 8-9 Wochen.

Die Vorteile der Insekten gegenüber Fleisch sind klar:

Der Eiweißgehalt ist bei Mehlwürmern deutlich höher als bei Fleisch, gleichzeitig haben Insekten aber einen geringeren Fettanteil als Fleisch. Außerdem entfallen viele gesundheitliche Risiken, die mit (übertriebenem) Verzehr von Fleisch einhergehen, wie erhöhter Blutdruck oder Herz-Kreislauferkrankungen. Ebenso kann bei Insektenernährung der Verzehr von Penicillin oder Antibiotika im Fleisch vermieden werden, welche oft bei Massenzuchtbetrieben eingesetzt werden.  Auch Tierliebende haben es mit Insekten einfacher. Dadurch, dass der Bezug zu den Kriechtierchen fehlt, fällt es leichter sie zu verspeisen. Ebenso verläuft der Tötungsprozess wesentlich harmloser als beim Fleisch: Die Mehlwürmer werden gefroren, was schonend und schnell ist.

Aber neben gesundheitlichen und ethischen Vorteilen von Insekten gegenüber dem Fleischkonsum gibt es vor allem auch ökologische und ökonomische Vorteile: Der Weg vom lebendigen Rind bis zu einem Stück Rindersteak auf unseren Tellern verbraucht circa 4.000 Liter Wasser.  Im Gegensatz dazu brauchen Insekten nur einen Bruchteil an diesem Verbrauch von Wasser. Hier wird mit circa 1 Liter Wasser für 1 Kilo Insektenmasse gerechnet. Natürlich gilt dieser Unterschied ebenso bei der Futterverwertung zwischen Fleisch und Insekten.

Ich denke, wenn das Angebot in Österreich oder Wien da wäre, würde es früher oder später von den Menschen angenommen werden. Es kann bereits jetzt schon ein Trend hin zu dieser Thematik erkannt werden. Einige Restaurants bieten bereits Insekten an, sowie gibt es zusätzlich einen Verein in Wien, der Kochkurse und einen Insekten-Onlineshop anbietet (Speiseplan Wien ). Das Problem ist einfach das Unbekannte. Während meiner Recherche und meines Versuches kam kaum ein positives Feedback meiner Mitmenschen, da das Experiment der Großteil für eklig und verrückt hielt. Erst als ich ihnen erklärte, warum ich das mache und über Kathis Projekt erzählte, änderte sich ihre Einstellung und das Gespräch endete fast immer mit einem „Okay, das ist echt interessant.“ Wenn sich ein Umdenken breitmachen würde, oder ein Kennenlernen mit der Insektenernährung, steht meiner Meinung nach Mahlzeiten mit Würmern nichts im Wege. Für mich und meine Familie hat sich diese Erfahrung mit den Mehlwürmern jedenfalls ausgezahlt, ein Livinfarms Hive wurde bereits von Livinfarms bestellt und wird bald seinen Platz in der Küche meiner Eltern finden. Gegenwärtig muss ich sagen, dass für mich klar ist, dass die kleinen Insekten ein saftiges Steak nicht schlagen können. Aber das macht nichts. Denn Livinfarms ist trotzdem ein weiterer Schritt in eine Richtung, in der die Gesellschaft ihren Fleischkonsum immer mehr überdenken und beachten wird. Und das ist echt gut. Und vielleicht werden wir dank Kathis einstiger Idee bald neben der Gemüseabteilung im Supermarkt eine Insektenabteilung finden, die wir alle gerne besuchen und uns unsere etwas andere aber nützlichere Proteinquelle in unseren Einkaufswagen legen.
Denn das wird nicht nur gut für uns – sondern auch gut für die Tiere, die Umwelt und unsere Erde sein.


Mehr Infos unter:
Facebookpage Livinfarms
Website Livinfarms
Katharina Unger


Text: Linda Goldsteiner
Fotos: Linda Goldsteiner
sowie mit freundlicher Genehmigung von Katharina Unger

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