Mach’s anders, mach’s klassisch.

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„Wie schreibe ich denn?! Ganz frei, ganz ohne Bedenken. Nie weiß ich mein Thema vorher, nie denke ich nach. Ich nehme Papier und schreibe…“ Ob der österreichische Schriftsteller Peter Altenberg bei diesen Zeilen einst in dem Kaffeehaus verweilte, in dem er es so liebte, seinen Gedichten und Gedanken freien Lauf zu lassen? Ob dieses Flair bis heute wehrt und man in Ruhe seinen Gedanken nachhängen kann, während man zufrieden einen Kaffee Melange genießt?

@ Laura Zechmeister

Sofort nach dem Betreten werde ich von einem Kellner in festlichem Anzug in Empfang genommen und zu einem Tisch geleitet, wo ich vorerst einmal damit beschäftigt bin, mich über meinen klugen Geistesblitz zu erfreuen, der mich dazu gebracht hatte, einen Tisch zu reservieren. Nun kann ich die elendslange Menschenschlange, die sich bis nach draußen hin erstreckt, von Weitem beobachten – alle hoffend und bangend, noch einen Platz zu ergattern.
Nachdem ich diese Freude halbwegs unter Dach und Fach gebracht habe, verbringe ich die nächsten paar Minuten fast ausschließlich damit, erst mal die hohen Räume, die verzierten Wände, die Marmordecken, die prunkvollen Säulen und die alten Gemälde auf mich wirken zu lassen. Als schließlich dann die bestellte Köstlichkeit serviert wird – ich hab’s mir nicht nehmen lassen, mir ein klassisches Wiener Schnitzel zu gönnen – lehne ich mich zurück und genieße die besondere Atmosphäre in einem der ältesten Wiener Cafés, in dem Menschen jeder Altersgruppe, jeder Berufsgruppe und jeden Stils willkommen sind.

@ Laura Zechmeister

Dieses geschichtsträchtige, 150 Jahre alte, aus dem venezianischen Stil entsprungene, stimmungsvolle und zentral gelegene Café, dessen Erscheinung man keinem Auge vorenthalten sollte, kann nur das Café Central im 1. Wiener Bezirk sein. Nicht nur, dass es jeden Tag geöffnet hat, nein, es bietet zudem auch Raum für Musikliebhaber jener Sorte, die bei gutem Kaffee, Kuchen, österreichischen Klassikern oder einfach nur einem Gläschen Wein oder Bier den Stücken von Mozart, Bach, Beethoven und vielen anderen namhaften Komponisten der Klassik lauschen wollen. Täglich von 17-22 Uhr erklingen aus dem Inneren eines Flügels, der in der Mitte des Raumes platziert ist, Stücke wie „Ballade Pour Adeline“ und zahlreiche Sonaten und Konzerte, aufgeführt von jeweils einem von insgesamt drei Pianisten.

Was sofort ins Auge sticht, ist zum einen die Offenheit, denn – wie vorhin schon erwähnt – ist hier jeder Mensch willkommen, egal, ob er gerade frisch aus der Dusche oder einem langen Touri-Tag entsprungen ist. Nach jedem Klavierstück ist einem außerdem überlassen, ob man klatscht, jubelt, sich leise freut oder nichts dergleichen.
Und zum anderen ist da aber diese Hektik. Ein gewisser Wirbel, den um diese Zeit die vielen BesucherInnen und die (logischerweise) leicht gestressten Kellner auslösen. Zum Unterhalten ist die Akustik jedoch sehr gut, das Angebot ist reichlich und köstlich, die Klaviermusik beschwingend und nicht zu laut und alles in allem auf jeden Fall einen oder mehrere Besuche wert – den Wiener Trubel immer an seiner Seite wissend.

Im Sommer bei 28 Grad in einem gestopft vollen Café herumsitzen!? Ja, denn die Klimaanlage läuft in vollem Gange und nach einem Bade-, Lern- oder Arbeitstag den Abend gemütlich ausklingen lassen bei gutem Essen und klassischer Klaviermusik hat eine Qualität, deren Existenz man auf alle Fälle einmal erlebt haben sollte.

Nach meinem Besuch im Café Central mache ich mich auf den Weg ins nächste Café, gespannt, ob es dem Café Central die Stirn bieten kann. Ich gehe hinein und spüre sofort die angenehme, entspannte Atmosphäre. Der Kellner, ein unglaublich freundlicher und aufmerksamer Mann in schickem Anzug, überlässt mir die Wahl des Platzes und schon in diesem Moment merke ich einen deutlichen Unterschied zum Café Central: hier ist es wesentlich ruhiger, kleiner, fern vom Touristenleben, ja sogar fast ein Insiderlokal: das Café Weimar im 9. Bezirk in der Währinger Straße.

@ Laura Zechmeister

Anders als im Café Central habe ich das Gefühl, hier ewig sitzen bleiben zu können. Die gemütlichen, gemusterten Stoffmöbel laden einfach zum Verweilen, Zurücklehnen und Ausruhen nach einem langen Tag ein. Eine breite Auswahl an Kaffees, österreichische Klassiker, Frühstück bis 23:00, und alles, was das Herz begehrt, findet man in der wohl dicksten Speisekarte, die man je gesehen hat.

Abgesehen von ein paar Unterschieden halten jedoch beide Cafés ein ähnliches Konzept bereit: Eine Unmenge an Köstlichkeiten und wunderbar klassische Klaviermelodien, die im Café Weimar von Montag bis Samstag ab 19:30 den Raum erfüllen. Hier ist es zwar kein Flügel, sondern ein Pianino, doch für dieses eher kleine Café stellt es die perfekte Hintergrund-Live-Musik dar. Interessiert erkundige ich mich bei dem Kellner, wie viele verschiedenen Pianisten es denn gäbe, und er entgegnet mir: „Zwei. Doch man merkt Unterschiede zwischen ihnen. Der eine ist Pianist, der andere eher Komponist!“ Ich denke kurz über diese Aussage nach und keine 5 Sekunden später schaltet sich ein Gast neben mir ein und wir beginnen ein kurzes Gespräch über Pianisten vs. Komponisten.

Okay, und warum jetzt genaue klassische (Live-)Musik? Warum nicht einfach normale Musik, die in Cafés halt üblicherweise so läuft? Man will doch einfach nur mit seinem Gegenüber quatschen oder in Ruhe seinen Kaffee schlürfen… Oder?

@ pinterest

Nun – an Tagen, an denen man sich vergebens auf die Suche nach Konzentration macht, ist es vielleicht manchmal die beste Lösung, die Bibliothek, seinen Schreibtisch oder sein Bett zu verlassen und sich mit den Lernsachen/dem Laptop/dem Kreuzworträtsel/dem Schachbrett/etc. an einen Ort zu begeben, an dem das Leistungsvermögen mal auf eine andere Art und Weise gefördert wird: Zahlreiche Studien belegen, dass klassische Musik die Konzentration und das räumliche Vorstellungsvermögen fördert und eine äußerst beruhigende Wirkung ausübt.

Weitere Wiener Lokale, die ab einer gewissen Uhrzeit klassische Live-Musik darbieten:

  1. das Café Schwarzenberg, dem ältesten Wiener Ringstraßencafé. Hier beglückt ein Musikerduo jeden Donnerstag und Freitag von 19:30 bis 23:00 sowie jeden Samstag und Sonntag von 17:00 bis 20:30 die Gäste mit Klavierkonzerten.

    @ Laura Zechmeister
  2.  das Alt Wiener Konzertcafé Schmid Hansl in der Schulgasse im 18. Von außen ein sehr kleines und eher abgeranztes Café, doch drinnen mit den Holzmöbeln wirkt es umso gemütlicher. Fast täglich findet hier irgendein Live-Programm statt. Ob klassisch oder modern (von Jazz und Blues bis Musical, Operette, Blasmusik, etc), national oder international – alles findet hier seine Bühne. Das Event „Late-Night Liederabend mit Bryan Benner“ beispielsweise ist zuerst ein Open-Air im Währinger Schubert Park und danach geht’s für noch mehr Musik im Schmid Hansl weiter. Einfach mal was Anderes!
  3.  das Café Prückel am Stubenring. Immer montags, mittwochs und freitags zwischen 19:00 und 22:00 kann man in den Bann der Live-Klaviermusik treten.
  4.  die Piano Bar Clair, eine kleine, verträumte Bar in der Naglergasse im 1. Bezirk, dessen Motto „Sie kommen als Gast und gehen als Freund“ lautet. So gut wie täglich singt hier der bekannte Sänger Fausto, der durch seine weiche Stimme seine Gäste durch den Abend begleitet.
  5.  die Bonbonniere Bar in der Spiegelgasse, 1010, die man – wie ich denke – entweder mag oder nicht. Die roten Tapetenwände rufen sofort die Vorstellung eines Puffs hervor und die Getränke sind leider von der etwas teureren Sorte. Von Montag bis Samstag ab 21:00 gibt es hier Pianomusik.

        Und viiieles mehr…

Warum also seinem Gehirn nicht ein bisschen auf die Sprünge helfen und zugleich etwas Neues ausprobieren? Oder bei gutem Kaffee einfach einmal abschalten und genießen? Also mach’s mal anders, mach’s klassisch.

Text: Laura Zechmeister
Fotos: Laura Zechmeister, Pinterest

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