Lernen mit Musik

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Acht Uhr abends, ein langer Unitag neigt sich wieder einmal seinem Ende zu. Zu Hause angekommen muss ich dann entsetzt feststellen, dass der Abend leider auch nicht wirklich viel mehr verspricht.  Kaum betrete ich mein Zimmer, fällt mein Blick auf die Lern-Skripten vom Vorabend. Nichts da mit entspanntem fernsehen oder einer Runde Fußball zocken. Lernen ist angesagt. Doch wie, wenn einem mal wieder die Motivation fehlt? Musik ist die Antwort!

Lernen mit Musik, wie geht das?
© Clemens Windtner

Um ehrlich zu sein, früher habe ich Freunde, die mit Musik lernten, nie wirklich verstanden.  Ich wollte immer absolute Ruhe um mich herum haben, damit ich mich halbwegs konzentrieren konnte. Obwohl ich selbst Musiker bin und eigentlich fast permanent mit Kopfhörern durch die Gegend laufe, war lernen mit Musik lange Zeit undenkbar.  Aber irgendwann wurde ich dann neugierig: Welchen Einfluss hat Musik auf mein Lernverhalten wirklich? Dadurch, dass ich es nie wirklich ausprobiert hatte, wusste ich auch nicht, ob ich der Typ dafür bin. Vielleicht fördern meine Lieblingsgenres meine Kreativität oder halbieren gar meinen Lernaufwand. Wie viel Zeit ich mir wohl sparen würde… Ich begann also zu recherchieren.  Zuerst wollte ich wissen, welche Art von Musik sich wohl am besten eignen würde. Prinzipiell ist das von Mensch zu Mensch verschieden. Viele Wissenschaftler behaupten jedoch, dass sich ruhige Musik für einen optimalen Lernerfolg am besten eignen würde.  Songs mit ca. 60bpm (=Schläge pro Minute) simulieren quasi die Schläge des Herzmuskels im entspannten Zustand. Von Genres wie Techno oder Speedmetal ist daher eher abzuraten. Aber wie gesagt, das alles ist von Mensch zu Mensch verschieden. Also wenn jemand gerne harte Gitarrenriffs beim Vokabel lernen hört… Just do it! Wenn es euch hilft… 😉

Der Mozart Effekt

Das hören von ruhiger Musik hat aber noch einen anderen Zweck. 1993 veröffentlichte eine Forschergruppe der University of California, Irvine eine Hypothese, welche als Mozart-Effekt bezeichnet wird. Grundsätzlich lässt sie sich folgendermaßen zusammenfassen: Das räumliche Vorstellungsvermögen eines Menschen wird durch das hören von klassischer Musik (speziell jene von Mozart) deutlich verbessert. In einem Artikel in der Fachzeitschrift nature berichtet die Forschergruppe von sehr guten IQ-Testleistungen diverser Versuchspersonen  nach dem hören von Mozarts Werken. Das Phänomen bezieht sich jedoch nicht nur auf die Werke Mozarts, sondern allgemein auf das Genre Klassik. Haydn, Bach, Beethoven, Brahms etc. können also auch zu einem positiven Lernverhalten führen. Nach welchen Prinzipien der Effekt funktioniert konnte aber leider bis heute noch nicht wirklich geklärt werden. Weder durch zahlreiche unabhängige Nachfolgeexperimente, noch durch diverse Metaanalysen.

 

Mein perfektes Genre

Um herauszufinden, welches Genre mir beim Lernen am Besten weiterhelfen kann, beschloss ich einen kleinen Selbstversuch zu starten. Ich wollte einen Monat lang (am Ende wurden es vier Wochen),  jede Woche mit einem anderen Musikstil lernen. Da im Februar meine Prüfungen auf der Uni starten, hatte ich folglich auch genug Lernmaterial. Als Genres wählte ich Classic-Rock, Klassik, Hip-Hop und Jazz. Zu jeder Musikrichtung habe ich mir auf Spotify eine eigene Playlist erstellt, welche ich dann jeweils für eine Woche in Dauerschleife hörte. Und wie erwartet konnten die Ergebnisse nicht verschiedener sein.

Beim Auswählen der verschiedenen Stile habe ich besonders darauf geachtet, dass sie möglichst unterschiedlich sind. Es hätte wenig Sinn gemacht, Hard-Rock und Metal zu vergleichen, da die Musik stilistisch ähnliche Eigenschaften aufweist. Classic-Rock habe ich gewählt, da es einer der meist gespielten Stile ist. Egal ob man Radio hört oder gemütlich mit ein paar Freunden auf ein Bier geht, fast überall läuft regelmäßig Classic-Rock. Hip-Hop ist mein absolutes Lieblingsgenre. Kein Tag vergeht, an dem mein Trommelfell nicht einmal mit Eminem, 2pac oder Dr. Dre beschallt wird. Klassik höre ich in der Freizeit kaum. Jedoch haben es mir einige Freunde zum lernen empfohlen. Wieso also nicht einmal ausprobieren? Und Jazz höre ich nahezu gleich oft wie Hip-Hop.  Weshalb auch kein Weg daran vorbei führte.

 

Der Selbstversuch

Ich hatte also meine Genres gewählt und konnte beginnen. In der ersten Woche war Classic-Rock am Programm. Ich wählte dafür Songs von Eric Clapton, Lynyrd Skynyrd, Journey, Queen etc. Ich muss gestehen, ich hatte schon meinen Spaß am lernen. Geholfen hat es mir leider relativ wenig. Außer diverse Songtexte ist von meinem eigentlichen Lernstoff nur sehr wenig hängen geblieben. Die Ursache dafür vermute ich, waren die schnellen Tempi und die eher lauteren Gitarrenriffs. Sie führen eher zu starkem Headbangen anstatt zu Lernerfolgen.

Hip-Hop war für mich schwierig zu beurteilen, da dieses Genre sehr breit aufgebaut ist. Künstler wie Eminem sind auf Grund ihres hektischen Styles eher weniger zu empfehlen. Dafür machte bei A$AP Rocky und den Underachievers das Fachbegriffe lernen richtig Spaß. Ich habe hier jedoch auch darauf geachtet, dass die Beats nicht zu schnell sind. Am interessantesten finde ich, war jedoch das Genre Gangsterrap. Zuerst habe ich mit den originalen Tracks von 2pac, Dr. Dre, Nate Dogg, Snoop Dogg etc. gelernt. Anschließend versuchte ich nur mit den Instrumentalversionen zu lernen, da mich die Stimmen auf Dauer sehr irritierten. Und um ehrlich zu sein ging es mir damit wirklich um einiges besser.

Der Mozart-Effekt schlug bei mir in der dritten Woche sofort ein. Wer Entspannung beim lernen sucht, sollte wirklich regelmäßig Klassik hören. Dadurch, dass dieses Genre großteils instrumental gestaltet ist, gibt es keine Lyrics, die einem vom Lernen ablenken könnten. Das ist natürlich ein großer Vorteil, da man sich nicht auf mehrere Texte gleichzeitig konzentrieren muss. Schon nach kurzer Zeit erkannte ich einen deutlichen Lernfortschritt. Ich begann gewisse Teile vom Stoff mit Motiven aus Mozarts Werken zu verbinden und konnte so in kurzer Zeit, größere Mengen des Prüfungsstoffes erfassen.

Mit Jazz war es ähnlich wie bei der Klassik. Genres wie z.B. Free Jazz, Hard Bop oder Be Bop habe ich weggelassen, da diese musiktheoretisch sehr komplex aufgebaut sind und eine enorme Konzentration beim Hören voraussetzen. Ich habe daher hauptsächlich Titel aus der Gattung Cool Jazz gewählt. Bekannte Interpreten dieses Genres sind z.B. Miles Davis oder Bill Evans. Die Tempi sind meistens eher langsamer, die Musik ist wie bei der Klassik meist instrumental und man kann sich daher noch sehr gut auf den Lernstoff konzentrieren. Die Ergebnisse waren ähnlich wie bei der Klassik. In kurzer Zeit konnte ich mir große Mengen vom Stoff merken.

Resumee

Grundsätzlich war ich von meinem Selbstversuch sehr überrascht – da ich ja lange Zeit immer ohne Musik gelernt habe. Ich hätte mir zwar erhofft, dass Classic-Rock und Hip-Hop einen etwas größeren Lernerfolg bringen, finde aber, dass Klassik und Jazz für die Zukunft durchaus eine Ergänzung zum Lernen bieten können. Ich möchte noch einmal festhalten, dass die Ergebnisse meines Versuchs nur für mich selbst gelten. Es gibt sicher Personen, die lieber Hard-Rock statt Klassik beim Lernen hören. Genauso ist es verständlich, dass manche eher die Totenstille bevorzugen. Ich werde in Zukunft auch nicht mein Lernverhalten grundlegend ändern, bin jedoch froh eine neue Motivation gefunden zu haben.


Text: Clemens Windtner


Fotos: Clemens Windtner

 

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