Leistungssportler der Musik

geposted am

©Kerstin Olbricht

Showbusiness.Tosender Applaus, Scheinwerferlicht, und jede Menge Fans, wer hat davon nicht auch schon einmal geträumt? Das, was für viele Träumerei scheint, ist der Alltag von Musicaldarstellern. Doch wie sieht dieses Leben tatsächlich aus? Hohe Gagen, Glanz und Glamour für ein bisschen singen und tanzen?

Das was für das Publikum ganz einfach aussieht, ist eigentlich jahrelanges Training und knallharte Arbeit. Das künstlerische Spektrum von MusicaldarstellerInnen besteht aus Singen, Tanzen und Schauspielen, wobei die meisten Darsteller auch zumindest ein Instrument beherrschen. Proben, fast tägliche Auftritte, wenig Freizeit, ständige Umzüge in andere Städte, und manchmal auch das Leben am Hungertuch. Aber alles der Reihe nach.

 

Wie wird man überhaupt ein Musicaldarsteller? 

©Kerstin Olbricht

Was viele nicht wissen ist, dass es Konservatorien gibt, an welchen man zum Musicaldarsteller ausgebildet wird. Die beliebteste Ausbildungsstätte in Österreich ist die Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (kurz MUK genannt). Einmal im Jahr bewerben sich dort rund 200 junge Leute für 8 Ausbildungsplätze. Vorzubereiten sind drei Songs aus dem Musicalbereich und zwei Schauspielmonologe; außerdem werden noch Tanzkenntnisse sowie praktisches und theoretisches Wissen in der Musiktheorie überprüft. Diese Aufnahmeprüfung erstreckt sich, so wie die der meisten anderen Musicalschulen, über 3 aufeinanderfolgende Tage. Nach jedem Tag wird bekanntgegeben, wer in die nächste Runde darf. Die Nervenanspannung der einzelnen Bewerber ist enorm, und Tränenausbrüche bei der Bekanntgabe, wer weiter ist und wer nicht, keine Seltenheit.

Einer der großen Vorteile des MUKs ist, dass es keine private Schule ist, und die Studierenden nur rund 200€ pro Semester zu zahlen brauchen. Wohingegen viele andere Musicalschulen privat sind, und die StudentenInnen dort monatlich ein kleines Vermögen hinblättern müssen, um dort die Ausbildung machen zu dürfen. Wobei der hohe finanzielle Aufwand bei guten privaten Ausbildungsstätten die Anzahl an Bewerbern nicht im Geringsten mindert, und auch die Anforderungen meist nicht weniger werden. Allgemein gilt: Um an einer renommierten Universität eine Musicalausbildung beginnen zu dürfen, braucht man viel Talent, Erfahrung und Glück, und außerdem oft mehr als einen Versuch.

Diejenigen die eine Musicalausbildung beginnen dürfen, erwartet, je nach Schule, eine 3 bis 4-jährige intensive Ausbildung. Gesangsunterricht, Schauspielunterricht, Jazzdance, Ballett und Stepp sind nur ein paar Beispiele von Fächern, die im Unterricht enthalten sind. Der Abschluss, den man mit der Ausbildung erreicht, ist von der Ausbildungsstätte abhängig, beim MUK in Wien schließt man z.B. mit einem Bachelor of Arts ab.

 

Daily routine bei Musicaldarstellern

©Flo Banninger

Nach der Ausbildung beginnt das eigentliche Showbusiness. Ab diesem Zeitpunkt stehen Castings (auch Auditions genannt), in welchen man sich für bestimmte Rollen bewirbt, an der Tagesordnung. Allgemein heißt es unter den Musicaldarstellern, dass man im Schnitt bei 10 besuchten Castings eine Rolle bekommt. Die Konkurrenz ist dementsprechend groß! Die größten Musical- Produktionsunternehmen im deutschsprachigen Raum sind Stage Entertainment in Deutschland, und die Vereinigten Bühnen Wien  (kurz Vbw) in Österreich. Eine Rolle in einer Produktion dieser Unternehmen zu bekommen ist quasi der Jackpot. Besonders natürlich bei den Hauptrollen. Als Beispiel: Bei Musicalauditions der Vereinigten Bühnen Wien bewerben sich im Schnitt rund 1000 Musicaldarsteller aus verschiedenen europäischen Ländern.

©Kerstin Olbricht

Auch bei den Castings hängt sehr viel vom Glück ab, ob ein Musicaldarsteller eine Rolle bekommt oder nicht. In der Jury eines Castings sitzt das sogennante Creative-Team, welches gemeinsam das Musical produziert. Das beinhaltet unter anderem Regisseur, Intendant (künstlerische Leiter des Theaters) und den Choreografen des Stückes. Jedes dieser Jury-Mitglieder hat seine eigenen Vorstellungen, wie der Darsteller der jeweiligen Rolle aussehen bzw. klingen soll. So kann es sein, dass man nur aufgrund der Körpergröße oder Stimmfarbe eine Rolle nicht bekommt. Kurz gesagt, man braucht Glück, dass der eigene Typ der ist, welchen sich die Jury für die Rolle vorstellt, da Können alleine oft nicht ausreicht.

 

 

Just singing and dancing, isn’t it?

Wenn ein Musicaldarsteller ein Engagement bekommt, bedeutet das oft, dass er in eine andere Stadt ziehen muss, da das Musical nicht in der eigenen Heimat aufgeführt wird. Anschließend folgt der nächste Schritt: die Probe. Diese beginnen im Musicalbereich in der Regel ein Monat vor der Premiere. In dieser Zeit wird Tag und Nacht geprobt, bis alles passt. Wochenenden in dem Sinn gibt es oft nicht, meist bleibt nur ein freier Tag pro Woche. Zum Schluss müssen alle zusammenarbeiten, Darsteller, Orchester, Dirigent, Bühnentechniker, Ankleider (welche den Darstellern bei schnellen Umzügen während der Vorstellung helfen), die Angestellten in der Maske, Lichttechniker und Tontechniker.

Ab der Premiere beginnt dann der Teil des Berufes, weswegen Musicaldarsteller sich entschieden haben, den Beruf zu machen- das Theaterspielen, Singen und Tanzen. Auf der Bühne ist Kondition eine große Frage! Körperliche Fitness ist die Grundvoraussetzung, um 6 bis 8 Mal pro Woche über 2 Stunden tanzen und singen zu können. Besonders bei Musicals wie Mary Poppins, Footloose oder Tarzan, wo tanzen sehr im Vordergrund steht.

©Stage Entertainment

Als kleines Beispiel: Im Musical Rocky welches 2012-2015 in Hamburg gespielt hat, musste Hauptdarsteller Drew Sarich (rechts im Bild) für die Rolle des Rockys ein Intensivtraining durchziehen, welches eigentlich für Polizei und Militär entwickelt worden war. Zusätzlich musste er noch Boxen lernen, wofür er täglich ein zweistündiges Boxtraining absolvierte, da bei den Vorstellungen auf der Bühne auch wirklich geboxt wurde. In diesem Sinne kann man Musicaldarsteller tatsächlich auch als Leistungssportler bezeichnen. Auch genauso wie bei Leistungssportlern, steht die körperliche Gesundheit bei Musicaldarstellern an erster Stelle, vielleicht noch extremer, denn schon ein kleiner Schnupfen reicht aus, dass Musicaldarsteller ihren Job nicht ausüben können.

Die Spielzeit eines Musicals ist sehr unterschiedlich. Von wenigen Tagen bis zu vielen Jahren, wie bei König der Löwen in Hamburg, was seit 16 Jahren durchgehend gespielt wird, ist alles möglich. Die durchschnittliche Spielzeit jedoch ist bei kleineren Produktionen im Schnitt ein Monat oder kürzer, und bei größeren Musicalproduktionen, wie z.B. bei den Vereinigten Bühnen Wien, meistens ein halbes Jahr oder ein Jahr. Das Ende einer Spielzeit bedeutet natürlich auch wieder neue Jobsuche für die Musicaldarsteller. Denn unabhängig davon, ob man ein Musicalstar ist, oder frisch aus der Ausbildung kommt, zum Casting muss jeder Darsteller.

 

Ein Leben für die Bühne

Nach diesen Schilderungen fragt ihr euch nun vielleicht- warum möchte man dann diesen Beruf ergreifen, wenn man all das weiß? Musical ist eine Leidenschaft. Wenn man das Theaterleben wirklich liebt, ist ein Musicaldarsteller bereit, durch all diese Strapazen zu gehen. Weil das Leben auf der Bühne, das Singen, Tanzen und Schauspielen alle negativen Aspekte für sie in den Schatten stellt. Oft können sich Musicaldarsteller gar keinen anderen Beruf vorstellen, als ihr größtes Hobby als Beruf auszuüben. Das Musical ist für die Darsteller ihr Leben. Und so muss es auch sein, wenn Freizeit, Familie und Geld nicht immer da sind.

In diesem Sinne kann ich euch nur wärmstens empfehlen, Musicals zu besuchen, und euch von der Magie des Theaters verzaubern zu lassen. Und vielleicht packt euch das Musicalfieber genauso wie mich?  Es ist  einfach ein ganz anderes Erlebnis als Film und Fernsehen, es ist LIVE!  🙂

©Rolf Bock

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

%d Bloggern gefällt das: