Kunst und Kebab

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Es ist 7.30. Der sanfte Duft eines Kebabs umströmt deine Nase, der morgendliche Wiener Grant entfaltet sich und eine sehr vertraute Stimme ertönt, die die 2 Sekunden Morgensport der beschäftigten Leute prompt beendet: „Steigen Sie nicht mehr ein.“ Vorbei an haufenweise Zeitungen auf dem Boden und einem Wall aus Kinderwägen schlängelst du dir den Weg aus dem stickigen Kebab-Waggon zurück in die Freiheit und genießt für eine Weile sogar die versmogte Stadtluft.

Ja, die Wiener U-Bahn. Viele von uns benutzen sie täglich, lieben oder hassen sie. Doch fast niemand achtet dabei auf die individuellen Gestaltungen, die kreativen Kunstwerke oder die historischen Funde aus früherer Zeit, die sich zwischen Rolltreppen und „Heute“-Zeitungsboxen verstecken. Das wollte ich ändern und so habe ich mich einen Tag auf den Weg – äh die U-Bahn – gemacht und dabei vieles entdeckt, was mir vorher niemals aufgefallen war.

U3

Das Wiener U-Bahn System besteht (noch) aus 5 Linien, nämlich U1, U2, U3, U4 und U6. Die U3 wird auch als „Kunstlinie“ bezeichnet, weshalb ich besonders neugierig war, was ich hier wohl entdecken würde. Begonnen habe ich meinen Trip bei der Station Zippererstraße der U3 auf der Simmeringer Seite, in deren Gängen ich fast jeden Tag meine Reise ins Stadtzentrum starte. Obwohl ich bis jetzt von jedem, dem ich davon erzählt habe nur ein „Hä, wo ist denn die bitte?“ entgegnet bekam, hat die „Zippi“ sogar einen Rekord zu bieten: nämlich die längste Rolltreppe von ganz Wien (53m). Die bunte Emailwand in der Station besteht aus 20 Siegerarbeiten von ca. 1300 Mädchen und Buben zum Thema „Mobilität im kommenden Jahrtausend.“

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Nur zwei Stationen weiter in Erdberg musste ich dann schon eine Weile suchen, bis ich dort auf Kunst traf. Am Aufgang zur U-Bahn befindet sich ein riesiges Bild aus Keramik von Peter Atanasov. Mit den Graffitis darauf und dem Gebäude der Wiener Linien im Hintergrund fängt es die typische Stadtatmosphäre ein und bringt wenigstens ein bisschen Farbe in die graue Umgebung.

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Weiter geht’s mit Stubentor. Die Station wurde nach dem ehemaligen Stadttor von Wien benannt und diese Vergangenheit wurde in die Gestaltung miteinbezogen. Während der Bauarbeiten für die Station wurden Teile der 1858 abgerissenen alten Stadtmauer freigelegt, die man nun am Ausgang zum Dr.-Karl-Lueger-Platz betrachten kann.

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Das Glasmosaik vom österreichischen Künstler Anton Lehmden in der Station Volkstheater ist mein persönlicher Kunst-Favorit. Es zeigt auf insgesamt drei Flächen die Entwicklungsgeschichte der Erde ab dem Urknall und stellt dabei kunstvoll die Naturgewalten wie etwa Vulkanausbrüche und Überflutungen dar. Zweieinhalb Jahre hat es gedauert, die ca. 4 Mio. Glassteinchen zu verlegen und extra dafür reisten AbsolventInnen einer italienischen Mosaikschule nach Wien.

© Helena Krepper

Am Westbahnhof habe ich dann endlich die U3 verlassen. Eigentlich gäbe es zu jeder Station noch etwas zu erzählen, wie zum Beispiel die Fahrzeuge, die in der Schweglerstraße von der Decke hängen oder die Spiegelbilder am Enkplatz (wer Interesse hat, kann gerne auf die weiterführenden Links unten klicken), dies wäre jedoch too much und es gibt schließlich noch andere Linien. Also, am Westbahnhof gibt es auch ein Kunstwerk, nämlich neben dem U3 Supermarkt (der übrigens fast IMMER offen hat) und hinter den Straßenmusikern, um die sich immer ein dichter Kreis bildet, wenn man die Westbahn nach Salzburg erwischen muss und eh schon spät dran ist. Sicher sind viele schon daran vorbeigelaufen, ohne es zu bemerken, dabei hat es sogar was mit Gehen zu tun. „Ca. 55 Schritte durch Europa“ heißt die 40 Meter lange Skulptur und wurde 1993 während der Diskussionen über den EU-Beitritt errichtet. 2 Jahre später kam es dann auch dazu – coincidence…?

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U6

Mein Weg führte mich somit also zur U6. Wie ihr Ruf, so sieht es auch mit der künstlerischen Gestaltung aus: schlecht. Dennoch finde ich, dass die U6 ein wichtiger Teil des U-Bahn Netzes ist (übrigens die meistbefahrene von Wien) und hier erwähnt werden sollte. Da sie auch auf den Schienen der ehemaligen Stadtbahn fährt, ist diese von hohem architektonischen und geschichtlichen Wert. Die Stationen der ehemaligen Gürtelstrecke wurden Ende des 19. Jahrhunderts vom damals bedeutendsten Wiener Architekten Otto Wagner entworfen und stehen heute unter Denkmalschutz. Beinahe im Originalzustand sind zum Beispiel noch: Gumpendorfer Straße, Josefstädter Straße und Währinger Straße. Charakteristisch für die U6 sind die schwarz-weiß gefliesten Bodenbeläge und einheitlich grünen Lackierungen.

Fun Fact 1: Man ging davon aus, dass das charakteristische Grün der U6 eine Kreation von Wagner sei, weshalb es auch als Otto-Wagner-Grün bezeichnet wurde. Untersuchungen ergaben jedoch, dass die Metallteile ursprünglich hellbeige lackiert waren und erst nach dem Zweiten Weltkrieg ihre jetzige Farbe als damalige Standardlackierung für Maschinen erhalten haben.

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U4

In Spittelau stieg ich dann zur U4 um und fuhr bis Heiligenstadt, um endlich das geheimnisvolle Endstationen-Flair nachzuempfinden. Da ahnte ich jedoch noch nicht, dass es mich (da ich ja sonst kein Leben habe außer U-Bahn zu fahren) zu einer weiteren Endstation locken würde…Mehr dazu aber später.

Da auch die U4 ehemalige Teile der Stadtbahn einnimmt, findet man auch in Heiligenstadt den Otto wieder. Die Station ist ähnlich wie die U6 gestaltet, die Lichtröhren an den Seiten der langen Gänge geben dem Ganzen zusätzlich eine moderne Ausstrahlung.

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U1

Auf gings, ab gings, in die U1. Hier kommt man als Kunstliebhaber und –hasser schon wieder mehr auf seine Kosten. Vor allem die Stationen Richtung Leopoldau, wie auf den Bildern Kaisermühlen, bestechen mit ihren zahlreichen Fenstern und einer futuristischen Atmosphäre. Die Fenster der freiliegenden Bahnsteige erinnerten mich irgendwie an ein Flugzeug. Aber sieh selbst.

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Obwohl die Station relativ neu und unbekannt ist, ist mir die dort ausgestellte Kunst sofort ins Auge gestochen. „Gesichtsüberwachungsschnecken“ heißt das ca. 830 m2 große Bild über den Rolltreppen der Station Altes Landgut. Hierbei wollte der Künstler auf die ständige Überwachung und Begegnung mit fremden Gesichtern in der U-Bahn aufmerksam machen. Mit Liebe zum Detail wird auf 63 Portraits die Vielfalt des Menschen dargestellt und beispielsweise mithilfe von Schnecken eine Augenbraue, oder Tannenbäumen eine Nasenfalte gezeichnet.

© Wiener Linien

Zu guter Letzt das Zentrum von Wien – der Stephansplatz. Im Zuge des U-Bahn Baus wurde auch hier etwas ausgegraben, nämlich die Virgilkapelle. Sie liegt unterirdisch und hatte ursprünglich weder Fenster noch Türen, sondern war nur von oben über Leitern zugänglich. Wenn man mit der Rolltreppe rauffährt, befindet sich rechts der Eingang mit einem kleinen Museum dazu.

Fun Fact 2: Der typische Gestank der U-Bahn Station Stephansplatz kommt nicht von „den naheliegenden McDonalds-Filialen oder dem Leck in der Leitung, die jede Nacht mehr als 300 Tonnen Kotze aus dem Bermudadreieck abpumpt“ (Quelle: Die Tagespresse, https://dietagespresse.com/das-ist-der-mann-der-taeglich-in-die-u1-lueftung-kotzt/). Nein, es ist das Bodenverfestigungsmittel, das durch eine chemische Reaktion Buttersäure entstehen lässt. Wer hätte das gedacht…

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U2

Mit der U2 neigt sich meine Tour auch schon dem Ende zu. Wie versprochen bin ich hier in Seestadt gelandet und habe mich wie in einer anderen Welt gefühlt. Kaum verlässt man die U-Bahn, steht man auf Holzplanken, die zu einem himmelblauen See führen. Strandfeeling inklusive. Daneben ragt die nagelneue Seestadt Aspern in die Höhe und zeigt dabei eine komplett andere Seite von Wien.

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Ich war übrigens die Einzige in der U2 in Seestadt. Ganz ohne Kebabs und Kinderwägen.

 

Mehr Infos unter:

Kunst | Wiener Linien

Kunst in den Stationen

PS: Ich hab nichts gegen Kebabs. #nohate

Text und Fotos:  Helena Krepper

 

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