Hypnose: Spiritueller Unfug oder Heilmittel der Zukunft?

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Zehn meiner Freunde habe ich eine Nachricht geschickt, die ziemlich genau diese Worte enthielt: „Nenne mir ein beliebiges Wort, das dir zu „Hypnose“ einfällt.“ Was wäre deine Antwort, auf diese Frage?  Falls sie etwas wie „Manipulation“, „Therapie“, „Geheimnis lüften“ oder „Gehirn austricksen“ enthält, dann hättest du zweimal Glück. Erstens würdest du dich mit einigen meiner Befragten vielleicht gut verstehen. Zweitens ist dir überhaupt etwas zum Thema eingefallen. Gratulation! Meine Antwort auf die Frage war das Wort: interessantaberichwillmehrdarüberwissen. (Grammatikalische) Regeln sind doch dazu da, um sie zu brechen.

Also wollte ich wissen, was nun dran ist an den ganzen Vorurteilen. Ist Hypnose wirklich nur „Mindgames“ oder spiritueller Unfug?  Kann man mit Hypnose wirklich Süchte und sogar psychische Probleme wunderartig lösen? Was passiert bei Hypnose überhaupt? Und wieso um Gottes Willen lässt man sich hypnotisieren?

Damit du dich nicht in den Fragen verlierst, wie ich, bin ich der Sache mit Hilfe des Hypnotiseurs Mag. Thomas Hofer auf den Grund gegangen. (Mehr Infos zur Person findest du am Ende.) Zu aller Erst muss man zum Anfang der Sache gehen. Immerhin wurde ja auch noch niemand schlau, indem er ein Buch von hinten las.

 

Hardfacts der Geschichte der Hypnose

-> Glaube es oder nicht, aber Hypnose wurde schon um 2000 vor Christus als Heilmethode urkundlich belegt.

-> Erst im 2. Jhd. N. Chr. lieferte der römische Arzt van Galen keine Pizzen, nein, ABER die wissenschaftliche Begründung des „Tempelschlafs“, bekannt als heilender hypnotischer Tiefschlaf.

-> Zeitdruck war damals anscheinend unbekannt, denn erst 1500 Jahre später entdeckte der Wiener Arzt Franz Anton Mesmer die Hypnose wieder. Er gab ihr auch den Namen „animalischer Magnetismus“. Später war Hypnose auch unter Mesmerismus bekannt. Der Begriff „Hypnose“ kam erst im 19. Jahrhundert mit James Braid auf. Da konnte sich jemand wohl nicht entscheiden.

-> Dank Mag. Thomas Hofer weiß ich jetzt, dass Hypnose erst im 18. Jahrhundert durch den schottischen Arzt Esdaile den Durchbruch feierte. „Da es kein Morphium hab, hat Esdaile bei der Amputation von Gliedmaßen im Krieg mit Hypnose experimentiert.“ Hoch lebe die Gegenwart. Auf Hypnose als Betäubungsmittel kann ich zumindest gerne verzichten.

Anleitung zur Konstellation von Vorurteilen

Wir wissen nun also, dass die Hypnosetechnik uns Menschen schon lange bekannt ist. Wieso wissen wir dann aber so wenig darüber und sind so skeptisch? Ein Grund ist, dass wir alles, was neu oder wenig bekannt ist, gerne als gefährlich und schlecht einstufen. Man füge nun den beängstigend wirkenden Zugang zum Unterbewussten hinzu. Dann mischt man alles mit der Assoziation der Hypnose mit Spiritualität und „Hokuspokus“ und tada! Hier haben wir das perfekte Rezept für ein Vorurteil.

Laut Mag. Thomas Hofer „haben viele Leute noch ein falsches Bild, weil ihnen Hypnose nur von TV- Sendungen oder YouTube bekannt ist. Auch wenn Show- und Straßenhypnotiseure ihre Techniken verfeinert haben, mit hypnotischer Arbeit und Hilfe hat das aber nichts zu tun.“ Alles wird etwas überspitzt und soll das Publikum amüsieren. Wie mir Mag. Thomas Hofer verriet, funktionieren die Showeffekte wirklich. „Beim Beispiel, dass jemand an einer Zitrone abbeist, und dies als süß empfindet, wird dem Gehirn wird suggeriert „Mach aus sauer süß.“.  Die Sinne wie Hören und Schmecken sind bei der Hypnose nicht ausgestellt.“  Dazu sage ich nur „If life gives you lemons, make lemonade.“, mal anders interpretiert.

Was zum Geier ist Hypnose nun?

Also Spaß beiseite und zum Ernst der Dinge. Was ist Hypnose nun? Und was läuft dabei in unserem Gehirn ab?

Hypnose ist kein schlafähnlicher Zustand. Der Trance-Zustand ist der dritte Bewusstseinszustand neben dem Schlaf und dem Wachzustand. So wie ein Kind, das ganz versunken spielt, verliert man sich im jetzt. (Funktioniert so das „Einmal wieder Kind sein“ im Erwachsenenalter? ☹) Die Aufmerksamkeit ist dabei besonders fokussiert. Vorstellungskraft, Kreativität und Erinnerungsvermögen sind gesteigert. Der Hypnotisand wird durch Suggestionen (sprachliche Anweisungen) des Hypnotiseurs beim Erreichen der Ziele unterstützt.

Wie mir Mag. Thomas Hofer erklärt, variieren die Hypnosemethoden von Fixation, Blitz- oder Schnellhypnose bis hin zum hypnotisieren rein mit der Stimme. Bei der Fixation konzentriert sich der/die Klient/in auf ein Pendel oder z.B. die Fingerspitzen des Hypnotiseurs.

Ein Blick in den Kopf

Um der anscheinend verbreiteten Oberflächlichkeit unserer Welt entgegenzuwirken, nun zu den inneren Werten: Leider gibt es zur Frage, wie das Ganze im Gehirn abläuft keine einheitliche Lehrmeinung.

Aber im EEG erkennt man:
– langsame Alphawellen zeigen Wachheit, aber auch Entspannung
– schnelle Betafrequenzen zeigen erhöhte Konzentration
– beide Muster zeigen sich nicht, wenn eine Person schläft

MRTs zeigen:
– Veränderungen im Frontalhirn
– weniger Kontrolle über kognitive, also bewusste Prozesse
– Kontrolle schwindet nicht vollends

Anwendungsgebiete, Geschlechterdifferenzen und Co.

Die Anwendungsgebiete von Hypnose sind sehr vielfältig. Von der Behandlung beim Zahnarzt, zur schnelleren Genesung bei psychosomatischen Krankheiten, bei Burnout und Stress, zur Rauchentwöhnung und Gewichtsverlust bis hin zur Stärkung des Selbstbewusstseins sind viele Gebiete vertreten. Klingt wie das Wundermittel all deiner Probleme, doch deinen Celebrity Crush kannst du damit leider nicht treffen. Tut mir leid.

Man muss jedoch zwischen Hypnosearbeit und therapeutischer Arbeit unterscheiden. Mag. Thomas Hofer erklärt: „Die Anwendung von Hypnose zur zielgerichteten, bewussten Behandlung von psychischen Störungen und Krankheiten ist in Österreich Ärzten und Psychologen vorbehalten.“

Bei der Hypnosearbeit, die Mag. Thomas Hofer anbietet, „ist klar zu erkennen, dass mehr Frauen in die Praxis kommen. Frauen sind tendenziell offener gegenüber alternativen und nicht wissenschaftlich anerkannten Methoden. Auch die Anliegen sind durchaus verschieden. Während Männer hauptsächlich zur Rauchentwöhnung kommen, kann man bei Frauen eine Spaltung in 1/3 Gewichtsreduktion, 1/3 Rauchentwöhnung und 1/3 sonstige Anliegen feststellen.“

Grund zur Sorge?

Doch so wie es zu jedem Topf einen Deckel gibt und zu jedem Adam eine Eva, gibt es auch zu jedem Vorteil einen Nachteil. So ungefährlich Hypnose auch ist, gibt es doch Annahmen, die Grund für so mancher negativen Haltung gegenüber Hypnose sein können. Und da alle guten Dinge drei, ehh fünf sind, hier die fünf wichtigsten für dich:

EINS Good news: Hypnose ist an sich nicht gefährlich. Man kann nicht in dem Trance-Zustand stecken bleiben. Bad news: Man darf keinen unkundigen oder schlecht ausgebildeten Hypnotiseur auswählen. Unprofessionalität kann zum Aufkommen unbewusster Zustände oder verdrängter Missbräuche führen, oder innere Konflikte weiter verstärken.

ZWEI Nein zu Hypnose, wenn Klienten sich schwer für oder gegen Hypnose entscheiden können und die Wirkung schwer abschätzbar ist. Darunter fallen Personen mit schweren geistigen Behinderungen, psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie oder Epilepsie und Personen unter Drogeneinfluss.

DREI Jein zu Hypnose bei Kindern. Schüchternheit oder Prüfungsangst können zwar bekämpft werden, aber: Kinder können schwer entscheiden, ob sie selbst hypnotisiert werden wollen. Zweitens besteht die Gefahr, dass Eltern ihre Kinder mit Hypnose „zurechtbiegen“ wollen.

VIER Jein zur Hypnose bei Trauma Patienten/innen. Bei Opfern sexueller Gewalt z.B. kann durch Hypnose das Trauma ständig wiederaufgearbeitet werden. Dies kann zur Retraumatisierung führen.

FÜNF Mag. Thomas Hofer: „Es ist wichtig zwischen „jemanden in Hypnose versetzen“ und „Suggestionen geben“ zu unterscheiden. Suggestionen gibt man bei der Hypnose, weil man will, dass der Mensch sich in seinem Verhalten zum Beispiel verändert. Falsche Suggestionen führen zu einer ungewünschten Reaktion. Ein Beispiel: Jemand will mit dem Rauchen aufhören. Wenn der Hypnotiseur nun aber suggeriert „Immer, wenn du Rauch riechst, wird dir übel.“, dann wird sich der Klient nie mehr in ein Raucherlokal begeben können oder sich mit Raucherfreunden treffen können. Somit ist der Klient nun zwar Nichtraucher, jedoch hat er eine geringere Lebensqualität. Man darf also nie mit Ekel und der Gleichen arbeiten. Man muss auf viele Dinge Acht geben, was die Suggestion betrifft, da man dem Klienten ja helfen will.“

Zukunftsprognose für die Hypnose

Ja, Hypnose ist und bleibt eine umstrittene Behandlungsform. Jeder und jede sollte sich selbst ein
Bild davon machen und sich darauf eine Meinung bilden. Viel zu oft beurteilen wir aufgrund von
aufgeschnappten Informationen und nicht durchdachten Annahmen. Ob man nun offen dafür ist,
oder das Thema für einen immer noch „Hokuspokus“ ist, bleibt jedem selbst überlassen.


Doch wie ich im Interview erfahren konnte, „ist Hypnose immer stärker im Kommen. Die Menschen werden immer offener. Hypnose ist wirklich hochwirksam und man kann erstaunliche Erfolge erzielen, wenn der Klient/die Klientin das Anliegen auch lösen will. Der Erfolg der Hypnose in den USA schwappt nach Europa über. In den nächsten 15 Jahren wird es einen Hypnoboom geben. In den USA löst die Hypnose teilweise auch schon den Psychiater ab.“ Ob das je in Europa stattfinden wird, bleibt dahingestellt.

Diesen Blogbeitrag habe ich meinen zehn Befragten noch nicht geschickt. Aber welches Wort fällt dir jetzt ein, wenn ich dich nach Hypnose frage? Ist es dasselbe wie am Anfang? Oder liegst du schon im Hypnosesessel und kannst mich nicht mehr hören?

 

 

Infos zur Person

Kurz etwas zur Person hinter den blendenden Antworten auf meine Fragen. Mag. Thomas Hofer ist diplomierter Hypnosetrainer und führt die Praxis „Deep Dive Hypnose“ in Wien, wo er auch geboren und aufgewachsen ist. Seine Website findest du hier. 
Über sich selbst sagt er: „Als offener und kommunikativer Mensch liegt es mir am Herzen, Menschen bei der Verwirklichung ihrer persönlichen Wünsche und Ziele zu unterstützen. […] Inspiriert durch die Hypnosearbeit meines Vaters  habe ich mich schon sehr früh mit den Themenbereichen Autosuggestion und der Macht des Unterbewusstseins beschäftigt.

Mein beruflicher Werdegang startete in den Bereichen Banken und Finanzen bei internationalen Konzernen – später habe ich mich als Unternehmensberater selbstständig gemacht. Die dabei gewonnene Erkenntnis, dass bei allem unserem Tun und Streben unser Unterbewusstsein unser stärkster Verbündeter ist, führte mich schließlich wieder zur Hypnose.“

Auf die Frage, ob er beim Verraten seines Berufsbildes oft auf Skepsis stößt, antwortete er wie folgt: „Teils teils. Manche sind sehr interessiert und offen. Andere hingegen reagieren mit Skepsis und ab und zu hört man auch ein „Schau mir nicht mehr in die Augen.“ […] Durch reinen Blickkontakt kann man aber gar nicht hypnotisieren. […] Das falsche Bild von Hypnose von Generation zu Generation weitergegeben. Viele glauben, dass Hypnose Manipulation ist.“
Hoffentlich konnten wir euch vom Gegenteil überzeugen. 😉

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Text: Magdalena Steger
Bilder:  © Magdalena Steger
© Mandy Oberhollenzer
© Mag. Thomas Hofer

Anmerkung: Aus Gründen der Lesbarkeit wurde im Text ab und zu darauf verzichtet, geschlechterspezifische Formulierungen zu verwenden. Soweit personenbezogene Bezeichnungen nur in männlicher Form angeführt sind, beziehen sie sich auf Männer und Frauen in gleicher Weise.

 

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