Erotische Show vs. seriöser Sport

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©Viktoria Blaschek

Bunte Scheinwerfer leuchten die Bühne aus, während aphrodisierende Musik im Hintergrund erklingt. Frauen, deren perfekte Körper nur mit knappen Höschen, glitzernden Nippel- Pasties und schillernden High Heels bedeckt sind, räkeln sich an einer silbernen Stange vor Männern. Bestimmt denkst du gerade an einen mystischen Strip Club und nicht an die anstrengende Sportart „Poledance“, die blaue Flecken, Muskelkater und Atemprobleme verursacht. Mir ist es auch so ergangen, ich bin ebenfalls in die Stereotypen- Falle getappt. Doch schon bei meinem ersten Besuch bei Poledance Vienna wurde ich eines Besseren belehrt und erhielt Einblicke darin, wie es tatsächlich an der Stange zugehen kann.

Mit meiner Trainerin Christiane traf ich mich in einem der Studios im 7. Wiener Gemeindebezirk, welches von der Straße aus unscheinbar wirkte und keine sexy Performances hinter der Eingangstür vermuten ließ. Die Privatstunde begann mit einer kurzen Aufwärmrunde aller wichtigen Muskelgruppen. Besondere Priorität diesbezüglich hatten die Handgelenke, um Sehnenscheidenentzündungen zu vermeiden. Während des Stretchings musste ich an meine Mutter in der Steiermark denken, die bei einem vergangenen Telefonat nicht sonderlich begeistert mit „Möchtest du dich jetzt als Stripperin versuchen?“ auf meine Poledance- Pläne reagiert hat. Nein, das Ausprobieren von Prostitution, sowie laszives Entblößen vor Publikum standen bisher noch nie auf einer meiner To-Do- Listen.

©Christiane, Poledance Vienna

Die Aussage bestätigte mir trotzdem, wie viele Vorurteile wir gegenüber einer Sportart haben, die verbittert  darum kämpft, Teil der Olympischen Spiele zu werden. Dass ein solches höchst professionelles, wettkampftaugliches Level  nicht ohne regelmäßige Trainingseinheiten, Ehrgeiz und beinharter Disziplin erreichbar ist, war mir von Anfang an bewusst. Dennoch versuchte ich voller Erwartung und Tatendrang die erste Übung, die mir Christiane vorzeigte, nachzuahmen. Mit der linken Hand hielt ich mich an der Pole-Stange fest, meine Hüfte drückte sich von der Stange weg und ich umkreiste diese mit anmutigen, präzisen Schritten. – Zumindest in meiner Vorstellung, denn schnell stellte sich heraus, dass Poledance von Eleganz und Grazie lebt, welche ich beide anscheinend nicht zu meinen Charaktereigenschaften zählen kann. Wie durch ein Wunder hatte ich plötzlich das Gehen verlernt und konnte kaum einen Fuß vor den anderen setzen, ohne mein Gleichgewicht zu verlieren. „Das ist absolut üblich und passiert zu Beginn“, munterte mich Christiane auf und wechselte schnell zu einer neuen Übung.

Bei meiner Trainerin sah es so einfach aus, sie schwang ihren Körper um die Pole-Stange, winkelte die Beine anmutig an und glitt gekonnt in umkreisenden Bewegungen an der Stange herab. Genauso hatte ich mir Poledance vorgestellt- graziös und dennoch erotisch. Ein wenig nervös versuchte ich die Übung nachzumachen und scheiterte jämmerlich. Meine Arme konnten mein Körpergewicht nicht tragen, verzweifelt klammerte ich mich an der Stange fest, rutschte aber dennoch immer wieder kläglich ab und landete unsanft am Boden. Ich brauchte eine Pause, griff zu meiner Wasserflasche und setzte mich für ein paar Minuten auf das bereitgestellte Sofa. Verstohlen zog ich den schweren Trennvorhang, der das Studio teilt, zur Seite und lugte zu einer anderen Gruppe, die sich an Aerial Hoop versuchte. Hierbei vollführt man akrobatische Figuren auf einem von der Decke hängenden Stahl- Reifen. Ich konnte mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen, als ich sah, wie ein Mädchen von dem Reifen auf die Turnmatte plumpste. Es erging also nicht nur mir so.

Ich hatte neue Energie und Motivation gesammelt und war wieder bereit für meine zukünftige Poledance- Karriere. Trainerin Christiane zeigte mir Übungen am Boden und erklärte mir, dass solche einen großen Teil in einer Show übernehmen. Es ist auch für professionelle Poledancer und Poledancerinnen kaum möglich, sich minutenlang nur an der Stange zu bewegen. Bodenakrobatik dient zur körperlichen Entlastung, braucht aber dennoch enorme Spannung. Ein Glücksgefühl durchströmte meinen Körper als ich realisierte, dass ich es schaffte, meinen Körper durchaus ästhetisch nach vorne und wieder zurück zu bewegen. Endlich hatte ich erreicht, meine Unsicherheit ein wenig zur Seite zu schieben, um die Privatstunde einfach nur genießen zu können.

©Christiane, Poledance Vienna

Am Ende meiner Trainingseinheit führte mir meine Trainerin noch eine Abfolge von akrobatischen Kunststücken an der Stange vor, die nach jahrelangem, diszipliniertem Training möglich seien. Dafür trug Christiane lediglich ein bauchfreies Oberteil und eine kurze Panty. Die mickrige Kleidungsauswahl ist für eine ausreichende Haftung an der Stange unbedingt notwendig und dient nicht, wie in Etablissements zur Belustigung des Publikums. Christiane schien mit Kopf- Über- Positionen und Rotationen um die Stange herum der Schwerkraft zu widersprechen. Ich war unglaublich fasziniert und fühlte mich zurückversetzt in meine Kindheit. Schon immer hatte ich große Ehrfurcht vor Akrobaten und Akrobatinnen, die in Zirkuszelten das Publikum verzauberten und in eine fremde Welt verführten. Aufzeichnungen überliefern uns, dass Poledance sich bereits im 12. Jahrhundert aus der asiatischen Akrobatik entwickelt hat und stets einen wichtigen Part in Zirkusshows übernommen hat.

©Viktoria Blaschek

Kaum hatte ich das Studio verlassen und mich auf den Heimweg gemacht, begann ich meine Schmerzen in den Händen zu realisieren. Mit Müh und Not gelang es mir den Türknopf an der Straßenbahn zu betätigen. Da mein Körpergewicht im Normalfall von meinen Füßen, und nicht von meinen Händen getragen wird, rebellierten meine Handknochen. Zuhause angekommen kühlte ich meine angeschlagenen Hände, nahm ich ein entspannendes Bad, kuschelte mich ins Bett, schloss meine Augen und war felsenfest davon überzeugt, dass am nächsten Morgen die Schmerzen verflogen sein würden.

Ich wurde leider enttäuscht. Zu dem piksenden Handknochen gesellte sich Muskelkater verteilt über den ganzen Körper. Mir war nicht bewusst, wie viele Muskelgruppen Poledance beansprucht. Mein Bauch, meine Beine, meine Arme, meine Fersen und mein Rücken machten sich bei jeder kleinen Bewegung bemerkbar. Dennoch konnte ich mich glücklich schätzen, dass mein Körper vorerst von blauen Flecken verschont geblieben war.

Ein wenig schwerfällig hievte ich am Wiener Hauptbahnhof meinen Körper in den Zug Richtung Steiermark zu meinen Eltern, und ließ meine gestrige Poledance- Stunde Revue passieren. Was sollte ich meiner Mutter erzählen? Obwohl ich immer noch keine Prostituierte werden will, lässt sich nicht leugnen, dass Poledance Teil von Striptease- und Burlesque Shows ist, knappe Outfits unvermeidlich sind und High Heels die Haltung deutlich verbessern.

Schnell wird dabei vergessen, dass die Sportart jedoch unglaublich anstrengend ist, beinhartes Training voraussetzt und erst schwierige akrobatische Übungen in der Luft Spannung und Aufmerksamkeit verleihen. Poledance verhilft dir, deinen Körper sexy zu bewegen, eine erotische Ausstrahlung zu bekommen und das Selbstbewusstsein zu stärken. Obwohl mir bewusst ist, dass der Muskelkater und die Knochenschmerzen wieder da sein werden, kann ich meine nächsten Stunden bei Poledance Vienna kaum erwarten. Ich bin nämlich der Überzeugung, dass junge Frauen durchaus vorurteilsbehaftete und kritisierte Sportarten ausüben können, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

 

Mehr Infos unter: Poledance Vienna

Text: Viktoria Blaschek

Fotos: Poledance Vienna & Viktoria Blaschek

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