Eine Woche ohne Zeit

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    Ist Zeit eine Illusion?
©Elena Cristiana Meraru

Ich fühle mich ständig so, als hätte ich nie genug Zeit für alles, was ich mir vornehme. Die Schuld schreibe ich immer der Uhr zu: Würde sich diese langsamer bewegen, hätte ich natürlich viel mehr Zeit zur Verfügung. Ich müsste mich nie beeilen und könnte alles Mögliche machen und auch noch in meinem Rhythmus – Auf Wiedersehen Stress und Termine! Schon seit viel zu langer Zeit höre ich denselben Satz von meinen Freunden : „Zeit ist nur ein erfundenes Konzept des Menschen“ oder „Zeit ist eine Illusion“. Das sagen aber Leute meistens dann, wenn sie sich verspäten oder man ihnen sagt, dass die und die Aufgabe übers Wochenende zu erledigen ist. Oder haben sie vielleicht Recht? Steht die Lösung aller Probleme in der Zerstörung der Zeit?

Da mich interessieren würde, wie ein Leben ohne die Begrenzung der Zeit aussehen und sich anfühlen würde, hab ich mir vorgenommen, eine Woche ohne Blick auf die Uhr zu verbringen – oder oder es wenigstens zu versuchen. Heutzutage wird das natürlich nicht leicht sein, da dich überall wo du hingehst mindestens 3 Uhren anglotzen: Handys, Busstationen, Ubahnstationen, Geschäfte. Es ist FAST unmöglich, die Zeit eine Woche lang zu vermeiden, also falls es mir passieren sollte manchmal auf die Uhr zu gucken, bitte ich um  Eure Verzeihung. 

   Vorbereitungen

©Elena Cristiana Meraru

Als Erstes habe ich mir vorgenommen, die Uhr auf meinem Handy und Laptop zu deaktivieren. Geht aber nicht (soweit ich mich auskenne). Ich habe also  meinen Freund gebeten, alle Uhren die ich besitze, auf verschiedene Uhrzeiten einzustellenKeine Uhr sollte die richtige Zeit anzeigen (war nicht kompliziert, da alle meine Armbanduhren kaputt sind). Als zweiten Schritt  für diesen Selbstversuch hab ich mir einige Situationen ausgewählt, die ein bisschen herausfordernd sein könnten. Während dieser Woche werde ich ein paar Vorlesungen besuchen müssen, mich mit Freunden um eine bestimmte Uhrzeit treffen und am Ende werde ich mich auf meinen Freund verlassen müssen, um einen Flug nicht zu verpassen, der uns für die Weihnachtszeit nach Hause bringen soll. Ich gehe davon aus, dass der letzte Tag am schwierigsten sein wird und dort könnte ich mir vorstellen, dass ich scheitern werde.

Ich möchte durch diesen Selbstversuch herausfinden, ob man auf andere Sachen vielleicht mehr achtet, oder ob man Sachen anders wahrnimmt,  wenn man nicht ständig von der Zeit unter Druck gesetzt wird.

  Die Tage ohne Uhr

Am Montag habe ich ab 15 Uhr den ganzen Tag Vorlesungen. Mein Plan war, es einfach irgendwie zu schaffen, ungefähr um die richtige Uhrzeit im Audimax zu landen. Das Schwierigste hat schon angefangen, als ich aufgestanden bin, da ich keine Ahnung gehabt habe , wie spät es ist. Mein erster Hinweis war, dass es draußen schon hell war . Es konnte also 9:00 oder 15:00 sein – eins von beiden. Ich hab mich entschlossen, dass es besser 9 sein sollte, damit ich Zeit habe. Ich muss gestehen, dass sich der Selbstversuch am ersten Tag ganz komisch angefühlt hat: es war wirklich herausfordernd,weil man keine Ahnung  hat, wie man sich die nächsten Aktionen einteilen kann.
Mehrmals musste ich mich erinnern, dass der ganze Sinn hinter diesem Selbstversuch der ist, nicht mehr wegen der Zeit gestresst zu sein und alles in dem eigenen Rhythmus zu machen. Ich hab also so getan, als hätte ich noch alle Zeit der Welt bis es in die Vorlesungen geht und habe in Ruhe gefrühstückt, geduscht, telefoniert und eine kurze Serien-Episode angeschaut. Ich bin dann aus dem Haus losgegangen, obwohl ich das Gefühl hatte, dass ich zu früh bin. Ganz nach dem Motto „Besser zu früh als zu spät“. Auf dem Weg habe ich mich nicht beeilt. Nicht mal die Leute, die sich langsam bewegt haben oder komplett im Weg standen, habe ich böse angeguckt. Als ich beim Audimax angekommen bin, war meine Überraschung groß: Die erste Vorlesung hat schon längst begonnen. Ich sollte mich vielleicht doch beeilt haben. Egal, es wird eh gestreamt. Die anderen 2 Vorlesungen habe ich aber erwischt. So konnte ich mir sicher sein, dass ich um 20:00 raus aus der Uni bin.

Ins Bett zu gehen und aufzustehen war den ganzen Selbstversuch lang ein Glücksspiel gewesen, da ich nie wissen konnte, wie spät es ist oder wann ich aufstehen muss um rechtzeitig in der Uni anzukommen. Das war besonders schwer für mich, da ich gerne meine verbleibende Schlafzeit ausrechne, wenn ich im Bett liege.
Nach den ersten 3 Tagen ist es ganz einfach geworden: Man schläft wenn man müde ist, man steht auf wenn man ausgeschlafen ist. Ich hatte allerdings auch ein Tutorium um 8 Uhr in der Früh. Auch in diesem Fall hielt ich mich an meinen Selbstversuch – die Hälfte davon habe ich verpasst, aber ich war wenigstens ausgeruht und konnte mich besser konzentrieren. Anstatt die ganze Zeit von Kaffee zu träumen. Ich habe ich dieses Mal auch Punkte für meine Mitarbeit bekommen. Da ich mir diese Woche die Uhrzeit selbst bestimmt habe, konnte ich eh nicht verspäten, dieses Tutorium hat einfach zu früh begonnen.

©Elena Cristiana Meraru

Eine weitere Situation, wo eine Uhr schon ganz praktisch sein kann, ist bei ausgemachten Treffen mit Freunden. Für diesen Fall hatte ich aber schon ein Plan: Damit ich mir sicher bin, dass ich  das Ganze nicht verpasse, habe ich vorgeschlagen, dass wir uns „wenn es draußen dunkel wird“ in einem Pub bei mir in der Nähe treffen. Da meine Freunde schon über das Experiment Bescheid wussten, fanden sie es nicht komisch, sondern nur lustig. Hier bin ich genau pünktlich angekommen, was keiner erwartet hat. Da dieser Pub so nah bei mir war, bin ich einfach losgegangen, als es draußen dämmerig wurde. Ein paar Minuten musste ich sogar noch auf meine Freunde warten. Wenn man sich also bei Terminen nach dem Tageslicht richtet, ist das schon schaffbar.

Die letzte und zugleich nervenaufreibenste Challenge in meinem Selbstversuch, war die Fahrt in mein Heimatland: zumindest die Fahrt mit meinem Freund zum Flughafen. Ich wusste schon, dass wir ganz früh aufstehen müssen. Um halb 10 sollten wir schon in der Luft sein und wir wohnen nicht in der Nähe vom Flughafen. Da mein Freund ewig schlafen kann und ganz schwer aufsteht, konnte ich mir vorstellen, dass wir den Flug verpassen. Also war ich bereit, mein Experiment zu unterbrechen. Er hat aber darauf bestanden, dass das lustig sein wird und dass ich mir keine Sorgen machen soll. Nachdem er sich auf seinem Handy sieben Alarme eingestellt hatte, war ich ein bisschen beruhigt – allerdings immer noch skeptisch.

 

©Elena Cristiana Meraru

In der Dunkelheit klingelten die Alarme und ich bin ganz schnell aufgestanden. Die ganze Zeit, bis wir vor der Tür standen, hab ich nur gesagt, dass wir uns beeilen müssen. Ich wusste nicht wie spät es ist, aber ich war mir sicher, dass wir in großer Verspätung sind. Die ganze Fahrt zum Flughafen war eigenartig. Es war  stressig nicht zu wissen, wie spät es ist, wenn man deswegen einen Flug verpassen könnteIch konnte es leider nicht aushalten, nicht zu wissen, ob wir rechtzeitig ankommen werden oder nicht. Also habe ich  jemanden in der S-Bahn neben uns gefragt, wie spät es ist, da mich mein Freund die ganze Fahrt ignoriert hat. „Viertel vor 8“ kam die Antwort. Ich konnte endlich beruhigt ausatmen, da die nächste Station der Flughafen war. Mein Freund rollte mit den Augen. Mir war es aber in dem Moment egal;ich wusste endlich wie spät es ist.

Fazit
©Elena Cristiana Meraru

Ich muss gestehen, dass es während dieses Selbstversuchs ganz viele Momente gab, in denen ich aufhören wollte, besonders am Anfang. Ich war aber auch neugierig, ob man heutzutage noch ohne Uhr leben kann. Man kann das schon schaffen, wenn man nicht ein  Kontrollfreak ist. Während dieser Woche hab ich viel weniger Zeit mit elektronischen Geräten verbracht und habe mich mehr auf andere Sachen konzentriert. Der ungefähren Uhrzeit kann man schon nahe kommen, indem man auf andere Zeichen achtet: die Glocken der Kirchen, wie hell oder dunkel es draußen ist, oder, falls du in Wien wohnst, wann die Supermärkte schließen. Ein Leben, das nicht unter der Macht der Uhren geführt wird, ist auf jeden Fall befreiend  zumindest nachdem man die Schock- und Stress-Phase überwindet.

Elena Cristiana Meraru

 

 

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