Machen Kleider wirklich Leute?

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 Das Sprichwort „Kleider machen Leute“ begleitet uns schon unser ganzes Leben lang. Doch was hat dieses Sprichwort überhaupt auf sich? Was genau bedeutet „Kleider machen Leute“?

Dieser Frage bin ich in den letzten Tagen auf den Grund gegangen und habe mir dafür 4 verschiedene Outfits ausgesucht . Schick, verwahrlost, sportlich und unauffällig. Mit jedem dieser Outfits bin ich in die Wiener Innenstadt gegangen und habe dort mein „Experiment“ durchgeführt. Dabei habe ich irgendwelche beliebigen Passanten angequatscht und sie gefragt, ob ich ihr Handy benutzen könne, da meins (angeblich) gestohlen wurde. Mit dieser einfachen Frage wollte ich herausfinden, wie die Reaktionen der Passanten sind. Sind sie bereit einem Menschen in verwahlostem Outfit  ihr Handy zu geben? Bekommt ein schick gekleideter Mensch eher das Handy? Oder spielen die Outfits keine Rolle und es kommt ganz auf den Charakter oder die Laune des befragten Menschen an?

1. SCHICKES OUTFIT
©Maik Wohlgefahrt

Mit dem schicken Outfit machte ich den Anfang. Ich ging zum Stephansdom, dort sind bekanntlich immer sehr viele Menschen . In diesem Outfit fühlte ich mich sehr wohl. Jeder ist mal schick gekleidet und kennt wahrscheinlich das Gefühl. Mit meinem etwas kürzeren Rock bemerkte ich, dass ich viel mehr angesehen werde, als sonst. Aber von den Blicken ließ ich mich nicht verwirren und fing mit meinem Experiment an. Ganze 15 Passanten fragte ich innerhalb von einer halben Stunde, ob ich ihr Handy haben könne.  Bei 14 Passanten habe ich das Handy dann auch bekommen. Die meisten waren freundlich und wollten mehr über den Diebstahl erfahren. Daraufhin gab ich natürlich zu, dass mir mein Handy nicht geklaut worden war und ich „nur“ ein Experiment für die Uni durchführte. Da lachten sie. Ich fragte sie, wieso sie mir ihr Handy gegeben haben. Die Antworten waren: „Weil ich helfen wollte“, „Weil Sie nett aussehen“, „Weil Sie bestohlen wurden und man einem Menschen in Not hilft“. Zwei Jungs wollten mich sogar auf einen Kaffee einladen! Ich bedankte mich und ging nach Hause. Dort angekommen ging es weiter mit dem nächsten Outfit.

2. VERWAHRLOSTES OUTFIT
© Maik Wohlgefahrt

Alleine schon die Vorbereitung für das verwahrloste Outfit hat Spaß gemacht. Gefühlte zwei Stunden suchte ich  nach Klamotten, die alt und nicht so schön waren. Letztlich entschied ich mich dann für eine alte Jacke von meinem Freund und eine viel zu große Jogginghose, ebenfalls von ihm. Nach dem Motto „I woke up like this“ stylte ich meine Haare.  Mein Gesicht machte ich mit ein bisschen braunen Lidschatten „dreckig“.  Als ich dann wieder zum Stephansplatz ging, fühlte ich mich ganz und gar nicht wohl. Ich traute mich  nicht mal anderen Menschen in die Augen zu schauen. Ein ganz mieses Gefühl! Wieder fragte ich 15 Passanten nach ihrem Handy. Manche machten mich doof an, manche ignorierten mich, ein Mann zeigte mir sogar den Stinkefinger! Insgesamt bekam ich in 13 Fällen nicht das Handy. Ein süßer Opa und eine jüngere Frau wollten mir aber helfen. Der Opa war gerade dabei sein steinaltes Nokiahandy auszupacken, als ich zugab, dass es ein Experiment für die Uni ist. Er wollte es nicht glauben. Wieso würde man so ein Experiment machen? Tja das konnte ich auch nicht so ganz beantworten. Für einen Abbruch war es eh zu spät.  Die jüngere Frau, die mir ebenfalls half, wollte mir neben dem Handy außerdem 10 Euro geben! Das Geld nahm ich natürlich nicht an. Bei dem Opa und ihr fühlte ich mich, obwohl ich mich vorher in dem Outfit so schlecht gefühlt hatte, aufgehoben. Sie akzeptierten und respektierten mich. So etwas hatte ich noch nie erlebt.

3. SPORTLICHES OUTFIT
©Maik Wohlgefahrt

Die Auswahl des passenden, sportlichen Outfits fiel ziemlich leicht. Ich wählte  ein rotes T-Shirt und eine blaue Hose. In diesem Outfit fühlte ich mich sehr wohl. Ich war zu 100% entspannt. Dann ging es los:  am Stephansdom angekommen, fragte ich wieder 15 Passanten nach ihrem Handy. Vielleicht lag es am Outfit, vielleicht auch am schönen Wetter, oder vielleicht auch an der gesamten Situation, jedenfalls bekam ich in 12 Fällen das Handy. Alle waren super gut gelaunt.  Das brachte mich dazu, dass ich mich wieder traute nach den Gründen zu fragen, wieso ich das Handy bekommen habe: „Ich wollte helfen“, „Sie sehen nett aus“, „Weil ich auch Sportler bin und unter Sportlern hilft mach sich!“. Einer fragte, ob wir nicht zusammen eine Runde laufen gehen können. Über diese Antworten freute ich mich, jedoch schien es langsam so, dass Kleider machen Leute stimmt.

4. UNAUFFÄLLIGES OUTFIT
© Maik Wohlgefahrt

Weiter ging’s mit dem letzten Outfit: das unauffällige Outfit (oder auch das stink normale Outfit).

Damit fühlte ich mich nicht schlecht aber auch nicht besonders gut. Es war eben unauffällig. Ich trug einen Kapuzenpulli und eine Jeans, dazu braune Schuhe und eine braune Jacke. In der Stadt wurde ich von den Passanten ignoriert, fast als wäre ich unsichtbar. Als ich dann zum letzten Mal 15 Passanten nach ihrem Handy fragte, schien es den meisten egal zu sein. So bekam ich das Handy von 8 Passanten. Als die Meisten mir ihr Handy gaben schwiegen sie, sie nahmen einfach ihr Handy und gaben es mir! Komisches Gefühl. Und so ging ich wieder nach Hause. Die Menschen in Wien, am Stephansdom hatten mir gezeigt, dass Kleider wirklich Leute machen.
FAZIT

Das Experiment hat Spaß gemacht. Obwohl ich ein paar mal in unangenehmen Situationen war, bin ich doch froh, dass ich es gemacht habe.  Einen Versuch war es doch wert! Und jetzt wissen wir, dass Kleider machen Leute nicht irgendein doofes Sprichwort ist, nein es stimmt! Jeder bewertet das Äußerliche von anderen Menschen. Unbewusst oder bewusst. Das ist ziemlich traurig, da Menschen, die für uns nicht gut ausschauen, vielleicht sympathisch sind! Wir sollten uns öfter mal daran erinnern, wie wir von anderen „gesehen“ oder behandelt werden möchten und sehen oder behandeln andere dann auch so…

Die gewählten Outfits sollten verschiedene Extreme darstellen. Für manche mag das schicke, verwahrloste, sportliche oder das unauffällige Outfit ganz anders aussehen. Dies waren meine Vorstellungen von den unterschiedlichen Outfits.

Text: Lena Velten

Fotos: Maik Wohlgefahrt

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