Das Wienerlied: Renaissance oder Abgesang auf eine Wiener Tradition…

geposted am

Ka Politik!“, ruft ein Herr aus der ersten Reihe. „Ka Politik, sunst geh i!“ „Na dann gehn´s hoid“, entgegnet ihm der Moderator der Veranstaltung.

Der Herr verlangt sein Geld zurück. Nach einer kurzen Diskussion und ein paar Späßen auf seine Kosten kommt er der Aufforderung nach und verlässt unter hämischem Applaus den Saal. Wir befinden uns beim Hengl-Haselbrunner, einem traditionellen Heurigen im 19. Wiener Gemeindebezirk. Der Szene-Connaisseur weiß Bescheid.

Die Reaktion des Moderators kam in diesem Fall nicht unerwartet, gehört Politik doch ebenso wie Sozialkritik, Trübsal und Humor zum Wienerlied, wie der Spritzwein in die Wiener Politik. Ein gutes Wienerlied ist eine Melange all dieser Attribute (inklusive Spritzwein). Es schwelgt in der Vergangenheit, ist gespickt mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor, so wie ihn jeder echte Wiener verinnerlicht haben sollte und hat bestenfalls einen leichten Damenspitz. Unter Umständen könnte ich mich, zumindest was die Politik betrifft, aber auch irren. Denn natürlich gibt es eine positive Version des Wienerliedes. Das wäre eher die traditionellere, ursprüngliche Variante. Doch politisch konservative Zeiten erfordern kritische Kunst, alles Andere würde einer Kapitulation der Selbigen gleichkommen. Aber Vorsicht, kritische Kunst ist nicht überall gefragt. Und Eines noch vorweg, die Definition des Genres stellt sich als schwieriger heraus als erwartet, denn Wiener Lied ist nicht gleich Wienerlied. Zumindest wenn man den Traditionalisten Glauben schenkt.

Szenenwechsel

Wir bleiben im Bezirk, wechseln aber das Lokal und gehen zur Buschenschank Taschler. Um etwas Licht in die Angelegenheit zu bringen, traf ich zwei dieser Traditionalisten zum Interview. Patrick Rutka und Klaus Steurer, auch bekannt als 16er Buam, spielen an diesem Abend ein Konzert beim Taschler. Die beiden gebürtigen Ottakringer – daher auch der Name 16er Buam – stehen für Brauchtumspflege im Wienerlied. Keineswegs aus reiner Sturheit, sondern aus Passion. Sie sind wahrscheinlich die jüngsten Vertreter einer vom Aussterben bedrohten Gilde. Hier muss man allerdings anmerken, der jüngere Rutka (Knopfharmonika) ist Jahrgang 1977, Steurer (Kontragitarre) zwei Jahre älter.

Die 16er Buam ©Lucas Setzger

Young Viesions: Erklärt mir mal kurz, wie lange gibt es die 16er Buam schon, wie lange kennt ihr euch?

Patrick Rutka: Die 16er Buam befinden sich im 24. gemeinsamen Jahr, stehen also kurz vor der Silberhochzeit, sozusagen.

Klaus Steurer: Wir kennen uns seit Kindheitstagen aus Ottakring. Das war ja wie ein Dorf damals, man kannte sich halt.

PR: Schuld war eigentlich mein Bruder. Der lernte von Klaus das Gitarrespielen.

YV: Und der hat euch dann zusammengebracht?

KS: Naja, eher die Affinität für das Wienerlied. Die wir allerdings unabhängig voneinander entwickelten.

YV: War das damals üblich? Zwei Teenager, Mitte der 90er Jahre, die sich für diese Art von Musik begeistern?

KS: Nein, gar nicht.

YV: Woher kam diese Leidenschaft dann?

PR: Ich habe schon mit 5 Jahren Steirische Harmonika gelernt, mit der Zeit dann aber das Interesse verloren. Mit 10 oder 11 fing ich an E-Bass und manchmal Schlagzeug in der Schulband zu spielen. Mit 15 entdeckte ich das Wienerlied für mich. Wieder, muss ich eigentlich sagen, denn die Lieder kannte ich ja ebenso wie die Musiker vom Heurigen in Ottakring.

KS: Von mir zuhause hatte ich zum Beispiel nur 5 Minuten zum Heurigen, egal in welche Richtung ich ging. Dort standen fast täglich Wienerlieder auf dem Programm. Das prägt natürlich. Aber was ich zu meinen damaligen Musikpräferenzen noch sagen wollte: Natürlich habe ich begonnen Rock- und Jazzgitarre zu spielen, aber das Wienerlied ist da nicht viel anders. Ich hab da also gar keinen Unterschied gemacht, habe es nicht wirklich klassifiziert. Für mich war das alles eigentlich gleich. Und dann haben Patrick und ich herausgefunden, dass hier Interesse besteht, das Gleiche zu tun, also haben wir begonnen, gemeinsam Wienerlieder zu spielen. Zunächst nur für uns, dann beim Heurigen, wo wir sowieso gewesen wären. Wir hatten etwa 20 Lieder im Repertoire. Die kamen gut an und weil wir viel jünger waren als die meisten anderen Heurigen-Musikanten, nehme ich an, wir waren irgendwie speziell. Das war super für uns. Wir konnten unser Hobby ausüben und gingen mit einem Gratis-Rausch und Geld in der Tasche nach Hause. Was will man mehr, als junger Musiker?!

YV: Ich habe mich gefragt, was das Wienerlied wirklich ausmacht. Könnt ihr mir da weiterhelfen?

PR: Es hängt viel vom Dialekt und der Harmonieführung ab. Die wäre bei einem Ernst Molden zum Beispiel einfach zu tief. Nicht im Sinne von derb, sondern zu düster.

KS: Lass es mich so sagen, wenn du ein Lied von Ernst Molden nimmst und den Text durch einen englischen ersetzt, würde das so gut wie keinen Unterschied machen. Molden, der brillante Texte schreibt, macht Blues mit Wiener Dialekt, das hat mit Wiener Volksmusik nichts zu tun.

PR: Selbst Karl Hodina, dessen Lieder teilweise ins Repertoire von so manchem Heurigen-Musikanten aufgenommen wurden, hat selbst von seinen Werken gesagt, sie wären eher Chansons.

YV: Das heißt ihr bezeichnet die Musik die ihr selbst macht als Wiener Volksmusik?

KS: Ja, so könnte man das sagen. Was mich auch so ein bisschen stört bei dieser, Verwechslung kann man fast schon sagen, ist, dass die Wiener Volksmusik bei weitem nicht so melancholisch ist, wie die neue Musik aus Wien sie darstellt. Aufgebaut wird man von dieser Musik eher selten.

YV: Ich wollte gerade Ludwig Hirsch erwähnen.

KS: Genau, die Dunkelgrauen Lieder.

PR: Den Ludwig Hirsch liebe ich seit ich ein kleines Kind war. Der hat aber eben mit dem Wienerlied nichts zu tun.

KS: Das Wienerlied ist viel positiver. Es geht schon um den Tod…

PR: Meistens geht es aber positiv aus.

KS: Und kitschig ist es meistens auch, aber das gehört dazu. Die Hauptsache ist, dass es ehrlich ist. Und das ist der Unterschied zum Schlager. 

YV: Der ja oft vom Band kommt, wie man so hört.

KS: Das kann sein, aber hier geht es auch um den Perfektionswahn, der ja nicht nur im Schlager vorherrscht. Die Wiener Volksmusik muss nicht immer perfekt sein, aber beseelt ist sie und darauf kommt es an. Mir fällt da ein Konzert von uns ein. Wir waren noch relativ jung und im Publikum befanden sich ein paar Herren, sagen wir von der härteren Sorte. Auftrainiert, mit Goldketten um den Hals. Nach einem Lied sah ich zu ihnen rüber und plötzlich liefen einem von ihnen Tränen über die Wangen. Da wurde mir bewusst wie viel Kraft diese Lieder haben und wie groß die emotionale Komponente ist. Wenn du mal einen Zuhälter mit deiner Musik zum Weinen bringst, dann weißt du, dass du was richtig machst. Und hier kann man auch wieder Gemeinsamkeiten erkennen. Auf der emotionalen Ebene, die findet man bei Molden und Hirsch ebenso. Auch wird bei diesen Künstlern die Wiener Seele angesprochen, aber Wiener Volksmusik im traditionellen Sinn ist es trotzdem nicht.

YV: Der Einfluss des Wienerliedes auf die beiden ist aber nicht von der Hand zu weisen.

KS: Die Musik hat eine ähnliche Färbung und ist verwandt, freilich.

YV: Ich persönlich wünsche mir, dass hier nicht immer so streng unterschieden wird. Denn Molden und der Nino aus Wien, Wanda oder Voodoo Jürgens haben das jüngere Publikum auf ihrer Seite. Wenn ich mich hier umsehe, sehe ich nur zwei Burschen die wahrscheinlich unfreiwillig hier sind. Der Rest des Publikums dürfte jenseits der, sagen wir mal 50 sein. Gibt es Nachwuchs in der traditionellen Wiener Volksmusik?

KS: Gar nicht. Ich kenne zumindest niemanden. Aber die neue Musik aus Wien ist hier sicher hilfreich, denn die Jugend kommt wieder in Kontakt mit der Sprache, dem Dialekt und der Wiener Kultur und hier müsste man ansetzen oder zumindest hoffen, dass sich jemand denkt, irgendwoher muss diese Musik ja kommen und dadurch die traditionelle Wiener Musik für sich entdeckt.

YV: Gibt es hier auch eine gewisse Sprachbarriere?

PR: Das bestimmt, aber das ist nicht nur in Wien so. Dieses Lokalkolorit geht weltweit verloren. Im Deutschen und vor allem in Österreich ist es aber extrem.

KS: Auch der Dialekt der heutzutage an die Öffentlichkeit getragen wird, ist ein recht derber. Wenn ich mir Seiler & Speer anhöre…

YV: Ist dieser Dialekt auch schwer zuordenbar.

KS: Ich würde ihn als tiefes Wienerisch bezeichnen. Aber das ist ja schon mal besser als nichts und so hat sich die Sprache nun mal entwickelt.

YV: Ist sie am Aussterben?

KS: Ich glaube schon. Aber was das Wienerlied betrifft, wenn jemand behauptet, das traditionelle Wienerlied stirbt, muss ich korrigieren: Es ist schon tot. Es hat sich allerdings neu erfunden. Wohin es in Zukunft geht, wird man sehen. Das traditionelle Wienerlied lebt größtenteils nur mehr in den Archiven. Gelebte Musik ist das nicht mehr.

Zurück beim Hengl-Haselbrunner

Der Hengl-Haselbrunner ist einer der wenigen Heurigen wo das Wienerlied noch regelmäßig gelebt wird. Vielleicht nicht in seiner ursprünglichen Form, aber immerhin. Hier kann man sich zumindest, beinahe wöchentlich, vom Facettenreichtum der „neuen“ Wiener Musik überzeugen.  

Gesangskapelle Herrmann  ©Lucas Setzger

Ein Blick durch den Raum bietet gewisse Überraschungen, denn das Publikum ist weit jünger als erwartet. Ein Grund dafür dürfte die Gesangskapelle Herrmann und deren Anhang sein. Die sechs jungen Herren aus Oberösterreich (das geht trotzdem als Wienerlied durch, denn selbst die traditionelle Wiener Volksmusik hat ihre Wurzeln in der Provinz) setzen auf die Acapella Variante. Vor allem aber auf Witz und Charme. Damit können sie nicht nur die mitgebrachten Fans, sondern auch das restliche, vorwiegend ältere Publikum begeistern. Mit Liedern wie Knedl,  Einedrahragossn oder Wegana stimulieren sie gekonnt die Lachmuskeln und treffen außerdem den Nerv der Zeit.

In eine andere Kerbe schlägt das Trio Alptrieb, die den zweiten Teil des Abends bestreiten. Schon von Berufs wegen Musiker, teils beim Kollegium Kalksburg, mischen die drei Bläser (Flügelhorn, Klarinette, Euphonium) Barock- mit Volksmusik und Wienerlied. Serviert wird diese Mischkulanz mit avantgardistischem Einschlag und, genau, Spritzwein. Man merkt also schon, in den letzten rund 200 Jahren hat sich das Wienerlied immer weiterentwickelt und die verschiedensten Färbungen angenommen – no na.

Helmut Qualtinger Quelle: youtube.com

Der ältere Herr mit dem ausgeprägten Politik-Verdruss hat in der Zwischenzeit vor der Tür auf einem Sessel Platz genommen und wartet dort bis die Veranstaltung zu Ende geht. Einerseits will er sich nichts anmerken lassen wenn man an ihm vorbei geht, andererseits sagt sein Blick: „I steh dazua!“ Wie war das nun mit der Politik im Wienerlied? Zunächst war es nämlich, nicht ausschließlich, aber teilweise kritisch und derb. Das wurde unter Metternich, zumindest öffentlich aber ganz schnell unterbunden. Erst Helmut Qualtinger brachte Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts die Sozialkritik zurück. Gerüchte besagen sogar, er wäre mit dem Lied Der Papa wird’s schon richten für den Rücktritt des damaligen Nationalratspräsidenten Felix Hurdes verantwortlich. Politische Kritik hat also durchaus Tradition im Wienerlied. Wieso wehren sich manche Traditionalisten also so vehement dagegen? 

© Lucas Setzger

Sozialkritisch war das Wienerlied schon immer, das wird von den aktuellen Musikern auch so weitergeführt“, meint Klaus Steurer von den 16er Buam und ist gleichzeitig der Ansicht, dass „Kunst nicht um jeden Preis provozieren muss.“

Als eine Art Therapiestunde bezeichnet sein Kollege Rutka die Konzerte der beiden: „Zwei, drei Stunden Musik genießen, ohne an etwas Anderes denken zu müssen.“

„Es ist nicht unsere Aufgabe, kritisch zu sein. Es gehört natürlich zur Kunst, zu provozieren, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Hat alles seine Berechtigung, ist aber nicht unser Metier“, fügt Steurer an und lässt dadurch eines vermuten:

Für jeden was dabei

Ob man sich  provozieren lassen (Qualtinger), oder sich von Liedermachern (Hodiner, Heller, Hirsch) berieseln lassen will. Ob man nun Pop-affin (Falco, 5/8erl in Ehren), oder ein Fan des Blues (Neuwirth, Molden) ist. Oder wenn man nur einmal miterleben will, wie der Wirtin oder dem Zuhälter vor Rührung die Tränen kommen und der gesamte Heurige im Einklang Wiener Volkslieder schmettert. Musik aus Wien bietet für jeden etwas. Aber hat sie genug Kraft um sich am Leben zu halten, geschweige denn kulturellen Einfluss auszuüben? 

Das Wienerlied ist tot, sagen die einen. Vielleicht, aber das Wiener Lied lebt – und brauchen kann es die Wiener Kultur, wie einen Schluck Spritzwein.

Lucas Setzger

mehr Infos unter:

Hengl-Haselbrunner Termine

16er Buam – Rutka & Steurer

Gesangskapelle Hermann

Trio Alptrieb auf YouTube

Empfehlungen eines Unwissenden:

Helmut Qualtinger – Wenn der Wiener an Schas lost

Heller & Qualtinger – Wean, du bist a Taschenfeitl

Karl Hodina – Herrgott aus Stan

Ludwig Hirsch – Omama (live)

Roland Neuwirth – Hernals

Molden, Resetarits, Soyka, Wirth – Ho Rugg (live)

5/8erl in Ehr´n – Siasse Tschik (live) zu Gast beim Bayrischen Rundfunk

5/8erl in Ehr´n – Ollawöts G´sicht

 Link zur YouTube Playlist „Wiener Lied“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

%d Bloggern gefällt das: