Beschall mich!

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In einer Kiste im Keller, unter einer millimeterdicken Schicht von Staub, liegt sie unberührt – die Schallplatte. Doch nicht in den letzten Jahren, denn neue Musikmedien werden jetzt lieber durch Altbewährtes ersetzt.


Uncool oder doch leiwand?

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(c) Julia Grassinger

Vor einigen Jahren waren Mama und Papa noch „total uncool“, als sie abends mit einem Gläschen Wein eine ihrer alten Schallplatten ausgepackt haben, von der sie uns schon gefühlte hundertmal erzählt haben, dass sie genau diese Platte damals auf einer Party mithatten und bis in die Morgenstunden gefeiert haben. Doch heute findet die Jugend es plötzlich nicht mehr total uncool und altmodisch, eine Vinyl Platte in der Hand zu haben, sondern plötzlich „voll leiwand und retro“.

Auferstanden von den Toten

Überall sieht man sie wieder – die gute alte Vinylplatte. In den 90ern wurde sie für tot erklärt, doch am weitaus mehr als am dritten Tage auferstanden von den Toten, ist sie nun wieder in aller Munde. Nicht nur Schallplattengeschäften, die hauptsächlich Second-Hand Vinyl verkaufen, wird nun wieder öfter ein Besuch abgestattet, sondern auch große Unternehmen wie Libro und Saturn fangen wieder an, neue Schallplatten zu produzieren. Ich habe mich schon länger gefragt, was Gründe für diesen Trend sind und habe mehrere Besitzer von Schallplattengeschäften im Zuge dessen ein wenig über die Vergänglichkeit der Musikmedien und den Trend, wieder zu Vinylplatten zu greifen, ausgefragt.

Du hörst mir nie zu!

Schallter
(c) Julia Grassinger

„Wenn man vor 10 Jahren eine Schallplatte in der Hand gehabt hat, vor allem bei den Djs, da ist man als vergangenheitsliebender Vollidiot dargestellt worden.“ – erzählt der Besitzer des Schallplattenladens Tongues. Stimmt. Zu dieser Zeit hat sich niemand in irgendeiner Weise für Schallplatten interessiert und wenn, dann war er über 40 und wusste nicht, dass CDs nun der neue Verkaufsschlager sind. Doch so schnelllebig wie die Welt nun einmal ist, hält jeder Trend nicht lange an – vor allem in der Musikbranche nicht. Auch die CD wurde bald vom Thron gestürzt und das Internet mit all seinen online Musikportalen zum neuen und wichtigsten Medium für die Jugend: Vieles ist gratis, man kann es schnell herunterladen, die Auswahl ist enorm groß und man muss nicht extra in ein Geschäft laufen. Eigentlich doch perfekt und super praktisch. Jedoch verändert sich durch die neuen Medien wie das Internet oder das Radio auch der Bezug zur Musik. Man hört nicht mehr genau hin, die Musik läuft nebenbei, man lässt sich durch sie beschallen. Von bewusstem Hören ist keine Rede mehr. Wenn ich denke, wozu ich als Sechsjährige damals getanzt habe (es war Britney Spears – „I’m a slave for you“, worüber ich heute ein wenig schmunzeln muss), fällt mir auf, dass niemandem aus meiner Familie aufgefallen ist, worum es in den Liedern solcher Künstler überhaupt geht. Weil niemand genau hinhört. Nicht, dass das bei Britney Spears empfehlenswert wäre. Der Punkt ist, Musik wurde zu einer Sache, die man nebenbei macht. „Die Kundschaft ist a per se verzweifelt, weil es gibt so viel an Angebot, dass man da nicht genau weiß wohin und dann kommt noch das Internet dazu, wo viele Leute so nebenher, fast wie ein Radio, nebenbei laufen lassen über ein Online Portal und da gibt es eine extreme Unruhe.“

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(c) Julia Grassinger

Berühren und mit allen Sinnen spüren

Das erklärt vermutlich auch die Tatsache, dass die Leute das Bedürfnis nach einer Konstante, nach etwas Beständigem im Bereich der Musik hatten. Die Schallplatte stellt wieder Kontakt und Bezug zur Musik dar. Die Leute wollen wieder etwas in Händen halten und in ihr Regal stellen. Durch die Schallplatte befasst man sich wieder mehr mit Musik, man geht in ein Geschäft und überlegt, für welche Platte man am liebsten sein Geld ausgeben möchte und geht danach zufrieden nach Hause und hört sich seine neue Errungenschaft an. Schon dadurch, dass man etwas für die Vinylplatte ausgeben muss, ist die Auswahl der Musik eine viel bewusstere, mit der man sich länger beschäftigt, als wenn man auf Youtube ein wenig herumklickt. Außerdem kann man eine Schallplatte, außer man hat einen tragbaren Plattenspieler, nicht unterwegs hören, was bedeutet, dass Musik zu einer Aktivität wird, die man um ihrer selbst willen betreibt, und nicht weil man gerade unterwegs ist, schnell mal die Kopfhörer in die Ohren steckt, um nicht die Gespräche der anderen U-BahnfahrerInnen mitanhören zu müssen.

Qualität vor Quantität

Teuchler
(c) Julia Grassinger

Die Akustik und Technik spielt bei Schallplatten eine sehr große Rolle, da der Klang der Vinyl ein ganz anderer ist, als der, den man bei einer CD oder über Headphones zu hören bekommt. Jeder der schon mal eine Schallplatte gehört hat, kennt diesen unverwechselbaren Klang. Daher haben auch in letzter Zeit einige Hi-Fi (High Fidelity) Geschäfte, vor allem im Bezirk Neubau, aufgesperrt, die alten Schallplattenliebhabern oder jenen, die erst kürzlich auf den Genuss gekommen sind, helfen, ihren Plattenspieler wieder in Gang zu bringen, oder benutzte und neue Geräte an Kunden verkaufen. Einer der Geschäftsführer des Ladens Schallter Audio & Records meinte: „Klangqualität lässt sich mit Nahrung vergleichen. Es gibt Fast Food, vergleichbar mit schlechter Technik.“ Durch das alte und zugleich neue Medium der Schallplatte ist es möglich, wieder qualitativ Musik zu hören, ohne den Lärm der hupenden Autos oder die merkbar schlechtere Klangqualität billiger Kopfhörer.

Schallter
(c) Julia Grassinger

Vinyl in Wien

Neben den vielen Geschäften, die gebrauchte Schallplatten aus vergangenen Jahren verkaufen, wird auch heute wieder Musik in Form von Vinylplatten produziert. Auch Musikgenres, die eigentlich recht untypisch für die Vinylszene sind, erscheinen nun auf Platten. Als ich in den Sommerferien zum Beispiel zu einer Veranstaltung ins Fluc am Wiener Praterstern gehen wollte, konnte man vorab eine Schallplatte des österreichischen DJs Mefjus und freien Entritt gewinnen. Nicht nur Rockklassiker, sondern auch elektronische Musik wie Drum and Bass werden im Schallplattenformat nachgefragt und produziert, was wahrscheinlich daran liegt, dass nicht nur Leute aus jahrelanger Sammlerleidenschaft, sondern auch das junge Publikum wieder zur Schallplatte greift, die für manche ein ganz neues, jedoch altes, Medium darstellt. Generell ist das Interesse an Schallplatten in Wien hoch. Es gibt regelmäßig Vinyl und CD-Börsen, die veranstaltet werden, oder Workshops wie „Cut your own Vinyl“, bei denen man selbst ein Lied, oder für die gesanglich Unbegabten, zum Beispiel ein Gedicht, aufnehmen kann, und dieses danach in Vinyl gepresst wird.

Nichts wärt ewig

Während einige kritisch behaupten, dass die Schallplatte ein Lifestyleprodukt darstelle, das in einigen Jahren wieder vom Markt verschwinden wird, meinen andere, die Schallplatte wäre ein Medium, das nie so wirklich verschwinden werde. Doch bis dahin verbreitet die Schallplatte weiterhin ihren alten Retro-Charme und wir freuen uns über dieses erfrischende Aufleben der Vinylplatte, pusten den Staub von unserem alten Plattenspielern und stöbern ein wenig durch Wiens Schallplattenläden sowie Mamas und Papas Regale. Denn neben dem Hörerlebnis und dem unverkennbaren Geruch, ist es eine gute Sache, alte gebrauchte Schallplatten anstatt neu produzierten CDs zu kaufen. Außerdem können die jahrelangen Schallplattenliebhaber sich nun endlich wieder angstfrei zu ihrer Leidenschaft bekennen, ohne als in der Vergangenheit schwelgende Romantiker dargestellt zu werden.

Text und Bilder:  Julia Grassinger

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