Auf eine Tschick, oder doch lieber eine Line?

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Ich sitze in meiner Stammbar und probiere mich „normal“ zu verhalten. Ich bin etwas angetrunken, aber höre und sehe noch ausgezeichnet. Immer wieder verschwinden Jungs und Mädels aus meinem Freundeskreis auf den Toiletten und kommen deutlich verändert zurück… Ist das, was ich denke,  vielleicht wahr, oder haben sie alle einfach nur eine schwächere Blase als ich?

Es ist kein Geheimnis, dass fast jeder Zweite von uns schon einmal Marijuana ausprobiert hat und dass jeder Dritte es nicht bei dem einen Mal Ausprobieren belassen hat. Doch wie sieht es aus mit härteren, chemischen Drogen, wie Speed, Kokain oder EXTC ? Sind diese Stimmungsaufheller mittlerweile genauso üblich wie Gras?

 

Wie üblich sind „harte“ Drogen?

Meine beste Freundin kommt von ihrem Interrail-Trip zurück und berichtet mir, dass sie Kokain genommen hat. Sie meint: „Es hat sich  so ergeben, alle waren gut drauf und es ist halb so wild.“  Ich reagiere relativ gelassen, weil ich so etwas schon vermutet habe. Ein Junge aus unserem Freundeskreis rastet völlig aus, als er es erfährt und fragt uns, ob wir alle noch ganz dicht seien, dass wir so etwas „normal“ finden. Da fällt mir auf, dass ich es mittlerweile wirklich nicht mehr so schockierend finde, wenn Leute Drogen nehmen und frage mich, wann und wie ich zu dieser Toleranzhaltung  gelangt bin.


Wie alles beginnt

Wir alle haben schon einmal die Worte „Es ist doch eh nur Shisha“ gehört und  diese vor allem auch schon selber ausgesprochen.. Nun ja, das sagt man eben mit 13 Jahren zu seiner Mutter, wenn die einem  augenscheinlich „grundlos“ einen Vortrag über die Gefahren der Nikotinsucht und Abhängigkeit hält. „Mama wir rauchen doch nicht wirklich, außerdem schmeckt das nach Obst und riecht gut. Wir würden nie von Shisha Tabak auf normale Zigaretten
wechseln, die stinken doch, mach dir nicht unnötig Sorgen!“

Das Wort unnötig ist hier ein ganz essentielles! Mit 13 Jahren bist du dir sicher, dass das, was du da deiner Mutter sagst, auch der Wahrheit entspricht. Du denkst, deine Eltern reagieren einfach nur wie so oft über, doch in Wahrheit erkennen sie einfach schon früher etwas sehr Wichtiges, das du mit 13 noch nicht siehst.

Du konsumierst das erste Mal etwas in einer Gruppe, um dazuzugehören. Natürlich auch aus Neugierde – aber was treibt einen an, immer wieder mitzurauchen? Die Antwort auf diese Frage ist leicht! Es ist das Gefühl von Zusammengehörigkeit und Geborgenheit.

 

Ein paar Jahre später

Du bist nun um die 15 Jahre alt und ein Rebell! Die Pubertät ist voll da und nichts und niemand kann dir sagen, was du zu tun und zu lassen hast, denn du weißt es sowieso am Besten! Es gibt da diesen einen frühreifen Jungen in deiner Schule, der schon raucht. Es wird viel über ihn getratscht aber insgeheim zählt er zu den Top 10 der coolsten Schüler, und das weiß jeder. Ihr habt Freistunde und der coole Typ aus der Parallelklasse  hängt mit euch ab und raucht währenddessen eine. Deine Freunde fragen ihn neugierig, wie das denn schmeckt und er bietet euch allen eine Zigarette zum Probieren an. Du bist kein Spaßverderber und für alles zu haben, also sagst du auch hier nicht nein, greifst lässig nach der Zigarette und ziehst.

Es schmeckt grauenhaft, aber du hast es dir trotzdem noch schlimmer erwartet. Also beißt du durch und machst es deinen Freunden nach, die auch so scheinen, als hätten sie kein Problem mit dem Geschmack der Zigarette, und rauchst sie fertig.

Diese Freistunden-Treffen finden nun öfters statt und mittlerweile kaufst du dir schon dein eigenes Tschickpackerl.

 

 

Alkohol

Auch dieses Rauschmittel wird von dir und deinen Freunden nicht ignoriert. Ihr seid nun 16 und die erste große Homeparty steigt bei deiner besten Freundin. Die Musik ist viel zu laut, es sind viele Leute da, die ihr und die Gastgeberin selber gar nicht kennen. Das liegt daran, dass deine BFF einen älteren Bruder hat, der die sturmfreie Bude auch für eine Party nutzt. 

Du verstehst dich ganz gut mit den „älteren, cooleren“ Kids und sagst zu einem dir angebotenen Getränk nicht nein. Du willst doch nicht wie ein Baby dastehen. 

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Marijuana

Mittlerweile sind Homepartys etwas komplett Normales in eurem Freundeskreis und an den Wochenenden wird immer wieder fleißig getrunken. Ab und zu  gibt es auch schon den ein oder anderen alkoholbedingten „Absturz“. Beinahe jedem von euch ist es schon 1 oder gar mehrere Male passiert, dass er von zu viel Alkohol gekotzt hat, aber im großen und ganzen wisst ihr, wo eure Grenzen sind. 

Doch wie steht es mit Mischkonsum? 

Klar, die Fälle vonwegen „ups ich habe davor eine Parkemed genommen, weil ich noch nicht ganz gesund bin, und jetzt reicht mir ein schwacher Spritzer, um richtig gut bedient zu sein völlig“ kennen wir doch alle. Aber was passiert, wenn wir nun zu einem Rauschmittel ein weiteres hinzufügen? 

Du bist mit deinen Freunden in eurer Stammbar und die Hälfte der Leute, die an eurem Tisch sitzen, sind sogenannte Kiffer. Das ist überall bekannt und auch weiters nicht schlimm, dadurch sind sie ja keine weniger wertvollen Menschen. Sie fragen dich, ob du mitrauchen willst. Du wurdest davor noch nie gefragt und sagt, du überlegst es dir noch..  gehst mal mit vor die Tür.. Der Joint wird angeraucht und der Reihe nach weiter gegeben. Da du auch in dem Kreis stehst, hast du ihn plötzlich in der Hand und denkst einfach mal nicht drüber nach.

Du ziehst genau so oft daran, wie es die anderen getan haben ( du rauchst ja auch gelegentlich Zigaretten, also ist das kein Problem für dich) und gibst ihn dann rasch weiter, jedoch merkst du kaum etwas….Der Ofen ist nun fertig und ihr geht zurück an euren Tisch. Plötzlich dreht sich alles und dein Gesicht fühlt sich seltsam an. 

Vom Rest des Abends muss ich dir nicht erzählen, da er wirklich nicht mehr erzählenswert wird…


Was hast du daraus gelernt ?

Absolut gar nichts ist die Antwort! Auch du möchtest jetzt wie die anderen Mischkonsum kontrollieren können ohne gleich „Meier“ zu gehen. Also übst du dich darin und wirst bei jeder Gelegenheit auf Gras aufmerksam und rauchst ein paar Züge mit. Bald hast du´s raus und findest deinen Gefallen daran. Deine engen Freunde machen es jetzt dir nach und ehe ihr euch verseht, habt ihr schon die ersten 10 Euro an den Dealer eures Vertrauens verloren.

 

Festival – Time

Nach ewigem Hin und Her mit deinen Eltern darfst du nun endlich dein erstes Festival besuchen. Du und deine Freunde haben vor, 4 Tage dort zu campen und sich auf keinen Fall  irgendeinen Spaß  entgehen zu lassen! 

Ihr seid mittlerweile den zweiten oder vielleicht auch schon den dritten Tag dort. Du kannst es nicht genau sagen,
da dein Zeitgefühl in dem Moment verloren gegangen ist, als ihr euch nach dem Zeltaufbau den ersten Joint angeraucht habt. Die Atmosphäre ist ein wahrer Traum. Es wird ständig Musik gespielt, von irgendwoher hört man immer wieder Menschen lachen und die Sonne scheint. Du sitzt in deinem Camping-Sessel und bist einfach nur glücklich und zufrieden.

Du und deine Freunde schauen sich zwischendurch immer wieder die unterschiedlichsten Acts an und ihr gebt alles auf der Tanzfläche – aber eigentlich seid ihr nicht einmal wegen der Musiker da, sondern hauptsächlich wegen der geilen Stimmung am Campingplatz. 

Ihr seid mittlerweile gut befreundet mit euren Zeltnachbarn und habt euren Campingsessel – Sitzkreis zu einer noch größeren, noch lustigeren Runde erweitert. Die 5 neuen bringen etwas frischen Wind herein. 

Eines Abends sitzt du mit 2 deiner Zeltnachbarn draußen am Fluss. Ihr seid stoned und redet über einfach alles. Die Sonne geht langsam unter und ihr versteht euch prima. Auf einmal beginnen die zwei zu tuscheln und du fragst neugierig, was denn los sei ? Es stellt sich heraus, die beiden sind am Überlegen, ob sie vor dem nächsten DnB – Konzert EXTC einwerfen sollten… Du fragst nach: „Okay,.. und woher wollt ihr das bekommen? Denkt ihr nicht, dass das vielleicht ein bisschen übertrieben ist?“ Die beiden Jungen lachen dich nur an und erklären dir, dass das bei ihnen in Tirol nicht so unüblich sei und sie sogar etwas mit hätten. Sie erklären dir kurz die Wirkung und erzählen von ihren abgefahrenen und lustigsten Trips, die sie im Laufe ihres Lebens auf Drogen gemacht haben. 

Nach eine Stunde voller abgedrehter Geschichten fragen sie dich, ob du dabei wärst bei EXTC. 

So gut hast du dich noch nie zuvor in deinem Leben gefühlt. Ob du andere Drogen wie Speed und Kokain also auch zu Unrecht verworfen hast? Wer weiß, solltest du bei der nächsten Gelegenheit vielleicht auch da nicht den Schwanz einziehen und weiterhin immer offen für Neues bleiben…..


 

Fazit

Ich denke viele von uns lesen sich diesen Text durch und fühlen sich dabei nicht unangesprochen. Wieso ich hier eine doppelte Verneinung nehme, fragen Sie sich? Weil „angesprochen“ etwas hart klingt bei diesem Thema. 

Ich gebe es selber zu: dieser Blog ist ein eigener Erfahrungsbericht. Zwar bin ich nicht die Hauptperson in dieser Story, aber manche Freunde von mir können sich sehr wohl mit einigen der Geschichten/Rollen identifizieren.

Ich habe Ältere zu dem Thema Drogen befragt: „Karten auf den Tisch, wie war das damals in eurer Jugend?“ 

Die Antworten waren harmlos. Ein paar hatten eine Vergangenheit mit Marijuana oder haben noch immer eine On-Off-Beziehung dazu, jedoch wurde kaum ein Wort über härtere Drogen verloren. Es scheint, dass die vorige Generation zwar auch ihre Eskapaden und Verrücktheiten gelebt hat. Abgesehen von Alkohol und Zigaretten waren für den Großteil aber offensichtlich Drogen wie Marijuana, Kokain oder LSD kein großes Thema. Und auch die Verfügbarkeit von Drogen hat sich drastisch verstärkt. Man bedenke nur, dass man heutzutage selbst Cannabis kaufen und anpflanzen könnte.     

Unsere Welt entwickelt sich weiter, alle wollen immer schneller, besser, klüger und und und werden. Der Druck auf die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft steigt stetig. Das beginnt bereits in der Volksschule, setzt sich fort bis zur Matura und auch im Berufsleben fühlen sich viele wie in einem Hamsterrad. Burnout ist auch ein relativ neues Phänomen. Der Wunsch, diesem Druck zu entfliehen bzw. auf der anderen Seite, Substanzen zu konsumieren, die die Leistungsfähigkeit erhöhen, kann durchaus dazu führen, dass die Hemmschwelle gegenüber solchen Dingen immer mehr sinkt. Auch wenn man Sucht so definieren möchte, dass ihr Sinn darin liegt, unangenehme Gefühle zu vermeiden und – wenn auch nur kurzfristig – angenehme Gefühlszustände zu erlangen, ist es kein Wunder, dass viele Menschen nicht davor Halt machen, das ein oder andere auszuprobieren. Generell hat sich auch die Toleranz aufgrund der Weltoffenheit in vielerlei Hinsicht vergrößert. Die Akzeptanz der unterschiedlichen Sexualität schreitet ebenfalls weiter fort. Und auch bewusstseinsverändernde Substanzen sind wie vieles andere kein so ein großes Tabuthema mehr, wie es noch vor 2 oder 3 Jahrzehnten der Fall war.

Ich denke, dass die heutige Generation einen weitaus entspannteren Bezug zu Drogen aller Art hat, als die davor.

 

 

Text: Marina Fuchshumer

Fotos: Marina Fuchshumer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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