Arte Suave – Selbstverteidigung made in Brasil

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Bereits im Stiegenhaus schlägt mir ein bekannter Geruchscocktail entgegen. Obwohl er getrost als zumindest „gewöhnungsbedürftig“ bezeichnet werden kann,  löst er in mir ein Gefühl der Vertrautheit und Vorfreude aus. Der Geruch von dem ich spreche ist ein patentierter Mix aus Schweiß, Hormonen, erhitzten Gummimatten, und Reinigungsmittel. Für viele mag diese Kulisse erst einmal befremdlich wirken, doch für mich sowie für viele andere weltweit ist sie aus dem Tagesablauf eigentlich nicht mehr wegzudenken.  Sportbegeisterte dürften es bis jetzt schon erraten haben, ich berichte vom Besuch im Fitnessstudio. Genauer genommen nicht in irgendeinem Fitnessstudio sondern im Kampfsport-Gym.

Anlass dazu gab ein Spaziergang durch einen Park vor einigen Monaten. Zu später Stunde war es bereits recht dunkel und die Freundin eines Freundes meinte, sie wäre froh „da jetzt nicht alleine durch zu müssen“.  Sie erzählte, dass sie sich oft unsicher fühlte, spät nachts in der Öffentlichkeit nicht die Möglichkeit hätte, sich frei und uneingeschränkt zu bewegen und  allgemein häufig auf unangenehme Weise ihre rein physische Unterlegenheit gegenüber der Mehrheit der Männer aufgezeigt bekommen würde. Im Gespräch erzählte ich ihr von einer Möglichkeit ihr Problem zu lösen. Seit einiger Zeit betreibe ich nun nämlich Brazilian Jiu-Jitsu, eine Kampfsportart die sich spezifisch auf den Kampf am Boden konzentriert, und wie der Name schon sagt aus Brasilien stammt. Sie erklärte sich bereit, mich demnächst zum Training zu begleiten um gemeinsam herauszufinden, ob wir ihr grundsätzliches Sicherheitsgefühl im Alltag verbessern können.

Das von der szeneintern berühmten Gracie-Familie entwickelte, Brazilian- oder auch Gracie Jiu-Jitsu ist eine aus dem späten 20. Jahrhundert stammende Weiterentwicklung des traditionellen japanischen Jiu-Jitsu, der Kampfkunst der Samurai.
Es basiert im wesentlichen auf der Annahme, dass so gut wie jeder unbewaffnete Kampf zwischen zwei Kontrahenten früher oder später im sogenannten Clinch (siehe Foto) oder am Boden endet.  Daher sucht man im Jiu-Jitsu gezielt eben diese Positionen. Es verzichtet auf jegliche Tritt- oder Schlagtechniken, und verlässt sich lediglich auf das Kontrollieren des Gegners durch gezielte Griff- Hebel- und Würgetechniken, weshalb es auch die „Arte Suave“, zu Deutsch „sanfte Kunst“, genannt wird. BJJ trainiert den Körper ganzheitlich. Abgesehen von allgemeiner Ausdauer werden unter anderem Kraftausdauer, Explosivkraft und Koordination gefördert. Aber abgesehen von den gesundheitlichen Vorzügen regelmäßiger Bewegung gibt es einige Gründe, warum sich gerade BJJ als Selbstverteidigungssystem eignet.

Foto: © Max Talbot-Minkin:  „The Clinch“ https://www.flickr.com/photos/maxtm/

Das „Sparring“, wie der Trainingskampf zu Übungszwecken im Kampfsport heißt, wird beim BJJ umgangssprachlich „Rollen“ gennant , was daher kommt, dass es für das untrainierte Auge durch den rein am Boden stattfindenden Kampf so aussehen kann, als würden die Kontrahenten tatsächlich aufeinander rollen. Es ist einer der Gründe, warum sich BJJ ausgezeichnet als Methode zur Selbstverteidigung eignet. Durch das Ausbleiben sämtlicher „harter“ Techniken, wie z.B. Schläge, kann bei jeder Trainingseinheit sehr intensives Sparring geübt werden. Dadurch gewöhnen sich die Sportler daran, die geübten Techniken unter hohem Druck noch ausführen zu können.

Die „Full Guad“ 
Foto: © Stjepan Dzidzic

Das Aufgeben, in zum Beispiel einem Würgegriff, wird durch simples Abklopfen signalisiert und man beginnt erneut. Auch in gefährlichen Situationen ist man so in der Lage geübte Bewegungsabläufe noch abzurufen, weil man daran gewöhnt ist sie unter simuliertem Druck auszuüben.

Ein zweiter Punkt, der für Brazilian Jiu-Jitsu als Methode zur Selbstverteidigung speziell für Frauen spricht, ist der Fokus auf die sogenannte Guard-Position. In dieser Position kontrolliert man den Körper eines Angreifers, indem man seine Beine um dessen Hüften fixiert, sowie die Möglichkeit hat Oberkörper und Arme durch Griffe zu kontrollieren (siehe Bild). Aus dieser Position hat ein erfahrener BJJ- Athlet mehre Variationen von Gelenkhebeln oder Würgegriffen, mit denen er seinen Gegner zur Aufgabe zwingen kann. Die sogenannte „Full Guard“, sowie zahlreiche verschiedene Variationen sind ein zentrales Element im Brazilian Jiu-Jitsu.  Man lernt mit einem Gegner auf einer Distanz zu agieren, für die viele andere Selbstverteidigungs- und Kampfsportsysteme keine Lösung mehr bieten. Auf dem Rücken liegend mit dem Gegner zwischen den eigenen Beinen.

Soweit zur Theorie, doch funktioniert das alles tatsächlich so? Fühlt man sich im Alltag wirklich sicherer? Um das herauszufinden, wird meine oben erwähnte Bekannte Marion mit mir gemeinsam trainieren und wir werden uns über die Entwicklungen austauschen. Die anfängliche Begeisterung für das Projekt kippt bereits in der ersten Einheit, als Marion schon während dem Aufwärmen schmerzlich vor Augen geführt wird, wie es um ihren allgemeinen Fitnesszustand steht.  Doch sie nimmt es sportlich, sieht das Training als Möglichkeit Defizite aufzuholen – die richtige Einstellung. In den kommenden Wochen mangelt es nicht an Disziplin. Wir trainieren dreimal die Woche und anfängliche Ausdauerschwächen fallen bald kaum mehr ins Gewicht. Marion lernt die Basics schnell, Bewegungstalent hilft, aber Erfolge im Sparring bleiben aus. Ich versuche ihr klarzumachen, dass das vollkommen normal ist. Für BJJ – Quereinsteiger ist es anfangs wahnsinnig schwierig das Gelernte in Situationen unter Druck tatsächlich umzusetzen, zumal oft kleine Details über den Erfolg entscheiden können. Außerdem hat man es zu Beginn eben fast ausschließlich mit geübteren und erfahreneren Sparringpartnern zutun. Wir bleiben am Ball.

Foto: © Carlos Maia BJJ Academy

Nach vier Wochen beschließen wir aufgrund der Ferien das Training auf vier Einheiten pro Woche hochzuschrauben. Marion scheint Blut geleckt zu haben. Das freut mich, denn nur was man gern macht, macht man gut. In der zweiten Woche mit vier Einheiten ergibt sich jedoch ein neues Problem: Marion berichtet mir, dass sie sich seit neuestem untertags oft müde fühlt und nur noch wenig Motivation für Sport hat. Womöglich Übertraining – das bedeutet, dass der Körper nicht mehr in der Lage ist zwischen den Sporteinheiten genug Regenerationszeit zu finden. Gemeinsam schauen wir uns die beiden wichtigsten Faktoren Ernährung und Schlaf an. Ab jetzt sind siebeneinhalb Stunden Schlaf pro Nacht Pflicht. Proteinreiche Ernährung mit ausreichend wertvollen Fetten soll dem Körper ab jetzt alles liefern, was er braucht um optimal zu funktionieren. Außerdem pausieren wir unser Experiment für zehn Tage, passenderweise über die Weihnachtsferien, um Marion die Zeit zu geben sich vollständig zu regenerieren. Im Jänner wollen wir frisch durchstarten.

Bis jetzt kann Marion leider nicht direkt davon berichten, sich sicherer im Alltag zu fühlen. Nach eigener Aussage traut sie sich selbst noch nicht zu, die Bewegungsabläufe in einer tatsächlich gefährlichen Situation unter Druck umzusetzen.  Irgendwie verständlich in Anbetracht dessen, dass diese Kampfkunst von Menschen oft Jahrzehnte praktiziert wird. Mit dem Wissen um Möglichkeiten kommt auch das Bewusstsein für alles, was man falsch machen könnte. Zwei Monate waren zu kurz. Das Training hatte jedoch einige positive Nebeneffekte: Sport jeglicher Art ist bekanntlich gut für uns. Marion hat in etwas über zwei Monaten über sieben Kilogramm abgenommen und fühlt sich wohl. Am Anfang kostete ihr das Training noch viel Energie, mittlerweile berichtet sie, dass sie sich darauf freut und es sie ausgleicht. Sie ist deutlich fitter geworden. Im Gespräch meinte sie scherzhaft, dass 2018 das erste Jahr sei, in  dem sie mit ihren Vorsätzen schon im Vorhinein begonnen hat. Vielleicht ist das ja der Schlüssel zum Erfolg.

Ganz will ich mich mit diesem Ergebnis jedoch noch nicht zufrieden geben. Wenn die Zeit zu kurz war, um tatsächliche Fortschritte zu erzielen muss ich mit Menschen sprechen, die schon mehr Zeit investiert haben. Mir geht es aus gegebenem Anlass konkret um den Nutzen von Brazilian Jiu-Jitsu für Frauen, also habe ich mich gezielt auf sie konzentriert. Fast alle bestätigen, was ich mir schon gedacht habe. Alleine zu wissen wozu man gegebenenfalls im Stande ist, kann in potenziell gefährlichen Situationen die notwendige Ruhe verleihen. Interessant ist auch wie viele Frauen mir berichten gezielt aus diesem Grund mit dem Training gestartet zu haben. Viele von ihnen haben im BJJ nicht nur die Lösung für ihr Problem gefunden, sondern auch ein Hobby fürs Leben. Einen Versuch ist es in jedem Fall wert.

von Michael Suntinger

Brazilian Jiu Jitsu in Wien: Roger Gracie Academy ViennaRGA auf Facebook

 

 

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