ARBEITSLOS? – Wen kümmerts?

geposted am


Essen mit Stil und gutem Zweck – Willkommen in der KANT_INE VIER ZEHN! Ein Projekt mit Zukunft, für die Zukunft.

Geht man die Goldschlagstraße entlang, so sticht einem das rosa-rot gestrichene Haus sofort ins Auge: Die Sargfabrik. Teil davon, ein niedlich aussehendes Beisl gleich beim Eingang des Gebäudekomplexes. Als ich eintrete umfängt mich augenblicklich Wärme und der angenehme Duft von frischem Kaffee. Das Restaurant ist groß und hell, Jutebeutel und Stofftiere hängen von der Decke und verleihen dem Raum eine verspielte Fröhlichkeit. PR-Verantwortliche Martina und die beiden Kellnerinnen Sabine und Szilvi erwarten mich bereits. Kurz darauf taucht auch Manon, die Koordinatorin des Lokals, hinter dem Tresen auf und begrüßt mich überschwänglich. Schnell werde ich von meinem Mantel befreit und mit einem dampfenden Caffè Latte vor der Nase an einen Tisch gesetzt.

Wir befinden uns in der KANT_INE VIER ZEHN, einem gewöhnlich wirkenden Restaurant, aber genauso wie seine Kellnerinnen Sabine und Szilvi ist die KANT_INE VIER ZEHN etwas Besonderes. Der Grund? Die KANT_INE VIER ZEHN gehört zur KÜMMEREI, einem Projekt das, als Teil der Organisation Job-TransFair, am Arbeitsmarkt Benachteiligten wie den beiden Kellnerinnen eine Chance auf einen neuen Start gibt.

Die KANT_INE VIER ZEHN

Hausmannskost, wie bei der Oma. Alles aus biologischem Anbau, ohne Glutamat und natürlich alles handgemacht. Das ist das Geheimnis der KANT_INE VIER ZEHN, die seit ihrer Gründung im Jahr 2015 in einer engen Symbiose mit dem Wohn- und Kulturprojekt Sargfabrik existiert. Das 14-köpfige Team besteht aus zwei Arbeitsanleiter/innen, einer Koordinatorin und elf Arbeitslosen. Sie übernehmen alle Aufgaben, die mit einem vollen Bauch zu tun haben: Von der Bemannung der Bar bei Veranstaltungen der Sargfabrik, bis zu der Versorgung von Seminarteilnehmer/innen, Kindergartenkindern und Architekturstudent/innen, die die Sargfabrik besichtigen. Dank Förderungen des AMS Wien muss das Restaurant lediglich 20% seiner Ausgaben zurückerwirtschaften, denn das Augenmerk liegt bei diesem Restaurant nicht auf dem Geld, sondern auf dem guten Zweck!

Als Zweigstelle der KÜMMEREI ist es das Ziel der KANT_INE VIER ZEHN, am Arbeitsmarkt Benachteiligte dabei zu unterstützen wieder in den Arbeitsalltag zurückzukehren. Dazu bietet sie Interessierten ein sechsmonatiges Training-on-the-Job. Der Erfolg des Projekts spricht für sich: 80% der Trainingsangestellten gelingt es nach dem Training innerhalb eines Jahres eine feste Anstellung zu finden. Ungefähr jede/r Dritte kann diesen Job auch halten!

Szilvi und der Traum vom Fashion-Café

„Es war ein Traum! Den ganzen Tag nur Mode, Mode, Mode“, erzählt mir die 46-jährige Szilvi über ihre ehemalige Anstellung in ihrem Heimatland Ungarn. Zehn Jahre hat sie dort als Designerin gearbeitet. 2013 verlor das kleine Unternehmen schließlich seinen Kampf gegen die Finanzkrise: Es musste schließen und die junge Designerin war arbeitslos. Um sich selbst und ihren Sohn erhalten zu können, nahm die Szilvi das Angebot einer Freundin an, die in Wien ein kleines Kaffeehaus betrieb. Dort als Kellnerin angestellt, verbrachte Szilvi vier Jahre, bis auch dieser Betrieb schließen musste – wieder stand Szilvi ohne Arbeit da.

Das folgende Jahr beschreibt die ausgebildete Designerin als niederschmetternd und frustrierend: „Ich suche immer [nach Arbeit] und möchte [Arbeit] machen, aber immer schließt sich eine Türe zu.“ Mit Hilfe ihres Job-TransFair Beraters versuchte sie eine Anstellung in der Modebranche zu finden – erfolglos. Szilvi sei wegen ihrer unzureichenden Deutschkenntnisse keine Option. Mir gegenüber erklärt sie, dass sie nun in einer Sackgasse stecke: Das AMS würde nur Deutschkurse bis zum Level B1 anbieten.

Auf den Ratschlag ihres Beraters hin bewarb sich Szilvi bei der KANT_INE VIER ZEHN als Kellnerin. Heute, erklärt sie mir ein wenig schüchtern, startet ihre dritte Woche hier in der KANT_INE VIER ZEHN. Natürlich sei die Gastronomie nicht genau das, was sie sich für den Rest ihres Lebens wünsche, gibt die 46-Jährige zu. Eine Arbeit zu haben sei jedoch momentan das Wichtigste. Nach kurzem Überlegen fügt sie dann lächelnd hinzu: „Sabine ist [eine] wunderschöne Frau, super. Sie ist eine richtige Gastronomiefachfrau, da kann ich viel lernen.“ Selbst wenn die Arbeit manchmal stressiger ist, Szilvi hat ihren ganz eigenen Traum, der ihr hilft weiterzumachen: Ein eigenes, kleines Geschäft, das zur Hälfte Café und zur Hälfte Boutique ist. Ich persönlich wünsche ihr, dass dieser Traum eines Tages wahr wird!

Sabine mit dem „falschen“ Geburtsdatum

„Das ist jetzt nicht schönreden, oder irgendwas!“, fügt Sabine hinzu, nachdem sie mir mit strahlenden Augen ihre Tätigkeit als Kellnerin in der KANT_INE VIER ZEHN geschildert hat. Die 59-Jährige hat hier, nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit eine neue Aufgabe, ja vielleicht sogar ein zweites Zuhause gefunden.

Ihr halbes Leben arbeitete die gebürtige Wienerin als ausgebildete Kellnerin im Gastgewerbe – Auszeiten nahm sie sich lediglich, um ihre sechs Kinder großzuziehen. Als sie im Jahr 2016, mit 57 Jahren ihren Job verlor, blieben die Jobangebote aus. Trotz ihrer langjährigen Erfahrung und der Unterstützung von Job-TransFair blieben ihre Bewerbungen erfolglos. Ohne Arbeit, war Sabine gezwungen zwei Jahre lang zunächst vom Arbeitslosengeld und später von der Notstandshilfe zu leben. Lächelnd erzählt mir die sechsfache Mutter, wie ihre Familie es ihr in diesen zwei Jahren ermöglichte dem Tief der Langzeitarbeitslosigkeit zu entkommen.  Speziell ihr einjähriger Enkel Jayden, hätten sie in diesen Jahren auf Trab gehalten.

Heute vermutet Sabine, dass sie aufgrund ihres Alters von Anfang an kaum Chancen auf eine Neuanstellung hatte: „Weil ich gewusst hab das [mit dem Job] wird nicht funktionieren, egal wie viele Bewerbungen ich schreibe, ich mein die  schauen auf das Geburtsdatum und …naja. Also es ist schwer mit 59 noch eine Arbeit zu finden“. Voller Stolz erzählt mir Sabine, dass sie von sich aus vorgeschlagen hatte sich bei der KANT_INE VIER ZEHN zu bewerben – und siehe da: es funktionierte! Zwar muss sich ihre Familie wieder daran gewöhnen, dass „Mama“ nicht jederzeit zur Stelle ist, dafür geht Sabine jeden Tag aufs Neue gerne zur KANT_INE VIER ZEHN, zu IHRER Arbeit als Kellnerin.


Am Boden der Tatsachen

Wie Szilvi und Sabine sind tausende Österreicher/innen (Nov. 2018: 376.636 Personen inkl. Schulungsteilnehmer/innen; AMS) von Arbeitslosigkeit betroffen. Vor allem für Personen jenseits der 50, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen und unzureichender Ausbildung, kann eine kurze Periode als Arbeitslose/r schnell zu etwas viel Gefährlicherem werden: Langzeitarbeitslosigkeit.

Depressionen, erhöhte Aggressivität und soziale Ausgrenzung sind sind nur einige der Nebenwirkungen, die Langzeitarbeitslosigkeit so gefährlich machen. Dazu kommt noch für viele Langzeitarbeitslose das immer größer werdende Loch in der Geldbörse. Was sagst du? Würdest du mit 950 € pro Monat auskommen? Vermutlich ginge sich das gerade noch so aus. Aber wie sieht es mit 752,10 € aus?

Tatsache ist: Genau das ist die Realität der Österreicher/innen, die von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen sind. Das durchschnittliche Arbeitslosengeld in Österreich beträgt momentan 950,70 € und die Notstandshilfe 752,10 € pro Monat. Was die türkis-blaue Koalition mit ihrer geplanten Reform zu Mindestsicherung und Arbeitslosengeld noch verändern wird bleibt abzuwarten.


Mehr als nur ein Job

KANT_INE VIER ZEHNManon Klein-Neuer ist als Koordinatorin eine der wenigen Festangestellten in der KANT_INE VIER ZEHN. Die 48-jährige hat einen bewegten beruflichen Werdegang hinter sich. Nun hat sie endlich ihren Platz gefunden: Als Koordinatorin ist Manon schon seit Anbeginn der KANT_INE VIER ZEHN dabei.“ Die Kombi ist irrsinnig super, weil ich hab eigentlich alles was ich wollte: Ich hab den administrativen Teil, ich hab das Training der Angestellten […] und der soziale Bereich.“, schwärmt sie. Manon beschreibt ihren Beruf als fordernd, aber erfüllend. Ihre Hauptaufgabe sei zwar eigentlich die Vermittlung zwischen Leitung und Arbeitsanleitern, trotzdem arbeitet sie auch intensiv mit den Trainingsangestellten zusammen. Sie betont wie wichtig Empathie beim Arbeiten mit ihren Trainingsangestellten ist, die sich oftmals in unangenehmen Situationen befinden, aus denen sie alleine nicht mehr herausfinden.

Dabei sei es unwichtig, ob die Person tatsächlich weiter in der Gastronomie bleiben möchte, oder eigentlich einen komplett anderen Beruf anstrebt, erklärt mir Manon. Wichtig sei ausschließlich, dass die Person die notwendige Struktur bekommt, um ihr Leben zu ordnen und Initiative zu zeigen.

„Man sieht schon auch wie wichtig Arbeit für die Menschen ist […] Man merkt was Arbeit, eine Struktur, ein Arbeitsablauf bei den Menschen so bewirkt. Und wenn natürlich ein Job dabei auch noch rauskommt ist das super, super schön.“

An diesem Punkt werden wir von einem lauten Bass unterbrochen: „LALALALALALAAA“. Als Antwort auf meinen verdutzten Blick lacht Manon laut und erklärt: “Solange mein Arbeitsanleiter singt, ist alles super!“ Generell wird schnell deutlich, dass Manon eine enge Beziehung zu ihren Kolleg/innen hat und ihren Job als mehr als eben nur einen Job sieht.

Komm doch mal vorbei!

Die Interviews sind beendet. Mich persönlich hat die KANT_INE VIER ZEHN und das gesamte Projekt der KÜMMEREI hiermit offiziell überzeugt. Für mich bleibt nurnoch schnell zurück in den Mantel zu schlüpfen, raus aus der angenehmen Wärme des Restaurants zu huschen und Good-bye zur Goldschlagstraße zu sagen.

Auch wenn  Entwicklungen, wie die jüngste Kürzung des AMS-Budgets durch unsere Regierung der KANT_INE VIER ZEHN in Zukunft noch einige Hindernisse in den Weg stellen könnten, bin ich zuversichtlich, dass ein Projekt wie dieses sich weiter durchsetzt. Warum? Weil man hier in der KANT_INE VIER ZEHN Leute findet, die ihren Arbeitsplatz lieben und und allen Hindernissen zum Trotz auf dem Weg in eine neue Zukunft sind, und „das ist jetzt nicht schönreden, oder irgendwas!“. Also komm auf einen Kaffee, ein Mittagessen, oder einfach nur ein nettes Gespräch vorbei, die Türen der KANT_INE VIER ZEHN stehen euch Montag bis Freitag von 9:00-22:00 offen.

Auf bald KANT_INE VIER ZEHN!

Noch Fragen? Mehr Infos unter:

Die Kümmerei & Job-Trans_Fair

By: Sophia Hannes

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das:

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen