Das „Schtetl“ von Wien – jüdisches Leben in Wien

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Wenn ihr auf der Taborstraße im 2. Bezirk entlang lauft, fällt euch auf den ersten Blick nichts Besonderes auf. Eine Hauptstraße, wie jede andere. Oder doch nicht ?

Jüdisches Leben in Wien

Das jüdische Leben in Wien lebt und existiert und die Taborstraße ist das Herz des jüdischen Lebens. Auf ihr und um sie herum gibt es alles, was man für den Alltag als religiöser Jude braucht.  In den Medien werden Juden kaum dargestellt und wenn ja, dann in den US-amerikanischen Medien. Dort sieht man dann Männer in Anzügen mit Hüten, Bärten und Schläfenlocken. Doch sollten wir uns alle  bewusst sein, dass es jüdische Menschen aller Nationalitäten und jedes Aussehens geben kann und man es den meisten sicherlich nicht am Äußeren ansieht.  Einige religiöse Juden, auch (ultra-)orthodox genannt, entscheiden sich dafür, auch im Alltag immer Hut und Anzug zu tragen, doch dies ist keine Voraussetzung dafür, religiös zu leben. Hingegen sieht man religiöse Frauen und Mädchen fast immer in Röcken.

Der Alltag

Doch was bedeutet eigentlich Alltag?  Religiöse Juden leben nach den Gesetzten der Tora, diese nennt man Halacha. Dieser jüdische Rechtskodex wurde von vielen Gelehrten und Rabbinern im Laufe der Zeit ausgelegt und niedergeschrieben und entspricht den Verhaltensregeln, die alle Aspekte des Lebens abdecken.

Essen ist ein großer Bestandteil des Lebens, es gibt uns die nötige Energie für jeden Tag.  Aus der Tora ergeben sich bestimmte Gesetze darüber, welche Lebensmittel gegessen werden dürfen. Diese Gesetze nennt man Kaschrut und um sich koscher zu ernähren, muss man so einiges beachten.

 

Essen? Ja, aber bitte koscher!

Die Torah schreibt vor, dass das jeder jüdische Mensch sich koscher ernähren muss. Die einzelnen Details, die koscheres Essen ausmachen, sind vielseitig und sehr komplex. Um euch den Begriff koscher vereinfacht zu erklären, folgen die zwei bekanntesten Beispiele: Milch- und Fleischprodukte werden strikt getrennt. Sie dürfen nicht zusammen zubereitet und gegessenwerden. Daraus ergibt sich, dass  es zwei Geschirrsets in der Küche gibt und man nach dem Verzehr von Fleisch eine bestimmte Zeit abwarten muss, bis wieder Milchiges gegessen werden darf. Außerdem darf nur das Fleisch bestimmter Tiere gegessen werden; diese müssen gespaltene Hufe haben und Wiederkäuer sein. Beispiele für koschere Tiere sind: Rind, Schaf und Ziege. Beim Geflügel sind unter anderem Huhn, Truthahn und Ente erlaubt, jedoch sind alle Raubvögel verboten.

Hört sich unglaublich kompliziert an? Ist es auch! Aber für jene, die sich damit täglich beschäftigen, ist es Routine und kaum ein Problem.

 © Sarah Feldman
Beispiele für Label auf Produkten, die den Koscher-Status erkennen lassen. © Sarah Feldman

Und wo kriege ich jetzt bitte koscheres Essen her?  Es gibt direkt auf der Taborstraße und in den Querstraßen drei koschere Supermärkte; dort sind alle Lebensmittel, vom Käse über die Kekse und Schokolade bis hin zu den Konserven koscher. 

Das bedeutet, dass die Lebensmittel in Fabriken produziert wurden, in denen keine verbotenen Produkte und Zusatzstoffe benutzt werden und dass ein Rabbiner die Produktion kontrolliert hat. Kontrollierte Produkte erkennt man an einem Zertifikat, das häufig auf der Verpackung gedruckt wird. Doch auch in den gängigen Supermärkten in der Stadt gibt es viele Produkte, die erlaubt sind. Frisches Obst und Gemüse sind eigentlich immer koscher und in den Supermärkten gibt es einige Produkte, die zwar kontrolliert werden, aber kein Label auf der Packung haben. Dazu gehören beispielsweise Nudeln von Barilla, Bonbons von Ricola und viele Sorten von Rauch-Säften.  Solche Produkte ohne Kennzeichnungen werden von dem kontrollierenden Rabbiner in einer Liste veröffentlicht.

Mehr koscher….

Des Weiteren gibt es rund um die Taborstraße noch einiges zu entdecken:

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Und ja, diese Einrichtungen sind alle koscher! Es gibt sogar noch einige mehr!Wer sich die Schilder der Bäckerei Prego und der Vinothek mal genauer anschaut, dem fällt vielleicht etwas auf: Hebräische Schrift neben beziehungsweise unter dem Namen des Betriebes. Es ist ein Hinweis darauf, dass diese Läden koscher sind und genau das steht dort auf Hebräisch auf dem Schild!

Das Gebet

Gebetet wird drei Mal täglich, jedoch sind nur die Männer dazu verpflichtet. Die Frauen hingegen dürfen,  müssen aber nicht beten. Es gibt das Morgengebet, genannt Schacharit, das Mittagsgebet, Mincha, und das Abendgebet Maariw. Die Gebetszeiten richten sich nach dem Stand der Sonne.

Grundsätzlich darf fast überall gebetet werden, dabei werden aber auch in den Synagogen zu festgelegten Zeiten gemeinsame Gebete organisiert. In Wien gibt es viele aktive Synagogen, in denen sich die Vielfalt der Herkunftsländer der verschiedenen jüdischen Menschen widerspiegelt.

An den meisten Synagogen würdet ihr auf der Straße einfach vorbeigehen, ohne diese zu bemerken. Denn einige davon befinden sich in Wohnhäusern. So ist auch das Chabad Haus von außen erst erkennbar, wenn man direkt davorsteht.

Synagogen sind nicht nur zum beten da

© Chabad Haus Wien
Chanukia am Stephansplatz © Chabad Haus

Synagogen sind auch ein Treffpunkt, einige haben auch Räumlichkeiten, die man für Feiern nutzt. So gibt es auch anlässlich von Feiertagen, abgesehen von den dazugehörigen Gebeten, Veranstaltungen.

 

Zum diesjährigen Chanuka Fest, dem Lichterfest, hat das Chabad Haus eine öffentliche Entzündung der Chanuka-Lichter am Stephansplatz koordiniert. Am Chanuka-Fest entzündet man acht Tage lang Lichter an einem achtarmigen Leuchter, der Chanukia genannt wird.

 Das Zünden soll eine Erinnerung an das Channuka-Wunder sein. Der heilige Tempel in Jerusalem wurde von den griechischen Besatzern entweiht und geplündert. Die Makkabäer waren in der Unterzahl und gewannen den Krieg gegen die Griechen.  Zurück im Tempel fanden sie nur ganz wenig Öl vor, das nicht entweiht wurde und durch ein Wunder acht Tage lang brannte.

Chanuka Leuchter (Chanukia) © Sarah Feldman

Durch das Zünden an Orten, die von anderen Menschen gesehen werden können, soll das Wunder auch heute bekannt gemacht werden. Deshalb zünden viele jüdische Menschen ihre Leuchter zu Hause auf dem Fensterbrett an, damit die Passanten draußen das Licht sehen können.

 

 

 

Die Taborstraße ist keine ganz so übliche Hauptstraße. Sie ist das Herzstück des heutigen jüdischen Viertels. Die Besonderheiten fallen euch vielleicht erst jetzt auf und dann wisst ihr bereits, was diese bedeuten. Auch wenn eure Ernährung nicht koscher ist, könnte sich der Besuch einer der Supermärkte lohnen. Wolltet ihr denn nicht immer schon wissen, wie koschere Haribos schmecken?

 

Text: Sarah Feldmann

Fotos: Sarah Feldmann und Chabad Haus