Hesse im Loco?

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Loco, Samstags, zwei Uhr morgens. „Oida lesen is für Schwule!“, brüllt mir ein junger Mann auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch ins Ohr. Interessant. Liegt das an der Uhrzeit? Am allgemeinen Zustand? An der Location? Klar, wer beschäftigt sich schon gerne mit Büchern, wenn die Prioritäten gerade eher beim nächsten  Aufriss oder einem stundenlangen Rave liegen? Und ja, vielleicht ist das Loco auch einfach der falsche Club um über Literatur zu sprechen.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, stürze ich mich todesmutig ins Wiener Nachtleben. Bewaffnet mit Notizblock und iPhone-Kamera klappere ich vom Drum’n‘ Bass-Laden bis zum Schickimicki Club alles an Musik- und Gesellschafts-Gruppen ab. Mit einem Ziel – Buchtipps von der Wiener Fortgeh-Szene.

© Mira-Luna Traxler
Loco
Musikrichtung: Charts/Remix

Noch einmal tief durchatmen und ab ins Loco. Mein erstes und letztes Mal? Die Erwartungen sind auf jeden Fall nicht besonders hoch gesteckt, doch selbst diese sollen nicht erfüllt werden. Lasst das (Fremd-)Schämen beginnen! Die Unterhaltungen folgen alle ziemlich dem selben Muster: Ich entschuldige mich für’s Stören, frage nach dem Lieblingsbuch und meine Gesprächspartner sehen mich an, als hätte ich um die Lösung eines komplizierten physikalischen Experiments gefragt. Auch wenn nach mehrmaligem Wiederholen der Frage Kommunikationsschwierigkeiten beseitigt sind  – die Verwirrung ist nur noch größer. Wieso will ich denn jetzt bitte sowas wissen und man liest doch heutzutage nicht mehr und was sind überhaupt Bücher und ob ich denn nicht bitte einfach saufen will? Nach einigem Bitten und Betteln meinerseits gelingt es mir schließlich doch, genügend Antworten für ein Best-of zu sammeln:

  • Harry Potter, Joanne K. Rowling – Keine Frage, Harry Potter ist super, ich bin mir jedoch bei einigen unsicher, ob sie die Bücher tatsächlich gelesen haben oder aus Hilflosigkeit das erstbeste nehmen.
  • Eine wie Alaska, John Green oder Ein ganz neues Leben, Jojo Moyes – Die Mädchen sind meistens super lieb und bemüht mir ihre ernsthaften Lieblingsbücher zu nennen. Die eben genannten sind einige Male dabei, ich lasse das mal so stehen.
  • Kamasutra, Vatsyayana Mallanaga – Mädels aufgepasst! Männer, die in dieser Hinsicht anscheinend bestens Bescheid wissen, findet man zuhauf im Loco. Ich garantiere für nichts.
  • Ansonsten noch hoch im Kurs: Die Knickerbocker Bande, das Guinnessbuch der Rekorde 2006 (2006 dürfte der Renner gewesen sein), Mein Kampf (???) und nicht zu vergessen: Shades of Grey.

 

© Mira-Luna Traxler
Sargfabrik – Wandl
Musikrichtung: Hip Hop/Rap

Unverhofft kommt oft, und wie es der Zufall so will, lande ich in der neu eröffneten Sargfabrik, wo unter anderem Wandl auflegt. Das eigene Vergnügen darf ja auch nicht zu kurz kommen und so gehe ich meinen Uni-Pflichten erst zu späterer Stunde nach. Dieser Umstand hat meine Befragten jedoch in keiner Weise beeinträchtigt, die Reaktionen sind durch und durch positiv und die Antworten wohl überlegt. Egal welches nun das eigentliche Lieblingsbuch ist, genannt werden Freud, Hesse und Co. um möglichst intellektuell zu wirken. Das liest die HipHop-Fraktion Wiens:

  • Siddhartha, Hermann Hesse – drei mal genannt! Wann ist dieses Buch SO hip geworden?
  • Furcht und Zittern, Søren Kierkegaard – eine Auseinandersetzung mit der biblische Geschichte um Abraham und Isaak. Empfohlen von einem sehr schrägen Vogel mit 10 cm Kajal um den Augen.
  • Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Marcel Proust – wohl eines der bedeutendsten Werke der französischen Literatur, die Auseinandersetzung mit nahezu allen philosophischen und psychologischen Fragen der damaligen Zeit und intellektuell anspruchsvoll genug um vom Bauchtaschen-tragenden Hipster zum Lieblingsbuch gekürt zu werden.
  • Ebenfalls genannt: Momo, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Schiffbruch mit Tiger, .. (u.ä.)

 

© Mira-Luna Traxler
Flex
Musikrichtung: von bis, war bei D’n’B

Auch hier stifte ich mit meiner Frage große Verwirrung und  veranlasse einiges an Kopfzerbrechen. Wohl nicht wegen Mangel an gelesenen Büchern, sondern eher aufgrund vom momentanen körperlichen und geistigen Zustand. Ob bei einigen die Sechzehn schon erreicht ist, wage ich zu bezweifeln. Dafür umso kürzer der Rock und höher die Wahrscheinlichkeit ein berühmt berüchtigtes Flex-Klo-Foto gemacht zu haben. Tada, die besten Buchtipps der Flexbesucher:

  • Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, Christiane Felscherinow – spricht dann doch für sich.
  • High Sein: Ein Aufklärungsbuch, Henrik Jungaberle und Jörg Böckem – der Typ erklärt mir dazu, seine Mutter hätte es ihm ans Herz gelegt.
  • Harry Potter & Siddhartha – wie soll es anders sein?
  • Auch dabei waren unter anderem Jugend ohne Gott, Die Päpstin und Herr der Ringe.

 

© Mira-Luna Traxler
Chelsea – Attwenger
Musikrichtung: von bis, war bei „Neuer Volksmusik“

Um nochmal ein ganz anderes Publikum zu haben, gehe ich zum Attwenger Konzert im Chelsea. Die seit 1991 bestehende Zwei-Mann-Band aus Oberösterreich ist für ihre gesellschaftskritischen Mundart-Texte bekannt. Das Publikum ist bunt gemischt, den Altersdurchschnitt würde ich aber doch auf 40+ schätzen. Nirgendwo sonst kommt auf meine Frage soviel Freude und Redebereitschaft zurück. Von zehn verschiedenen Buchempfehlungen, einer ganzen Lebensgeschichte bis zu einer Einladung zum Tee nach Hause ist alles dabei. Besonders ausgefallen: Zwei 25-jährige Burschen, die keine ’normalen‘ Bücher lesen , sondern ausschließlich zu Sachbüchern greifen (z.B. Stille Machtergreifung). Während ich in den anderen Clubs (traurigerweise) den Großteil der genannten Bücher kannte, sind mir im Chelsea viele kein Begriff. Here we go:

  • Life and Opinions, Laurence Sterne –  Empfehlung eines ca. 45-jährigen Literaturwissenschaftler – der muss es ja wissen.
  • Das Buch Niemand: Gespräche über Nicht-Dualität und Befreiung, Richard Sylvester – gemeinsame Empfehlung von zwei befreundeten Mitte-40-jährigen die mir eine Weltreise anstatt eines Studiums ans Herz legen.
  • Alle Toten fliegen hoch Amerika, Joachim Meyerhoff – Leseempfehlung einer sehr betrunkenen Yoga Lehrerin
  • Früchte des Zorns, John Steinbeck – Empfohlen von Hugo, 45, Versicherungsmakler, nach einem gemeinsamen Bier gesteht er auch, Shades of Grey 1-3 gelesen zu haben. (oben am Bild zu sehen)
  • Sonst noch genannt Siddhartha (!!), 1984, Der Name der Rose,..

 

  • © Mira-Luna Traxler
    Passage
  • Musikrichtung: Charts/Remix

Ob nun Loco oder Passage besser ist, ist für mich definitiv eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera. Obgleich das Publikum sicher älter ist, gestaltet sich das ganze Unterfangen als mindestens genauso peinlich. Torkelnde Frauen auf High Heels, die „einfach niiiie lesen“ und Bücher „sooo langweilig finden“ und dann fragen, ob denn die InTouch nicht auch als Buch zählt. Ein weiteres Highlight: „König der Löwen – das mit den Bildern“. Und sowieso immer wieder die Aussage „Keine Ahnung, das was ich für die Uni halt so lesen muss“. Ein paar Empfehlungen bekomme ich dann aber doch zusammen:

  • Shades of Grey, E. L. James – nicht bloß einmal genannt.
  • Herr der Ringe & Harry Potter – welch Überraschung!
  • Rush of Love, Abbi Glines – Ein Liebes-/Erotikroman, indem sich Rush in seine verführerische Stiefschwester verliebt.
  • Auch dabei Die Wüstenblume5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuenDas Zeitalter der Fünf.

 

Voilà! Das liest Wien. So unterschiedlich das Zielpublikum der verschiedenen Clubs, so unterschiedlich auch die Lieblingsbücher. Neue Buchtipps hab ich nun bis zum Abwinken und die Idee, einen gemeinsamen Buchclub mit allen Befragten zu gründen, ist auch geboren. Um mit einem Zitat von Arthur Schopenhauer abzuschließen: „Vom Schlechten kann man nie zu wenig, und das Gute nie zu oft lesen.“

Mira-Luna Traxler

 

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